KIRCHEN: Eine Decke wie ein Teppich

Die über 300 Jahre alte Dorfkirche von Biesen hat mehrere wertvolle Ausstattungsgegenstände

BIESEN - Für die Baugeschichte der Dorfkirche von Biesen war das Jahr 1927 sehr wichtig und das Jahr 1960. Vor über 80 Jahren wurde der alte Fachwerkturm abgerissen und ein neuer gebaut, wovon noch heute die Wetterfahne kündet. Es kamen neue Fenster ins Gotteshaus, die Orgel wurde erneuert, eine neue Glocke wurde in den Turm gehängt, die Treppen verlegt und die Kirche wurde neu ausgemalt. Über mehrere Jahrzehnte wurden dann erst mal keine weiteren Bauarbeiten durchgeführt. Erst 1960 ging es weiter, haben Leute aus der Gemeinde herausgefunden, als sie vor ein paar Jahren tief in die Archive abtauchten, um Dokumente über ihre Dorfkirche herauszufinden. Das taten sie in Vorbereitung des 300-jährigen Bestehens des Gotteshauses, das im Juli 2007 ganz groß gefeiert wurde.

Die Winterkirche

Birgit Buro vom Gemeindekirchenrat kennt "ihre Kirche" von Kindesbeinen an, und bei ihr läuft heute noch alles zusammen, was mit der Organisation des regen Gemeindelebens zu tun hat. In der Winterkirche, die hinter dem Altar abgetrennt ist und beim Betreten des Gotteshauses gar nicht zu sehen ist, finden Bibelabende statt, dort trifft sich die Frauenhilfe und früher kamen dort die Christenlehre-Kinder zusammen. Das ist heutzutage anders organisiert. Die Winterkirche, in der in der kalten Jahreszeit die Gottesdienste stattfinden, wurde im Jahr 1960 eingebaut. Zu diesem Zwecke wurde damals der wertvolle geschnitzte Kanzelaltar aus dem Jahr 1726 um ein paar Meter nach vorne gerückt, damit dahinter ein Raum abgetrennt werden konnte.

Die Orgel

Noch größer war der Aufwand für das Verkürzen der Orgelempore und die ist etwas ganz Besonderes. Im vergangenen Jahr wurde die Orgel umfassend restauriert. Das gesamte Pfeifenwerk wurde ausgebaut und gereinigt, geölt und neu eingestellt, die hölzernen Pfeifen wurden gereinigt und neu verleimt. Und die schadhaften Teile des Registers wurden erneuert. Wie aus dem Bericht des Orgelbaumeisters Andreas Arnold aus Plau am See hervorgeht, handelt es sich bei der Biesener Orgel um ein äußerst seltenes Brüstungsinstrument des Orgelbauers Friedrich Marx, gebaut im Jahr 1825. Damals waren Orgeln in Dorfkirchen eine absolute Rarität. Weit und breit findet sich nichts vergleichbares, weiß Birgit Buro. Die Prospektseite, also das Pfeifengehäuse der Orgel, ist in drei Felder unterteilt, die in die Brüstung der Orgelempore eingebaut sind.

Die Decke

Wenn man auf der Empore der Biesener Dorfkirche steht, ist man einer weiteren Besonderheit ganz nah: der Kassettendecke, die aus 378 langen und 378 quadratischen Feldern besteht. Alle Felder sind bemalt und von den 378 länglichen Kassetten gleicht nicht eine der anderen. Wie ein Teppich breitet sich diese Decke vor dem Betrachter aus. Man sieht Blumenmotive in immer wieder neuer Gestaltung. Vereinzelt sitzen Vögel auf den Blüten. In einem Feld ist statt eines Blumenmotives ein Wappen und ein Namenszug zu lesen: "Bernh. Graf von Plettenberg". Womöglich hat dieser Graf der Kirche einst diese Decke in den 1920er Jahren spendiert. Genaueres darüber fand sich in den alten Unterlagen aber nicht mehr.

Der Taufengel

Zur Ausstattung der Biesener Kirche gehört eigentlich auch ein Taufengel. Der ist aber derart marode, dass er schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr in der Kirche hängt. Vor ein paar Jahren kamen mal Historiker nach Biesen, die den Engel sehen wollten. Bis dahin wusste nicht einmal Birgit Buro von deren Existenz. Eingepackt hatte sie ihn in einer dunklen Ecke entdeckt. Beim Auspacken stellte man fest, dass beide Arme, das linke Bein, der linke Flügel, die Attribute und Teile der Haare fehlen. Der Hinterkopf ist zwar vorhanden, aber hat sich gelöst. Der rechte Flügel ist kaputt, aber noch vorhanden. Für die Kirchengemeinde wäre selbst eine Notsicherung des Engels zu teuer. Birgit Buro traut sich nicht, den Engel überhaupt anzufassen, um die Schäden daran nicht noch zu vergrößern.

Der Turm

Der etwas mehr als 80 Jahre alte Turm ist heute deutlich höher als sein Fachwerk-Vorgänger, der die Kirche nur wenig überragte. Marode und baufällig war er, als er 1926 abgerissen wurde. In dem Turm gab es einst drei Glocken, jetzt sind es nur noch zwei. Im Ersten Weltkrieg wurden zwei Glocken abtransportiert sie sollten eingeschmolzen werden. Eine dieser beiden Glocken kam nach diesem Krieg dank eines Lübecker Kaufmanns wieder zurück in den Heimatort. Die älteste Glocke soll schon im Jahr 1508 gegossen worden sein.

Die Wetterfahne oben auf dem Turm ist im Zuge der Bauarbeiten im Jahr 1927 aufs Dach gekommen. Ob irgendwelche Dokumente in der Turmkugel verborgen sind, ist nicht bekannt. Beim Decken des Daches im Jahr 2007 wurde jedenfalls eine Kartusche mit den typischen Zeitzeugnissen angefertigt und unterm Dach befestigt. Der Inhalt: eine Tageszeitung, Münzen, ein Foto von den Bauarbeiten, Papiere über den Bau.

Der Bauzustand

Im Jahr ihres 300-jährigen Bestehens hat die Biesener Kirche ein neues Dach erhalten. Das war dringend nötig, denn die Wasserschäden an der Decke waren schon nicht mehr zu übersehen. Der Außenputz ist mittlerweile auch schon ziemlich schadhaft, was man vor allem am Feldsteinsockel sehen kann. Zu tiefsten DDR-Zeiten wurde das Gebäude verputzt leider auch im unteren Bereich. Die Folgen sind unübersehbar. Der Putz speichert Feuchtigkeit und diese schlägt ins Innere durch. "Bevor wir nicht die Kirche außen verputzt haben, brauchen wir innen gar nichts machen", sagt Birgit Buro. Längst wäre es nämlich wieder einmal nötig, die Innenwände zu weißen. Doch im Moment sind die Aussichten auf Geld eher schlecht. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 15. Mai 2010

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