Geheime Zeichen auf den alten Glocken

Von Ulf Grieger

 

Seelow (MOZ) Das Pilgern ist wieder in Mode gekommen. Und damit auch die Suche nach den mittelalterlichen Pilgerwegen und allem, was noch daran erinnert. Rainer Oefelein, emeritierter Professor aus Kremmen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die an den mittelalterlichen Glocken zu erkennenden Pilgerzeichen zu dokumentieren. In Bollersdorf und Eberswalde ist er schon fündig geworden. Jetzt untersucht er die Glocken im Oderland.

"Ich will heute noch nach Hathenow und Podelzig",verrät der Wissenschaftler. Eine historische Landkarte mit Pilgerrouten, auf der die mittelalterlichen Glocken bezeichnet sind, ist seine Grundlage. Mit Bedauern nimmt er zur Kenntnis, dass es von der im Krieg zerstörten Hathenower Kirche keine Spur mehr gibt und auch die mittelalterliche Glocke von Podelzig verschollen ist. In Hohenjesar allerdings könnte sein Suchen von Erfolg gekrönt sein. Das Pilgerzeichen, das dort die Glocke ziert, könnte aus Rom sein. In Bollersdorf sind es französische Zeichen mit dem Hinweis auf Sankt Georg.

Wie es dahin gekommen ist? Das erläutert Oefelein in seinem Buch "Brandenburg: Mittelalterlicher Jakobsweg Berlin-Wilsnack-Tangermünde". Die Abzeichen, die die Pilger an den Wallfahrtsorten erwarben, waren nicht nur Andenken. Sie waren selbst heilige Gegenstände. Hatte so ein Zeichen das jeweilige Heiligtum direkt berührt, wurde es selbst zur Reliquie. Häufig wurde es in die Glocken eingegossen, schreibt Oefelein. So konnte sich die Heilswirkung des Pilgerzeichens mit dem Klang der Glocke über die ganze Gemeinde und das ganze Land ausbreiten. Durch die Verwendung des Pilgerzeichens als "verlorene Schalung" beim Glockenguss verschmolz die Blei-Zinn-Legierung des Zeichens und der entstehende Hohlraum füllte sich mit Bronze. So entstanden die Glockenzeichen. An Hand solcher Funde konnte die historisch wahrscheinliche Pilgerroute von Berlin nach Wilsnack rekonstruiert werden. Derzeit ist Rainer Oefelein gemeinsam mit seiner Frau, der Historikerin Cornelia Oefelein, noch dabei, seine Funde zu analysieren. Die Ergebnisse werden aber für die laufenden Forschungen zu den Pilgerwegen zusätzliches Material liefern können.

Im Rahmen eines im August gestarteten EU-Förderprojekts werden derzeit unter Federführung der Arbeitsinitiative Letschin 335 Kilometer eines Jakob-Pilgerweges einheitlich ausgeschildert und ausgestattet. 114 Kilometer liegen auf polnischer Seite, 221 auf deutscher. Sieben Partner sind daran beteiligt. "Wir haben die Vorbereitungen abgeschlossen und beginnen Anfang April im Bereich Frankfurt mit der Ausschilderung", informierte Horst Müller, Chef der Arbeitsinitiative. Erster Höhepunkt wird ein Etappenlauf von Frankfurt nach Brandenburg sein, der am 30. April in Frankfurt startet.

Märkische Oderzeitung vom 26. März 2010

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