Gefährdete Himmelsboten

Von Camillo Kupke

 
Stark verschmutzt: Den Taufengel in der Kirche von Kunow (Uckermark) schuf Tischlermeister Christian Wiese. Die Figur aus der Zeit um 1719 wurde zwei Mal übermalt, unter diesen Schichten ist jedoch die Originalfarbe noch erhalten.
Foto: BDLAM

Frankfurt (Oder) (MOZ) Dem Taufengel in Groß Breesen (Spree-Neiße) ist kein Glück beschieden. Die 1705 gestiftete Lindenholzfigur hängt nur wenige Jahre im Gotteshaus. Pfarrer Johann Friedrich Menke notiert: "Anno 1733, den 2. August, riss der Strick, an welchem der Taufengel herabgezogen wurde und fiel nicht nur der Engel in Stücken, sondern auch ein sehr großer Stein ( ) von der Kirchendecke herab eben als nach beendeter Bethstunde ein Kind sollte getaufet werden." Verletzt wird niemand. Doch der wohl von Heinrich Bernhard Hattenkerell aus Mohrin (Neumark) geschaffene Taufengel ist arg ramponiert. Dennoch blieb er bis heute erhalten, wenn auch verschmutzt und ohne Arme und Füße.

Der Lausitzer Himmelsbote ist einer von sechs Taufengeln, deren Aufarbeitung dringend erforderlich ist. Allein die Restaurierung der Groß Breesener Figur benötigt 5000 Euro. Zur Finanzierung haben die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, das Landesamt für Denkmalpflege sowie der Förderkreis Alte Kirchen die Spendenkampagne "Menschen helfen Engeln" gestartet. In der Adventszeit sollen Postkarten und Faltblätter verteilt werden, um Paten zu gewinnen. Neben dem Groß Breesener stehen Engel aus Löhme (Barnim), Kreblitz (Dahme-Spreewald), Kunow (Uckermark) sowie Freyenstein und Schilde (beide Prignitz) auf der Liste.

Allein in Berlin und Brandenburg haben fast 150 der oft lebensgroßen und farbigen Taufengel die Zeitläufte überdauert, informierte Landeskonservator Detlef Karg bei der Vorstellung der Spendenaktion. Bei 74 Werken gebe es akuten Handlungsbedarf, fügte Restaurator Werner Ziems hinzu. Dabei gehe es nicht darum, die Engel wieder "schön bunt und komplett zu machen", vielmehr stünden Sicherungsarbeiten im Vordergrund, da sie vom Holzwurm geschädigt sind.

Die Geschichte der Taufengel beginnt nach dem Dreißigjährigen (1618-1648) und dem Nordischen Krieg (1700-1721), als verwüstete Kirchen wieder aufgebaut und barock umgestaltet werden, wobei Historiker annehmen, dass die ersten Skulpturen dieser Art in Ostpreußen und Brandenburg schwebten. Ihre Einführung hängt mit der Neuordnung des protestantischen Kirchenraumes zusammen. Dem lutherischen Verständnis nach sollte die Taufe nicht mehr neben dem Altar, sondern im Angesicht der Gemeinde vollzogen werden. Zudem gibt es erhöhten Platzbedarf durch das Bevölkerungswachstum. Um den Raum effektiv nutzen zu können, wird der schwere Taufstein entfernt und durch einen Taufengel ersetzt. Meist an einem Seil hängend, kann er nach dem Sakrament wieder zur Decke hochgezogen werden. Auch die von Luther gepriesene Engelsfrömmigkeit spielt eine erhebliche Rolle. 1531 schrieb der Reformator: "Wenn der Schutz der lieben Engel nicht wäre, würde kein Kind zu vollkommenem Alter erwachsen." Doch schon Ende des 18. Jahrhunderts ist die "Modeerscheinung" vorbei. Viele der "metaphysischen Fledermäuse", so das abfällige Urteil des Theologen Karl von Hase (1800-1890), werden im Zeitalter der Aufklärung wieder entfernt.

Dennoch können zahlreiche der einst 198 nachweisbaren Figuren auf Kirchenböden, in Kammern und Museen oder auch im Hühnerstall wie in Buckau (Potsdam-Mittelmark) überdauern. Es gibt gar eine Renaissance der Engel. Einige der lange verschmähten Lindenholzskulpturen sind an ihren angestammten Platz zurückgekehrt und werden für liturgische Handlungen genutzt. Das freut auch Friederike von Kirchbach, Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die märkischen Taufengel, häufig barfüßig und mit antikisierenden knöchellangen, flatternden Gewändern bekleidet, halten mal einen Lorbeerkranz in ihren Händen, mal eine Muschel, die vom Himmelstau die Perle empfängt, mal eine Schale oder eine Lilie. Auch Schriftbänder mit Bibelversen sowie Palmzweige werden verwendet. Viele der schlichten, dennoch qualitätsvollen Arbeiten sind bunt bemalt und tragen vergoldete Flügel. Besonders faszinierend sind die liebevoll geschnitzten Gesichter. Das gibt es Engel mit Pausbäckchen oder Puppengesichtern, mit spitzen Nasen oder Silberblick, oft auch Boten mit androgynen Zügen.

Märkische Oderzeitung vom 27. November 2009

   Zur Artikelübersicht