Eine Notkirche Marke Eigenbau

Von Mandy Timm

 

Neubarnim (MOZ) Im Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um die Seelower Höhen wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Neubarnim

Hätte Petra Sorge das nicht mit dem Kreuz gesagt, es wäre vermutlich gar nicht aufgefallen. Verwittert und sperrig hängt es übergroß und leicht nach vorn geneigt über ihrem Kopf. Das Kreuz an der braunen Baracke ist das einzig Zeichen, das darauf hinweist, dass die Kirche in Neubarnim eine Kirche ist - zumindest von außen. Petra Sorge sagt, ihre Kirchengemeinde hätte noch nie einen Farbeimer in einen neuen Anstrich des Kreuzes investiert. " Wir sparen " , sagt die 47-Jährige und lächelt dabei. " Alles Geld soll in einen Kirchenneubau fließen. Wenn wir Geld dafür in die Hand nehmen, dann soll es auch eine richtige Kirche sein. " Es wäre die dritte in Neubarnim.

Nach 1769/70 wurde 1961 zum zweiten Mal in dem idyllischen Dorf gebaut. Das Geld kam auch damals schon von der evangelischen Kirchengemeinde, die Baracke aus Bad Saarow. Gut 50 Jahre ist es her, dass die Neubarnimer auf ihrem Friedhof mit anpackten, um ihre neue Kirche per Hand aufzubauen. Ostern 1962 wurde das fertige Gotteshaus feierlich eingeweiht. " Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war von der einstigen Kirche nicht mehr viel übrig " , erzählt Petra Sorge. Sie ist die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates und gute Seele der Neubarnimer Kirche. " Während der schweren Kämpfe um den Ort brannte das Gebäude fast vollständig aus. " Eine SS-Einheit hatte die Kirche am 13. April 1945 in Flammen gesteckt. Einzig die Glocken blieben unbeschadet erhalten. Seit Anfang der 50er Jahre rufen sie wieder zu Gebet und Gottesdienst. Dafür wurde ein separater Glockenstuhl gebaut. Die hölzerne Konstruktion ersetzten die Neubarnimer später durch eine aus Stahl.

Nach dem Krieg hielten die Christen trotz des allgegenwärtigen Mangels an dem Wunsch fest, eine neue Dorfkirche zu bauen. Gottesdienste feierten sie bis dahin provisorisch im alten Schulhaus. Aber Kirche und Staat gemeinsam unter einem Dach, das ging nicht auf Dauer. Ein Neubau musste dringend her. Und der sollte die Nachfolge der zerstörten Fachwerkkirche antreten. Auf alten, vergilbten Bildern kann man sehen, dass damals wohl jeder im Dorf beim Aufbau anpackte. Bauern holten mit Fuhrwerken und Karren die Baustoffe heran. Frauen und Konfirmanden pickten in mühevoller Arbeit den Mörtel von Steinen. Unbezahlbar war das Engagement der Menschen am Bau ihrer Behelfskirche. Als solche wurde sie damals gebaut.

Ein Gotteshaus, massiv aus Stein, ist in Neubarnim deshalb nicht entstanden. Das Fundament des ersten Fachwerkbaus blieb, so weit vorhanden, erhalten. Das Holz kam aus Bad Saarow. Die alte Baracke wurde dort nicht mehr gebraucht. In Neubarnim schon. " Wer Zeit und Kraft hatte " , sagt Petra Sorge, " hat an dem Aufbau mitgearbeitet. Das schweißte zusammen. " In den 80er Jahren baute die LPG einen Anbau aus Stein dazu. Dort ist seitdem der Eingang. Für eine kleine Küche war auch noch Platz.

Die Neubarnimer wissen, dass ihre Behelfskirche etwas ganz Besonderes ist. " Sie ist nicht schön " , sagt Petra Sorge, " aber praktisch. " Innen ist es hell und freundlich. Die Wände sind mit großformatigen Bildern geschmückt. Auch solche von der alten Kirche sind zu sehen. Ein Miniformat des einstigen Fachwerkbaus steht neben dem Altar. Im Raum, der groß ist, aber niedrig, stehen 90 Stühle. So viele Gemeindeglieder hat Neubarnim mit Gieshof zusammen. Als der langjährige Pfarrer Furchert vor Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, da kamen sogar 130. Solche Ereignisse aber sind selten geworden. Höchstens 15 Christen würden heute die Gottesdienste besuchen, sagt Petra Sorge. Dann wird in der kalten Jahreszeit einfach die Winterkirche nebenan beheizt.

Als die Behelfskirche in Neubarnim gebaut worden ist, hat wohl niemand damit gerechnet, dass das Gotteshaus eine so lange Lebensdauer haben wird. Genau genommen ist ein Neubau auch längst überfällig. " Das Problem ist vor allem das Fundament " , sagt Petra Sorge. Weil die Kirche nur zur Hälfte auf festem Grund steht, sackt sie ab, Jahr für Jahr, Stück für Stück. Spuren sind längst sichtbar. Am Boden, an den Wänden. Armdicke Risse ziehen sich mittlerweile durchs Mauerwerk. Besonders dort, wo der Altar steht.

" So richtig hat sich noch niemand den Hut für einen Neubau aufgesetzt " , sagt Petra Sorge. Am Ende wird sie es wohl sein, schätzt die Neubarnimerin, die den Bau in die Wege leitet. Geld sei da, zumindest für einen kleinen Kirchenbau. Und bis es tatsächlich so weit ist, wird weiter gespart. Das sperrige Kreuz an der Notkirche hat auch ohne neuen Anstrich jede Menge Charme.

Märkische Oderzeitung vom 30. Januar 2010

   Zur Artikelübersicht