Treppenfund und einige Besonderheiten

Sachsendorf (moz) Im Bombenhagel der Schlacht um die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden 28 Kirchen in der Seelower Region zerstört. Oderland Echo stellt sie und ihre Geschichte in loser Folge vor. Heute: Die Kirche in Sachsendorf.

Im Zusammenhang mit der Sachsendorfer Kirche ist so einiges anders als bei den Kirchen in umliegenden Orten. Zwar ist auch ihr Turm im April 1945 von Wehrmachtsoldaten gesprengt worden. Die Trümmer fielen ins Kirchenschiff. Die prächtige Ausstattung des Kirchenraumes, darunter ein barockes Orgelprospekt und eine dreiseitige West-empore, verbrannten. Doch die Kirche blieb in ihrer Grundstruktur erhalten. Und nicht nur das: In Sachsendorf ist das ortsbildprägende Ensemble aus Kirche, Pfarrhaus und ehemaligem Gutshaus erhalten geblieben.

Zu verdanken ist das nicht zuletzt den Sachsendorfern selbst. Während andernorts die Menschen aus den Kirchenruinen Baumaterial für ihre Häuser holten, bauten die Sachsendorfer ihre Kirche aus eigener Kraft auf. Dafür habe es "keine großen Aktionen" gegeben, erinnert sich Erich Buss (79).

Er war im Herbst 1948 als Umsiedler ins Dorf gekommen. Die Sachsendorfer seien ab 1950 dem Aufruf ihres Pfarrers Karl Liesert zum Wiederaufbau der Kirche gefolgt. "Nach Feierabend sind die Leute mit ihren Fuhrwerken vom Feld an die Kirche gekommen, haben Steine geklopft und wieder verbaut." Auch Ziegel von der zerstörten Zuckerfabrik seien zum Wiederaufbau der Kirche verwendet worden, weiß Erich Buss.

Für den Wiederaufbau des Kirchendaches und der Decke haben die Sachsendorfer das Holz von ihren Bodenreform-Waldparzellen gespendet. Im Sägewerk in der ehemaligen Gutsschäferei sind die Stämme verarbeitet worden, ergänzt Magda Voigt. Die 81-Jährige ist begeisterte Hobbyhistorikerin. Sie hütet viele Dokumente zur Geschichte des Dorfes und der Kirche. Magda Voigt kennt auch die Geschichte um die letzte der ursprünglich drei Kirchenglocken. Die war in den Trümmern der Kirche gefunden und nach Kienitz gebracht worden. "Ende November 1954 hat Pfarrer Liesert meinen Mann Walter gebeten, mit seinem Traktor und Hänger die Glocke aus Kienitz abzuholen", erzählt die Sachsendorferin.

Am 1. Advent 1954 ist die Kirche wieder eingeweiht worden. Die Zeit der provisorischen Gottesdienste im Pfarrhaus war vorbei. Die Kirche sah nach dem Wiederaufbau allerdings anders aus: Der einst sehr hohe und mächtige, rechteckige Wehrturm war nur etwa zur Hälfte wieder aufgebaut, der baulich anspruchsvolle, mehrgliedrige barocke Helm durch ein einfaches Pyramidendach ersetzt worden. Statt der barocken Pracht von einst gibt es heute eine sehr schlichte Ausstattung im Kirchenraum.

Doch die Grundmauern des Kirchenschiffes blieben erhalten. So sind wichtige bauliche Besonderheiten des Sachsendorfer Gotteshauses, wie die dreireihigen Blendarkaden am Ostgiebel oder das rundbogige Westportal in der Spitzbogenblende bis heute zu sehen.

Sie weisen auf die fürs Oderbruch ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Kirche hin: Sie ist von 1514 bis 1519 anstelle zerstörter Vorgängerbauten errichtet worden. Und damit zu einer Zeit, als im Lebuser Land nicht viele Kirchen entstanden. Andere Besonderheiten der Sachsendorfer Kirche, wie das gotische Sakramentshäuschen, vier Apostelbilder und das 1906 an einer Holzsäule der Empore entdeckte "magische Quadrat", dessen Zahlen bei Addition in alle Richtungen die Zahl 15 ergaben, sind unwiederbringlich verloren.

Ein besonderes Teil aus dem einst prächtigen Altargerät der Kirche indes blieb erhalten der Abendmahlskelch. Der aus dem 17. Jahrhundert stammende silbervergoldete Kelch ist einer der ältesten im Kirchenkreis. Der damalige Pfarrer Georg Dürr und seine Frau Elfriede hatten den Kelch vor der Evakuierung des Dorfes am 5. Februar 1945 im Garten vergraben und nach der Rückkehr wieder geborgen. Erhalten blieb zudem die originale Taufschale.

Dass die Kirche noch heute überraschen kann, zeigt ein Erlebnis aus dem vorigen Jahr. Da wollte Pfarrer i.R. Christian Gehlsen, der mit seiner Frau Toni im Pfarrhaus lebt, lose Mauerreste aus einem zugemauerten Rundbogenentfernen und stieß auf eine Treppe. Bei der könnte es sich um den einst separaten Zugang zum Turm handeln.

Im Turm hängen heute wieder drei Glocken. Seit einigen Jahren können sie durch eine elektrische Anlage geläutet werden. Nach der Wende sind das Dach, die Decke und Wände der Kirche erneuert bzw. renoviert worden.

Alle zwei Wochen treffen sich die zur Hoffnungskirchengemeinde Oderbruch-Süd gehörenden noch etwa zehn Sachsendorfer Christen in ihrer Kirche zum Gottesdienst. "Ich bin dankbar, dass mich Christian Gehlsen dabei unterstützt, die Gottesdienste durchzuführen", sagt der für Sachsendorf zuständige Mallnower Pfarrer Martin Müller. Eine kleine Fotoausstellung erinnert im einstigen Dienstzimmer des Pfarrers im Pfarrhaus an die Geschichte des Gotteshauses.

Märkische Oderzeitung vom 05. Februar 2011

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