Das Erbe gelassen bewahren

Die Zukunft unserer Dorfkirchen ist in einer schrumpfenden Gesellschaft bedroht. Jedes Jahr werden zehn der meist mittelalterlichen Gebäude überflüssig, fürchtet Bernd Janowski

 
Kirchen sind von außen sehr schön. Und innen manchmal ziemlich leer. Auf dem Foto: Die Dorfkirche Märkisch Wilmersdorf.
Foto: Hans Krag

Nach einer kürzlich veröffentlichten Statistik verliert der Landkreis Uckermark bei etwa gleichbleibender Tendenz seit 1990 jährlich etwa 2.000 Einwohner. Gab es Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch etwa 174.000 Uckermärker im drittgrößten Landkreis Deutschlands, so sind es gegenwärtig noch knapp 130.000. Bis zum Jahr 2030 wird ein Rückgang auf circa 98.000 Einwohner prognostiziert. 2.000 Menschen weniger pro Jahr.

Rein statistisch gesehen bedeutet dies, dass Jahr für Jahr etwa zehn Dörfer von der Größe des Ortes Melzow, in dem ich seit etlichen Jahren wohne, aufgegeben werden könnten. Und da in der Regel jedes uckermärkische Dorf über ein Kirchengebäude verfügt, hieße das, dass jedes Jahr zehn dieser zum größten Teil aus dem Mittelalter stammenden, denkmalgeschützten Kirchen überflüssig werden und zur Disposition stehen.

Nun ist solch ein Gedankenspiel natürlich nur bedingt ernst zu nehmen. Es soll jedoch eine Fragestellung verdeutlichen, vor der Kirche und Denkmalpflege gleichermaßen stehen, und zwar nicht nur im Landkreis Uckermark, sondern vielleicht vom sogenannten Speckgürtel rund um Berlin abgesehen landesweit: In absehbarer Zeit wird unser Hauptproblem nicht mehr darin bestehen, dass uns in großem Umfang Kirchengebäude wegen gravierender Bauschäden einzustürzen drohen, sondern die Frage: Wer besucht diese Kirchen eigentlich noch? Der Theologe Friedrich Schorlemmer bringt die Situation der kirchlichen Denkmalpflege lakonisch auf den Punkt, wenn er schreibt: "Kirchen sind außen sehr schön. Aber innen ziemlich leer."

Den reichen Schatz der Vorfahren bewahren

Bereits seit 22 Jahren bemüht sich der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg gemeinsam mit zahlreichen kirchlichen, kommunalen und staatlichen Institutionen, zusammen mit Stiftungen, Einzelspendern und vielen weiteren Partnern , den reichen Schatz an historischen Dorfkirchen, den uns unsere Vorfahren hinterlassen haben, für die Zukunft zu bewahren. Seit 1990 konnte der Förderkreis fast eine Million Euro an Zuschüssen für Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an Kirchengebäuden und ihren Ausstattungen ausreichen. Vor vier Jahren rief der Förderkreis Alte Kirchen zudem eine Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen ins Leben, die die Arbeit des Vereins auch langfristig absichern soll.

Gemeinsam mit den fast 300 lokalen Fördervereinen konnten selbst in kleinen Gemeinden Kirchen wieder hergestellt werden, für die es vor zwei Jahrzehnten keine Hoffnung mehr zu geben schien. Mit regelmäßigen Veranstaltungsreihen wie "Theater in der Kirche" und "Musikschulen öffnen Kirchen", mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Kunstaktionen gelingt es zusehends, die Kirchengebäude neben den seltener angebotenen Gottesdiensten auch für Menschen zu öffnen, die in einer weithin säkularisierten Umwelt religiös eher "unmusikalisch" sind. Die Gemeinden sollten dies als Chance für die Erhaltung der denkmalgeschützten Bauten, aber auch als missionarische Herausforderung sehen durchaus im Sinne der Bonhoefferschen Vision einer "Kirche für andere".

Demographischer Wandel, Schrumpfungsprozesse, Globalisierung, Ende des Industriezeitalters und Wegfall traditioneller Strukturen in der Landwirtschaft es sind gewaltige Themen, die von uns verarbeitet werden müssen und gewaltige Veränderungen, mit denen wir immer neu konfrontiert werden. Sollten wir in diesem Umfeld eines immer rasanteren Wandels nicht froh und stolz sein, dass es in nahezu jedem Dorf hierzulande ein Gebäude gibt, das sich den üblichen Rendite- und Nutzen-Forderungen entzieht? Kirchengebäude stehen für Heimat und Traditionsbewusstsein, aber auch für Entschleunigung und Orientierung.

Der Leiter des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland, Prof. Udo Mainzer, bringt es auf den Punkt: "Der Rasanz der Veränderungen müssen wir die Gelassenheit der Bewahrung entgegenstellen". Dies gilt, denke ich für die Denkmalpflege ebenso wie für die Kirche. Auch die Aufgabe der Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. ist mit diesem Satz treffend beschrieben.

Bernd Janowski ist der Geschäftsführer des Förderkreises "Alte Kirchen Berlin-Brandenburg"

Die Kirche vom 09. September 2012

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