KIRCHEN: Das Wahrzeichen von Wittstock

Seit dem Mittelalter bestimmt St. Marien die Stadtansicht von Wittstock / Innenausstattung nicht nur wertvoll, sondern außergewöhnlich

WITTSTOCK - Keine andere Kirche hat die Menschen der Region in den zurückliegenden Jahren so sehr beschäftigt wie die Wittstocker St.-Marien-Kirche. Einwohner verfolgten nicht nur gespannt die Dachdeckerarbeiten, sondern gerade in Wittstock ist mit dem Gedanken an St. Marien auch der Gedanke an die politische Wende verbunden.

Will man die Geschichte dieser Kirche aufschreiben, muss man tief in die Geschichte der Stadt blicken – so, wie es der ehemalige Superintendent Kurt Zellmer getan hat, der eine Broschüre und ein Buch über diese Kirche geschrieben hat. Die Stadt war vermutlich schon in slawischer Zeit ein Zentrum für die umgebende Landschaft. Günstig gelegen am Zusammenfluss der Glinze mit der Dosse war die slawische Ringwallfeste inmitten des sumpfigen Geländes leicht gegen Feinde zu verteidigen.

Schon im Zuge der deutschen Ostbesiedlung ab Mitte des 12. Jahrhunderts kamen westliche Siedler in das Gebiet und bauten die alte slawische Burg aus. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts ließ Bischof Wilhelm (1199 bis 1244) die Stadt selbst anlegen – vielleicht schon mit Blick auf einen künftigen Bischofssitz wurde auch die Kirche recht großzügig geplant. Wittstock war in dieser Zeit eine aufstrebende junge Stadt, die Wirtschaft blühte, die Menschen kamen zu Wohlstand. Nur so kann es sich Kurt Zellmer erklären, dass die Kirche schon damals dreischiffig konzipiert worden war.

Der turmseitige Eingang befindet sich wahrscheinlich auf dem mittelalterlichen Bodenniveau, der damals ringsumher um einiges niedriger lag als heute. Mächtige Mauern tragen den gewaltigen Turm. Sie sind annähernd vier Meter dick. Der Turm ist heute nur noch 64 Meter hoch. Einer alten Maßangabe zufolge war er ursprünglich 122 Meter hoch. Ein Kupferstich von Matthäus Merian zeigt Stadtansicht von Wittstock von etwa 1662. Anhand dieses Bildes kann man sich eine Vorstellung von der ursprünglichen Höhe der Kirche machen. Mehrfach hat der Blitz in den Turm eingeschlagen. Zuletzt brannte er am 18. März 1698 komplett nieder. 1704 wurde er mit einer dreifach abgestuften Haube im barocken Stil neu aufgebaut. Die 15 Tonnen Kupferblech spendeten Lübecker Kaufleute.

Schon Mitte des 15. Jahrhunderts erwies sich die Kirche als viel zu klein. Damals reichte das Kirchenschiff nur bis zu jenem Pfeiler, an dem sich heute die Kanzel befindet. Den alten prachtvollen Ostgiebel kann man immer noch bestaunen, wenn man den Dachboden betritt, was ab und zu auch Besuchern gestattet ist, zum Beispiel am Tag des offenen Denkmals. Dahinter setze sich ein einschiffiger Langbau fort. Um 1451 wurde der alte, halbrunde Chor abgerissen und der dreischiffige Bau um fünf Joche Richtung Osten erweitert. Die zweigeschossige Kapelle an der Nordseite, die sogenannte Marienkapelle, ist 1484 von der Wittstocker Bürgerschaft finanziert worden. Vorausgegangen war ein Streit der Stadt mit dem Bischof Wedego. Vier Priester mussten darin die "Horen" zu Ehren der Jungfrau Maria lesen. Später wurde der Raum als Taufkapelle genutzt. Heute befindet sich im unteren Bereich der Kapelle ein Lager, das Obergeschoss beherbergt eine alte Kirchenbibliothek. Das wertvollste Stück dieser wird allerdings nicht dort aufbewahrt, sondern ist sorgsam in einem Safe unter Verschluss: eine Vulgata, das ist eine handgeschriebene Bibel in lateinischer Sprache, aus dem Jahr 1475.

Unter Bischof Otto wurde wenige Jahre später die Südkapelle angebaut. Vermutet wird, dass es an dieser Stelle bereits vorher eine kleine Sakristei gab. Reich verziert und sehenswert ist das Portal, das das Kirchenschiff mit der Südkapelle verbindet. Auch die besteht aus zwei Geschossen, unten befindet sich neben dem breiten Eingangsbereich die Sakristei, der obere Bereich ist zum großen Kirchenschiff geöffnet. Dort saßen vermutlich einst Stadtverordnete oder ein Schülerchor.

Sehr kostbar ist der untere Altar. Wie Kurt Zellmer sagt, wurde er vermutlich von dem bekannten Bilderschnitzer Claus Berg aus Lübeck angefertigt, der um 1530 am Hof der dänischen Königin Christine in Odense lebte. Der obere Teil des Altarschnitzwerkes in der St. Knuds Kirche in Odense, die eine der ganz großen Kirchen Dänemarks ist, zeigt das gleiche Motiv der Marienkrönung wie der Mittelschrein des Wittstocker Schnitzaltars, dessen Figuren alle aus Eichenholz gefertigt sind. Daher kann man fast mit Sicherheit die Herkunft aus der Hand von Claus Berg annehmen.

Wenn der Schrein des unteren Altars geschlossen wird, sind vier wertvolle Gemälde zu sehen. Kurt Zellmer kann sich noch gut an eine Begegnung mit einem russischen Soldaten erinnern, der wohl um 1980 in Wittstock stationiert war. Der war Kraftfahrer und hatte eine längere Pause dazu genutzt, die Kirche zu besichtigen. Zellmer war gerade vorn am Altar, als der Soldat kam und staunte. Dann erkannte er den heiligen St. Georg, eine wichtige Figur der russisch-orthodoxen Kirche. "Er sagte immerzu ,Georg, Georg’ und zeigte auf das Bild."

Der aufgesetzte, obere Altar stand früher einmal in der Bischofskapelle, denn immerhin war Wittstock fast 300 Jahre Sitz der Havelberger Bischöfe, die morgens ihre Andachten in der eigenen Kapelle abhielten. Schon vor dem 30-jährigen Krieg begann der Verfall der Burg und der Altar aus der Kapelle wurde in die Kirche gebracht.

Von der im Jahr 1550 geschnitzten Kanzel sagt Kurt Zellmer: "Die ist allein schon ein ganzes Buch wert." Die Figur unter dem Kanzelkorb stellt Moses mit den zehn Geboten dar. Die Treppe ist eine Predigt in geschnitzten Bildern. Man kann zehn Apostelfiguren erkennen, die Jünger Jesu. "Ein wunderbares Schnitzwerk", so Zellmer. Noch interessanter ist der Schalldeckel, an dessen sechs Ecken sich Frauenfiguren befinden, die die mittelalterlichen Tugenden Glaube, Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit, Hoffnung und Tapferkeit darstellen. Ganz oben auf dem Schalldeckel steht auf einer Erdkugel eine Figur mit einem Heiligenschein – eindeutig Jesus, der Sieger, der selbst auf einer von zwei Cherubim (Engel in hohem Rang) bewachten Bundeslade steht.

Ebenfalls ein außergewöhnliches Inventarstück ist der Sakramentschrein. Der soll aus einem Stück Eichenholz geschnitzt sein – und zwar der Legende nach aus jeder Eiche, die vor der Erweiterung des Kirchenschiffes im 15. Jahrhundert dort wuchs. In diesem Schrein wurden die geweihten Hostien aufbewahrt.

Eine Orgel soll es schon 1347 in der Kirche gegeben haben. Friedrich-Hermann Lütkemüller aus Papenbruch hat 1847 mit einer neuen Orgel, die ihm seine Liebste war, sein Meisterstück in Wittstock hinterlassen. Von diesem Instrument existiert noch jetzt das Gehäuse. Die heutige Orgel ist aus der Potsdamer Werkstatt von Alexander Schuke, sie wurde 1935 erbaut, weil die alte durch den Einbau einer Heizung stark gelitten hatte. 3575 Pfeifen mit 45 Registern sorgen für einen außergewöhnlichen Klang.

Die erwähnte Heizung ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Kurt Zellmer weiß zu berichten, dass die Gottesdienstbesucher eigentlich gar nichts davon hatten. Die Anlage befindet sich unter dem Altar. Die Lüftungsschlitze, durch die die heiße Luft nach oben strömte, kann man noch sehen. Der einzige, der des Winters in den Genuss starker Wärme kam, war der Pastor. Das Kirchenschiff blieb kühl.

Wer die Kirche besichtigen möchte, kann dies in den Sommermonaten tun. Dann ist sogar die Besteigung des Kirchturms möglich. Wer sich die Mühe macht und 168 Stufen bezwingt, hat eine wunderbare Aussicht auf Wittstock. Vorbei kommt man dabei auch an drei Glocken und einer kleinen Uhrenschlag-Glocke, die im Turm hängen. Ursprünglich waren es sieben Glocken, die im Jahr 1700 in Berlin gegossen wurden. Die große Glocke wiegt drei Tonnen, die mittlere 1,3 Tonnen und die kleine Glocke 0,6 Tonnen. Leider hat die große Glocke im Jahr 2000 einen Riss bekommen und harrt noch heute der Reparatur.

Renovierungsarbeiten im größeren Umfang gab es nicht erst in der jüngsten Vergangenheit, sondern schon 1725 und zwischen 1843 und 1846. Die Renovierungen der jüngeren Geschichte begannen Anfang der 1990er Jahre mit den Fenstern. 1996 folgte die Turmhalle, 1998 die Südkapelle und die Sakristei. Nachdem es in den zurückliegenden vier Jahren mit großem Engagement der Wittstocker Bürgerschaft und vieler auswärtiger Geldgeber gelungen ist, die Baufehler vergangener Jahrhunderte am Dach zu korrigieren und es neu einzudecken, stehen die evangelischen Christen aus Wittstock nun noch vor der Aufgabe, "den Grauschleier im Innenraum verschwinden zu lassen", wie es die Wittstocker Architektin Bärbel Kannenberg formulierte, die bei den jüngsten Arbeiten die Bauleitung innehatte. An einer so großen und wichtigen Kirche ist eben immer etwas zu tun. Aber eines weiß man: Auch wenn für die Mehrheit die Ausübung des christlichen Glaubens längst nicht mehr zum Alltag gehört – St. Marien ist das Wahrzeichen der Stadt, und das nun schon seit bald 780 Jahren. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 12. Februar 2010

   Zur Artikelübersicht