Ein Dorf arbeitet gegen den Verfall

von Doris Ritzka

 
Restauratorin Marlies Genßler arbeitet sich Stück für Stück vor. Unter dem Putz fand sie ein mittelalterliches Wandbild, unter der Altarfarbe bunte Malereien.
S. Hoke (3)
Vor zehn Jahren wurde der Frankenfelder Kirchturm samt mit barockem Stuck saniert.
Die Predella zeigt vier Szenen von Kreuzigung über Weltgericht bis Abendmahl.

FRANKENFELDE - An den Erhalt der kleinen Dorfkirche hatte selbst Pfarrer Christian Kohler nicht mehr so richtig geglaubt. Der Sakralbau stand kurz vor der Sperrung, als vor elf Jahren der Kirchenälteste Klaus Koch und der ehemalige Landrat Friedhelm Zapf zum Pfarrer kamen und darum baten, "sich kümmern zu dürfen". Sie durften - und mittlerweile sind rund 750 000 Euro in die Sanierung geflossen. Zu Gottesdiensten kommen auch Einwohner aus umliegenden Dörfern, in der Kirche gibt es Konzerte, Geschichtsvorträge, Lesungen und Filmvorführungen.

"Das ganze Dorf hat mitgeholfen", betont Zapf, nicht nur die 61 Kirchenmitglieder. Fast 100 000 Euro an Baukosten hat die 170-Seelen-Gemeinde selbst aufgebracht. Nicht nur durch Geldspenden: Indem sie selbst das Dach abdeckten, den Putz abschlugen, Schutt heraustrugen und Mobiliar einlagerten, sparten die Frankenfelder einen fünfstelligen Betrag. Die Hauptlast schulterten Bund, Land und Kirche. Los ging es 1999 mit dem Dach, später folgten Turm und Fassade, derzeit wird noch der Flügelaltar restauriert.

Einen großen Anteil daran hat der Bildhauer Norbert Blum. Bis kurz vor seinem Tod im vergangenen Jahr hatte der Biesdorfer Künstler für einen Freundschaftspreis viel Arbeit in die aufwendigen Schnitzereien gesteckt. Die Predella zeigt vier Szenen: die Kreuzigung, das Weltgericht, die Wiederauferstehung und das Abendmahl. Wer genau hinschaut, erkennt unter den Jüngern Jesu rechts oben die beiden Köpfe von Zapf und Kohler. Die waren zunächst mehr erschrocken als erfreut, nahmen die Auszeichnung aber stellvertretend für alle Helfer an. Immerhin wollten die Denkmalschützer die vom Holzwurm zerfressenen Köpfe aus Kostengründen ursprünglich durch Holzkugeln ersetzen lassen.

Der Altar stammt vermutlich von 1610, ebenso wie die Empore. "Er ist einer der schönsten in der Region", schwärmt Friedhelm Zapf. Zu Beginn der Bauarbeiten wurde der ursprünglich blau-weiß-goldene Altar auseinander genommen und ins Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege ausgelagert. "Der untere Teil war in einem katastrophalen Zustand", erinnert sich der pensionierte Lehrer. Teilweise habe nur noch der Lack die Figuren zusammengehalten. So aber konnten die Denkmalschützer mit der chemischen Keule dem Holzwurm den Garaus machen und dem Werk eines unbekannten Künstlers wieder Halt geben, indem sie Kunstharz in die Wurmlöcher spritzten.

Währenddessen liefen die ersten Arbeitseinsätze und Historiker haben ihre Freude daran, was dabei alles entdeckt wurde: ein Pestfenster von 1598, als 90 Menschen dem "Schwarzen Tod" zum Opfer fielen, ein Grabstein für einen Schäfer aus Frankenfeldes Blütezeit als königliche Stammschäferei, ein Altarschrein. "Dort ist er eingemauert", sagt Zapf und zeigt auf die Wand links hinter dem Altar. "Darunter liegt die Gruft", erklärt der 63-Jährige weiter. Einen Zugang gibt es nicht, auf das Fundament sind Arbeiter beim Ausschachten der Gräben für die Wasserleitung gestoßen.

Ausschnitt aus mittelalterlichem Passionszyklus entdeckt

Die Restauratorin Marlies Genßler aus dem Nachbardorf Sternebeck wiederum traute ihren Augen kaum, als sie unter dem Putz auf ein Wandbild aus dem Mittelalter stieß: Erst kam ein Helm zum Vorschein, dann das Gesicht eines bärtigen Ritters, eine Säule, Männer in orientalischer Kleidung und schließlich die Gestalt Jesu. "Ein Ausschnitt aus dem Passionszyklus", ist sich die Expertin sicher. Etwa fünf Farbschichten entfernte sie mit Pinsel und Skalpell, entdeckte Fresken, Verzierungen, Weihekreuze. Vermutlich werde an der gesamten Süd- und Nordwand die Geschichte Jesu erzählt. Aber die Restauratorin hat vorerst andere Probleme: Die von ihr mit dem Denkmalschutz erstellte und unter mehreren Kreide- und Farbschichten verborgene ursprüngliche Farbfassung des Renaissance-Altars wirkt für eine zuvor spartanisch weiß getünchte Dorfkirche ungewohnt farbenfroh, man könnte auch sagen knallig. Die Farben abzutönen, damit sie wie von der Zeit ausgeblichen aussehen, fände sie allerdings unehrlich.

So wie es aussieht, hat Marlies Genßler aber noch Zeit. Für die letzten Arbeiten fehlen 30 000 Euro. Friedhelm Zapf hofft auf Geld vom Konsistorium der Evangelischen Kirche in Brandenburg und von der Stiftung Denkmalpflege. Und die Frankenfelder freuen sich über jeden Grund den Sakralbau mal wieder neu einzuweihen.

Der Prignitzer vom 08. Januar 2011

Zum Weiterlesen:
Mitteilungsblatt vom Juli 2002: Statt Punkt Doppelpunkt gesetzt
Märkische Oderzeitung vom 20. Januar 2005: Wurmkur soll den Altar von Frankenfelde retten
Märkische Oderzeitung vom 10. Juli 2006: Erstes Stück des Frankenfelder Altarbildes saniert
Märkische Oderzeitung vom 05. August 2008: Dankesbezeugung aus Lindenholz

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