Wenn die Wände erzählen

KIRCHE: Ein Schatz hinter Feldsteinmauern: Mittelalterliche Malereien sind eine Besonderheit in der Herzberger Kirche

 
Für diesen Taufengel soll vor 300 bis 400 Jahren eine Herzberger Maid Modell gestanden haben.
Der Westturm mit seinen auffälligen Treppen gilt als Wahrzeichen des Ortes.

HERZBERG (Ostprignitz-Ruppin) - Lesen konnten die wenigsten Bewohner, als Herzberg um 1230 gegründet wurde. Die ersten Siedler, vermutlich Bergleute aus dem Harz, zeichneten sich eher durch ihr handwerkliches Geschick aus und durch ihren starken christlichen Glauben. Ihnen wurde die Geschichte Jesu deshalb bildlich dargestellt: In sanften, rot-braunen Tönen erzählen die Wände in der Herzberger Kirche von der Geburt des Messias, von den drei Weisen aus dem Morgenland, vom Leidensweg des Gottessohnes, der Kreuzigung und Auferstehung. "Den Gläubigen wurde die christliche Geschichte aufgemalt. Die Zeichnungen im Kirchenrund waren damals die Bibel für Arme", sagt Pfarrer Ulrich Baller.

Die Herzberger Feldsteinkirche, die vermutlich zwischen 1250 und 1300 nach dem Bau des Lindower Klosters entstand, wurde in den vergangenen Jahrhunderten zweimal vollständig bemalt. Die mittelalterlichen Fresken sind jedoch zwischenzeitlich übermalt und erst bei einer Renovierung vor 80 Jahren entdeckt worden. Einige Wandmalereien manche von ihnen sind vermutlich mehr als 700 Jahre alt sind inzwischen wieder freigelegt.

"Das ist ein Schatz, der längst noch nicht gehoben wurde", sagt Ulrich Baller, der die Pfarrstelle in Herzberg vor acht Jahren übernommen hat. Er zeigt auf die Weihekreuze an verschiedenen Stellen im Kirchenschiff. Sie müssen noch aus der Entstehungszeit der Herzberger Kirche stammen, meint Baller. Auch jenes fast verblasste Fresko, das das von einem Engel getragene Schweißtuch Christi zeigt, ordnet der Geistliche der Anfangszeit des Gotteshauses zu. Als Wehrkirche diente es in verschiedenen Kriegen als Zufluchtsort. Davon zeugen die noch ansatzweise erkennbaren kleinen Öffnungen, die Schießscharten glichen. Die jetzigen, großzügig angelegten Fenster entstanden in der Zeit des Barocks. Auch die ursprünglich gewölbte Decke wurde bei der Renovierung 1929 komplett neu gestaltet: Der Berliner Erich Kistenmacher malte die Lebensgeschichte Jesu an die Decke des Kirchenschiffes ausdrucksstark, kraftvoll und von wunderbaren Ornamenten umrahmt. Der Künstler hat auch die Decke in der Schönberger Kirche gestaltet.

Aus der Barockzeit stammen auch die beiden Taufengel. Für den goldgelockten, pausbäckigen Engel neben dem Altar soll "eine Herzberger Maid Modell gestanden haben". So sei es seit Generationen überliefert, sagt der Pfarrer. Der zweite, viel schlichtere Engel sei hingegen "ein Modell von der Stange". Er soll Jahrzehnte in einem Kohlenkeller gelegen haben und werde deshalb "Kohlenengel" genannt. "Es ist ein großes Glück, dass er erhalten geblieben ist, denn er ist wunderschön. Aber er müsste dringend repariert werden", sagt Ulrich Baller. Als der 51-Jährige die Pfarrstelle in Herzberg antrat, habe er nicht mit derart vielen Schätzen hinter den starken, schützenden Feldsteinmauern gerechnet. Auch die Herzberger Altarbibel von 1770 gestiftet vom damaligen Pfarrer Titius ist erhalten geblieben. Im Innenraum ist die ursprüngliche Atmosphäre des Gotteshauses noch immer zu spüren. Die Vergangenheit offenbart sich als wenn die Wände erzählen. (Von Katharina Kastner)

Märkische Allgemeine vom 05. Januar 2011

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