Unbekannt, aber von Meisterhand

KUNST: Eine Ausstellung in Potsdam stellt die Bilderwelt des märkischen Mittelalters vor

 
Clemens Bergstedt, Heinz-Dieter Hei-mann (Hrsg.): Im Dialog mit Raubrittern und Schönen Madonnen. Die Mark Brandenburg im späten Mittelalter. Lukas Verlag, 450 Seiten.

POTSDAM - Unter den Kunstlandschaften Mitteleuropas hielt Brandenburg im Mittelalter die Mitte. Aber auch diese Mitte war wieder aus einzelnen Kunstlandschaften gefügt: Politisch waren Alt-, Ucker- und Neumark, Havelland, Prignitz und die Residenzen Frankfurt (Oder) und Berlin zwar eine Einheit, über die seit 1411 die Hohenzollern regierten, ästhetisch aber behaupteten die genannten Regionen ihre Eigenständigkeit. Die Verschiedenheit dieser Einheit ist nun das Generalthema der Ausstellung "Märkische Kunst", mit der im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in die "Bilderwelt des Mittelalters" eingeführt wird (MAZ berichtete).

So alt die Exponate sind, so neu ist die gebotene Zusammenschau. Bislang hat es eine solche nämlich noch nie gegeben, nicht in Brandenburg, nicht in Berlin. Insofern füllt, was jetzt als Projekt "Raubritter & schöne Madonnen" firmiert, eine klaffende Forschungslücke: Potsdam, das Museum Bischofsresidenz Burg Ziesar, das Berliner Märkische Museum und die Stadt Brandenburg/Havel haben sich verbündet, um in Korrespondenzausstellungen erstmals das Panorama jener Epoche zu entfalten, die 1400 begann und mit der Reformation endete. Wie räuberisch die Raubritter wirklich waren, wird demnächst am Beispiel der Quitzows in Ziesar verhandelt. Die schönen Madonnen gastieren bereits in Potsdam. Herbeigeliehen aus großen Sammlungen in Berlin, Stendal oder Stettin, vor allem aber aus brandenburgischen Dorfkirchen.

Sie können Melancholikerinnen sein – wie die aus dem altmärkischen Dahlen, die an Kaiser Karls IV. böhmische Hoheit über Brandenburg erinnert. Sie können aber auch Pommerinnen oder Schlesierrinnen sein, je nachdem, welchem Stil die in der Neumark ansässigen Schnitzer frönten. Eher hanseatisch still ist ein Apostel aus Perleberg, indes der Wilsnacker "Schmerzensmann" dem Meißel eines Magdeburgers zu verdanken sein dürfte. Bedeutet unterm Strich: Brandenburgs Kunstlandschaft lag zentral und war deshalb auch international.

Die Plastiken und Tafelbilder, die Kurator Peter Knüvener in der einer dreischiffigen Kirche angeähnelten Ausstellungshalle platziert hat, zeugen von einer Frömmigkeit, die noch nicht renaissancehaft die Menschennaturen von Christus und Maria betont wissen wollte. Aber immmerhin begriff sie, wie der 1470 für einen Altar in der Berliner Franziskanerklosterkirche geschaffene Heiligenzyklus beweist, individuelle Physiognomien durchaus schon als Reflexe göttlicher Gnade.

Es sind Schätze, die hier beieinander sind, oft unbekannt, gleichwohl von Meisterhand. Es sind Schätze, die allerdings auch gefährdet sind und deshalb nicht von ungefähr in ihrer Versehrtheit präsentiert werden. Die Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Stiftung Kirchliches Kulturerbe, des Förderkreises Alte Kirchen, des Landesdenkmalamtes und privater Mäzene ermöglichte die Restaurierung, mindestens jedoch die Konservierung wertvoller Stücke. Weil diesbezüglich aber noch eine Menge zu tun bleibt, sollen durch die Potsdamer Ausstellung auch Spender gewonnen werden.

Das formidable Begleitbuch kann der Akqusie da nur förderlich sein. Historiker, Kunst- und Literaturwissenschaftler bitten hier in 50 Aufsätzen zu einer Tour d’Horizon durch Brandenburgs spätes Mittelalter. Auch das fehlte bis heute. Also: Noch ein Novum! (Von Frank Kallensee)

"Märkische Kunst – Bilderwelt des Mittelalters": Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte/Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. Di-Do 10-17 Uhr, Fr 10-19 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr. Bis 8. Januar 2012.

Clemens Bergstedt, Heinz-Dieter Heimann (Hrsg.): Im Dialog mit Raubrittern und Schönen Madonnen. Die Mark Brandenburg im späten Mittelalter. Lukas Verlag, 450 Seiten, 30 Euro - in der Ausstellung 24,95 Euro.

Märkische Allgemeine vom 09. September 2011

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