Die verschwundene Krone vom Kanzelaltar

Groß Schönebeck (MOZ) Vor Jahrzehnten ist der Aufbau vom Kanzelaltar in der Immanuelkirche entfernt worden. Wieder entdeckt hat ihn Groß Schönebecks Pfarrer Stephan Flade. Im Ehrenjahr des Alten Fritz soll der Kanzelaufbau wieder an seinen alten Platz.

 
Gräbt in der Geschichte der Immanuelkirche: Der Archäologe Günter Meinert ging auf Bitten von Pfarrer Stephan Flade der Frage nach, ob es möglich ist, dem Kanzelaufbau seinen angestammten Platz zurückzugeben.
© MOZ/Thomas Burckhardt

Es ist der zurückgebogene Stahlstab, der ihn überzeugt; Günter Meinert legt sich jetzt fest. Als er die Bank auf der zweiten Empore erklimmt, wird der Blick auf die Konstruktion frei. "Wir haben lange geknobelt und haben ausreichend Indizien", sagt der Archäologe und Bauforscher. Vor dem Stahl muss die hölzerne Erinnerung an Friedrich den Großen befestigt worden sein. "Das Unterteil der Krone korrespondiert in der Breite mit dem oberen Kanzelstück."

Entdeckt hat Pfarrer Stephan Flade den einstigen Aufbau, bald nachdem er vor zwei Jahren seinen Dienst in Groß Schönebeck aufgenommen hatte. Auch weitere Barock-Elemente fanden sich an. "Die antiken Vasen habe ich auf der Orgelempore gefunden", sagt Flade. "Mein Gedanke war, dass die Friedrich-II.-Geschichte eigentlich auf den Altar gehört." Flade und Meinert sind befreundet. Der Pfarrer bat den Archäologen, der in Berlin und Klandorf lebt und den sein Beruf im Rentenalter weiter umtreibt, um seine Einschätzung: Ist es überhaupt möglich, den Kanzelaufbau wieder an seinen angestammten Platz zu bringen?

In der Fachsprache nennen beide die als Fläche aus dem Holz geschnittenen Vasen "stilisierte Krater", gesprochen "Krateer". In Gefäßen dieser Art mischten die alten Griechen einst Wein und Wasser. Zum Altar würde das passen. Auch das Holzbauwerk ist "nichts anderes, als ein stilisierter Tempelaufbau", befindet Günter Meinert. Die Vasen müssen in den 50er oder 60er Jahren von ihrem Platz verschwunden sein. Ein Anhaltspunkt: ein Hochzeitsbild von 1957. Von den Fotos, die Pfarrer Flade nach einem Suchaufruf erhielt, zeigt es als einziges die Kirche von innen. Zu sehen sind darauf auch noch Inschriften an der Empore, die in den 60er Jahren übermalt wurden. Entstanden sind sie wie die bekrönte Kanzel Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Jahr 1746 bekam das Kircheninnere seine Ausstattung, wie sie weitgehend heute noch erhalten ist.

Als "Bauernbarock" bezeichnet Meinert die Stilform des Aufbaus. "Das kann jeder Tischler herstellen." Hat es aber nicht, vermutet der Archäologe, der in Uruk, heute Irak, Gräberexhumierungen vorgenommen, sich aber auch im Studium schon mit Kirchengeschichte befasst hat. Er hält es für möglich, dass die Kanzel-Krone nicht nur auf Friedrich den Großen hindeutet, sondern sogar aus einem der von ihm begründeten Regimenter heraus entstanden ist. Die Darstellung einer Sonne mit schwarzem Adler und der Aufschrift den Standarten, wie sie einige Brandenburger Regimenter verwendet haben. Der Preußenkönig stand als Patronatsherr der Groß Schönebecker Kirche vor.

Wo genau die Krater standen, erforschen Stephan Flade und Günter Meinert noch. Der Pfarrer und der Archäologe haben in großen Bibliotheken angefragt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Altäre häufig stilisiert abgezeichnet. Daraus erhoffen sie sich weitere Erkenntnisse. "Heute ist es ohne Weiteres möglich, die wurmstichigen Teile fachgerecht zu konservieren", sagt Meinert. Die obermalte Oberfläche kann problemlos gereinigt werden. Abgebrochene Stücke werden am Original nicht ergänzt. "Das wäre unwissenschaftlich."

Geld für die Restaurierung ist keines da. "Aber wir wollten damit anfangen", sagt Stephan Flade. Anlässlich des 300. Friedrich-Geburtstages soll sie in diesem Jahr fertig werden.

Märkische Oderzeitung vom 20. Februar 2012

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