Engel in der Notaufnahme

Von Oliver Schwers

Der Taufengel in der Kunower Kirche zeigt Dekolletee 
Sehr freizügig: Der Taufengel in der Kunower Kirche zeigt Dekolletee. Zu Weihnachten darf er sogar den Weihnachtsstern halten. Doch die alte geschnitzte Holzfigur muss dringend restauriert werden.

Angermünde/Schwedt Normalerweise sollen Engel den Menschen auf Erden helfen. Doch manchmal kommt es andersherum. Ganz Brandenburg ist derzeit von einer Welle der Hilfsbereitschaft erfasst. Christen und Nichtchristen wollen zerbröselnde Taufengel in Dorfkirchen retten. Schlimm steht es um das Kunower Exemplar.

Es erinnerte schon stark an theatralische Szenen, wenn sich über dem Täuflingskinde ein pausbäckiger Engel in Lebensgröße von der Kirchendecke niedersenkte und in einer meist goldenen Schale das Taufwasser reichte. Die Zeremonie trieb nicht nur den Anverwandten die Tränen in die Augen. Sie trug auch Symbolwert. Denn ein Engel breitete sich schützend über den Erdenmenschen aus.

Die schwebenden Holzfiguren hielten nach der Reformation Einzug in den protestantischen Kirchen. Schnell breiteten sich über ganz Norddeutschland aus. Man schätzt, das fast jede Dorfkirche der Uckermark über einen eigenen Taufengel verfügte. Nur die wenigsten stammten aus der Werkstatt eines begabten Bildhauers wie die Figuren in Felchow und Dobberzin. Die meisten pausbäckig-naiven Gesichter entsprachen der Vorstellung der ortsansässigen Schreiner.

Doch dann fielen die mit viel Aufwand gehüteten Tauf-Assistenten dem Zeitgeist zum Opfer. Meist im 19. Jahrhundert und auch später noch verbannten Weisungen der Kirchenleitung die hölzernen Begleiter des Gottesdienstes. Man nannte sie gar "geschmacklos". Der Radikalkur fiel ein Großteil der Taufengel zum Opfer. Sie landeten auf Dachböden oder im Stall des Pfarrers. Oder im Ofen.

Doch mit den Engeln ist es wie mit den Wundern auf Erden. Sie wirkten trotz aller Verschmähung und blieben erhalten. Rund 150 Figuren, meist aus der Zeit des Barock, überlebten die Verbannung in Brandenburg. Treue Kirchendiener hüteten sie unter Spinnweben und Staub. Allein in der Uckermark tauchten 22 Taufengel im 21. Jahrhundert wieder auf. Die meisten hängen wieder an ihren früheren Standorten. Zum Beispiel der Engel von Dobberzin. Eines Arms beraubt, landete er im Magazin des Angermünder Heimatmuseums. Von dort fand er bei der Sanierung der Dobberziner Kirche Jahrzehnte später den Weg in den Altarraum zurück. Allerdings mit einem denkwürdigen Skandal. Denn der Kunstschmied Wilfried Schwuchow schnitzte ihm in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den fehlenden Arm - sehr zum Verdruss der Denkmalpfleger.

Das Exemplar aus Groß Fredenwalde lag sogar auf dem Kirchhof herum, bevor es ein Engelsretter ins Templiner Museum schaffte. Jetzt fliegt die Figur wieder in der heimatlichen Kirche herum.

Doch die harten Zeiten, der unglimpfliche Umgang und hungrige Holzinsekten machten den Taufengeln das Leben auch nicht leichter. Als man die Holzskulptur im uckermärkischen Wismar herabnehmen wollte, griffen Menschenhände tief in den Mehlstaub. Die Farbe hatte das gute Stück zusammen gehalten. Inzwischen liegt es auf dem Operationstisch der Restauratoren im Landesamt für Denkmalpflege.

Und weitere Patienten werden folgen. "Etwa die Hälfte aller Engel in Brandenburg sind so defekt, dass sie dringend vor dem Verfall gesichert werden müssen", warnt Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Er bezeichnet sie als "wertvolle Zeugnisse schlichter Volksfrömmigkeit und barocker Handwerkskunst". Allerdings kosten Wurmkur, Farbgebung und Instandsetzung ganzer Gliedmaßen viel Geld. Zwischen 3000 und 10 000 Euro müssen die finanziell überlasteten Kirchgemeinden für die jeweilige Notbehandlung bezahlen.

Das können sie nicht. Deshalb hat der Förderkreis mit der evangelischen Kirche und der Landesdenkmalpflege die denkwürdige Rettungsaktion "Menschen helfen Engeln" gestartet. Um bedrohte Ausstattungsstücke vor dem Totalverlust zu bewahren, sammelt man landesweit Spenden. Sie kommen vorerst sechs Akut-Patienten zugute. Zu ihnen gehört der Engel von Kunow. Schon seit Jahren bettelt Pfarrer Falko Becker um jeden Cent. Und zu Weihnachten verteilt er eine extra gefertigte Bitt-Postkarte.

Die Engelsliebe für die Flügelfiguren zeigt erstaunliche Reaktionen. Eine Spenderin überwies spontan 3000 Euro für den Patienten aus Wismar. Ein ältere Dame aus Falkensee stiftete sogar 5000 Euro und machte aus dem Taufengel der Kirche Rohrbeck einen Schutzengel für ihre fünf Enkel.

Seit Ende November flattern täglich Geldscheine auf das landesweite Hilfskonto. Sogar fünf weitere verloren geglaubte Tauf- engel kamen überraschend zum Vorschein. Ein extra gedrucktes Faltblatt mit sechs Postkarten informiert über die Hilfsaktion der ersten sechs Restaurierungsobjekte. Sogar Patenschaften sind möglich. Doch es ist nur ein Anfang. "Wir hoffen, dass wir die Aktion fortsetzen können", so Bernd Janowski. "Zu wünschen bleibt, dass die zurückkehrenden Taufengel nicht nur als melancholische Museumsstücke einer vergangenen Zeit gesehen werden, sondern möglichst häufig auch ihren lithurgischen Gebrauchswert zurückerhalten."

Inzwischen gehören sie wieder zu den viel beachteten Ausstattungsgegenständen der Kirchen auf dem Land. So wie in Hohenselchow, wo der Taufengel fast 30 Jahre fehlte und nun an altem Platz hängt. Oder in Felchow. Dort vervollständigt die gut erhaltene Figur die Ansicht zur barocken Wagner-Orgel.

Jetzt hofft der Förderkreis Alte Kirchen auf viele kleine und große Wunder. Für Engelsliebhaber stellt er sogar den Kontakt zu Gemeinden mit hilfsbedürftigen Taufengeln her.

Kontakt: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Telefon 030 4493051;

Spenden: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Konto 5199767005, Bankleitzahl 10090000, Berliner Volksbank, Stichwort: Taufengel

Märkische Oderzeitung vom 19. Dezember 2009

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