900 Pfeifen unterm Werkstattdach

Ellen Werner

Die größten Pfeifen der Heerwald-Orgel beanspruchen in Andreas Mähnerts (o.) und Harry Sanders Orgelbauwerkstatt zwei Etagen.
© MOZ/Thomas Burckhardt

Eberswalde (MOZ) Pfeife um Pfeife arbeiteten sie sich vor. Seit Dezember ziehen sie alle Register. Die Traditionshandwerker von der Eberswalder Orgelbauwerkstatt restaurieren eine mehr als 140 Jahre alte Kirchenorgel aus Fehrbellin. Etwa einmal im Jahr haben sie einen so großen Auftrag.

Inzwischen hat der Siebeneinhalbtonner seinen Weg retour genommen. Monatelang hatte die historische Heerwagen-Orgel ihre Heimstatt in der Eberswalder Wilhelmstraße. "Die Arbeiten, die hier in der Werkstatt zu machen sind, haben wir weitgehend abgeschlossen", sagt Andreas Mähnert, einer der beiden Inhaber. Die größten Teile des Instrumentes sind wieder in Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin).

Ende November hatten die Eberswalder Orgelbauer es dort ausgebaut. Lediglich das Gehäuse und eine der zwei Klaviaturen, die mit der Hand zu spielen sind, ließen sie dort. "Vor fast 20 Jahren haben wir an der Orgel schon einmal gearbeitet", erzählt Mähnert. "Damals haben wir ein Manual spielbar gemacht."

Das war immerhin fast die Hälfte des Klangbildes. Das Pedal - die Tastenreihe für die Füße - war jedoch defekt. Damit fehlten die ganz tiefen Töne. Das zweite Manual war stark beschädigt, genauso wie ein Großteil der Holz- und Metallpfeifen. "Vor uns war das letzte Mal vor dem Krieg jemand dran", sagt der Orgelbauer.

Knapp 900 Pfeifen nahmen die Eberswalder mit in ihre Werkstatt. Das war auch eine logistische Herausforderung. "Die größte der Orgelpfeifen ist etwas über fünf Meter lang, die kleinste circa 17 Zentimeter", so Mähnert. Dank eines Handliftes konnten die Handwerker die Riesenröhren relativ unkompliziert über die Empore hieven.

Jede Menge Tischleraufgaben fielen bei der Arbeit an. In die Orgel hatte es hineingeregnet. Durch die Feuchtigkeit löste sich der Knochenleim, der einst verwendet wurde. "Dadurch waren viele Fugen aufgeplatzt - und dann klingt die Orgel nicht mehr", erklärt der 54-Jährige. An manchen Stellen hatten Laien zudem große Stücke aus den Kiefernholz-Pfeifen gesägt, um die Tonlage höher zu schrauben.

Außerdem restauriert der Eberswalder Betrieb auch die Windanlage, das eigentliche Herz der Orgel. Drei Blasebälge sorgen dafür, dass Luft durch die Pfeifen fährt und so die Töne entstehen. Zwei waren kaputt. "Die Scharniere und Ecken aus Leder waren aufgerissen, immer wieder überklebt und undicht", sagt Fachmann Mähnert.

Erbaut hatte die Kirchenorgel der bekannte Thüringer Orgelbauer Wilhelm Heerwagen vor 143 Jahren. Die Eberswalder Orgelbauwerkstatt ist noch älter. 1851 wurde sie gegründet und war immer in Privathand. Mähnert und Mitinhaber Harry Sander übernahmen sie vor neun Jahren von Ulrich Fahlberg. Mit den zwei Gesellen - Andreas Müller (32) war 1998 einer der besten angehenden Orgelbauer Deutschlands, Sanders Sohn Julian (22) bekam den Gesellenbrief im Februar - zählen die Eberswalder zu den rund 2500 Handwerkern, die der Traditionszunft bundesweit heute angehören. In Ostdeutschland sind von den rund 170 Orgelbaufirmen etwa 30 ansässig.

Dass die Instrumente tatsächlich neu gebaut werden, kommt aber selten vor. Sander und Mähnert hatten vor sechs Jahren solch einen Auftrag - sie bauten eine mechanische Schleifladenorgel fürs Olympiastadion. Die Restauration der Fehrbelliner Orgel ist ebenfalls ein größeres Werk. Monatelang waren ein bis zwei Leute permanent damit beschäftigt. "So ein Objekt haben wir etwa einmal im Jahr", sagt Mähnert.

Im Anschluss daran habe die Firma drei Objekte sicher. "Und zwei sind in Lauerstellung", ergänzt Harry Sander. Umfasste das Auftragsvolumen zu DDR-Zeiten zehn Jahre, könne der Betrieb heute gerade mal ein halbes bis dreiviertel Jahr vorausplanen. "Wir hoffen, dass wir in diesem oder im nächsten Jahr die Orgel in der evangelischen Kirche in Wandlitz restaurieren können", so der 61-Jährige.

Erst einmal haben die Männer in der Fehrbelliner Stüler-Kirche noch einiges zu tun. Ähnlich einem Puzzle müssen die vielen Einzelteile wieder zum Klangkörper zusammengesetzt werden. Nach Pfingsten hoffen sie noch auf eine Woche Einspielzeit. "Wir haben die Orgel ja bis ins Kleinste auseinandergenommen", sagt Harry Sander. "Bei Tausenden Verbindungen kann ein Sandkorn dazwischenkommen und ein Ton hängt."

Zwar haben Sander und Mähnert bereits Heerwald-Orgeln restauriert und wollen nach ihren Erfahrungen auch den historischen Klang wiederherstellen. Eine Überraschung wird das Spiel aber auch für sie. "Spannend ist das immer. Eine Orgel wird ja für den speziellen Raum gebaut", sagt Andreas Mähnert.

Märkische Oderzeitung vom 05. April 2014

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