Aktion "Offene Kirchen" im Havelland

Ziemlich offene Kirchen

Es werden immer mehr. 58 Kirchen aus dem Havelland beteiligen sich in diesem Jahr an der Aktion „Offene Kirchen“, im Jahr 2002 sind es gerade mal zwölf gewesen. Seit 15 Jahren laden landesweit Kirchen zum Besuch ein, fast eintausend sind es in diesem Jahr. Der Arbeitskreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hält die Fäden dabei zusammen.

Donnerstags wird in Falkenhagen zum Kirchencafé eingeladen.
Quelle: Marlies Schnaibel
Vor 15 Jahren begann die Aktion „Offene Kirche“. In Falkensee machen drei Kirchen mit.
Quelle: Marlies Schnaibel

Havelland. Die Aktion müsste eigentlich „Ziemlich offene Kirchen“ heißen. Denn die meisten Gotteshäuser können nur besucht werden, wenn man sich vorher einen Schlüssel holt. „Das wollten wir nicht“, sagt Olaf Schmidt, Pfarrer der Falkenseer Kirchengemeinde Falkenhagen. Die Kirche wird von Mai bis Oktober täglich geöffnet. Wie bei anderen, so ist auch hier diskutiert worden, ob das denn gehe. Die Erfahrung aber ist positiv, sagt der Pfarrer. Auch wenn eine angezündete Kerze schon mal für Aufregung sorgte.

Der Anstoß, bei der Aktion mitzumachen, kam gar nicht von außen, sondern aus der Kirchengemeinde selbst. „Mich sprach ein Mann an, der nach der Grabpflege an der Kirche gerne noch einmal zur inneren Einkehr in die Kirche gegangen wäre“, erinnert sich der Pfarrer. Aber die war außerhalb von Gottesdiensten oder Konzerten verschlossen. Nun ist sie offen. Das wird von Falkenseern wie Besuchern genutzt. „Wir haben dazu viel Zustimmung erhalten“, sagt der Pfarrer. Ein ganzes Schlüsselteam macht die Aktion möglich. Je zwei Mitglieder teilen sich einen Monat, sichern so die Öffnungszeiten ab. Im Mai sind das Doris Lotto und Elfriede Meier. „Früher sind immer mal wieder Leute mit dem Fahrrad vorbeigekommen und haben bedauert, dass die Kirche verschlossen ist“, erinnert sich Elfriede Meier. Sie gehört zu den 20Frauen und Männern, die die Kirche jeden Morgen um 8 Uhr aufschließen und um 20 Uhr nach einem Kontrollgang wieder abschließen. „Wir wollen ja keinen einschließen“, erklärt Doris Lotto die Abendrunde.

Sakrale Bauten im Havelland laden zu Besuch und Einkehr

Diese kleine Fachwerkschönheit steht in Priort.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Kleine

Der kleine Fachwerkbau von Priort hat etwas Familiäres an sich. Der Turm hat eine flache, geschwungene Haube, ist verbrettert. 1745 ist das Haus gebaut worden, damals war Jean Jacques de Monteton Patronatsherr. Schmuckreich ist die hölzerne Taufe gestaltet, die einen Johannesknaben mit Lamm zeigt. 1939 wurde eine kleine Eingangshalle vorgebaut, damals wurde die Kirche innen zusätzlich ausgestattet. Vor 20 Jahren gründlich saniert, ist das Haus seit Kurzem wieder eingerüstet, weil das Dach neue Ziegel erhalten muss.

Der große Altar prägt Nauens Jacobikirche.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Große

Die dreischiffige spätgotische Backstein-Hallenkirche St. Jacobi von Nauen steht in der Nachfolge der Spandauer Nikolaikirche. Die Anfänge gehen auf die Mitte des 12.Jahrhunderts zurück. Reste aus der Erbauungszeit sind im Turm unterbau zu finden. Der Turm ist mit seiner Barockhaube stattliche 55 Meter hoch, im Inneren führt eine Wendeltreppe mit 168 Stufen nach oben. Der große Schnitzaltar kam um 1710 nach Nauen. Der Bildhauer Schau aus Berlin und Tischler Hennicke sind als seine Schöpfer genannt. Kontakt über Pfarrbüro.

Fein verlegt ist der Fußboden vor dem Wustermarker Altar.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Schlichte

Von außen ist die Wustermarker Kirche eher unauffällig, im Innern überrascht sie mit einem schönen Altar und einem farbigen Fuß boden. Der ist mit Fliesen aus dem Hause Villeroy&Boch geschmückt, die zu einem Mosaik zusammengesetzt sind, 1885 war die Kirche innen neu ausgestattet worden. Das Haus in seiner heutigen Form stammt aus dem Jahr 1708, in der Zeit wurde auch der Kanzel altar geschaffen, der von schlanken korinthischen Säulen und den markanten Akanthuswangen eingefasst ist. Der Turm wurde 1793 umgebaut.

Die Ribbecker Kirche wurde zum Touristenmagneten.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Vielbesuchte

Die Ribbecker Kirche war in den Siebzigerjahren dem Untergang geweiht: „Baupolizeilich gesperrt“ war zu lesen, weiterer Verfall und Abriss drohten. Mit langem Atem und viel Kraft haben die Ribbecker die Kirche gerettet und schon früh nach der Wende für jedermann geöffnet. Jeden Tag sind das Haus, dessen Ausmalung in der Schinkel-Tradition steht, und sein Kirchencafé offen. In der Kirche findet sich der Rest des originalen Birnbaums, den Theodor Fontane in seiner legendären und deutschlandweit bekannten Ballade bedichtete.

Engelhafte Zuwendung erfährt der Besucher in Dyrotz.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Barocke

Männchen oder Weibchen? Ganz genau weiß man das beim Dyrotzer Taufengel nicht. Aber er schwebt erhaben und freundlich im Raum, der durch seine einheit liche Ausstattung besticht. Die ist 250 Jahre alt und entstand unter dem Patronat von Hans Ludwig von Ribbeck. Das Innere ist neben dem schwebenden Taufengel geprägt von einer Empore mit Blumenmalerei, von dekorierter Patronatsloge, qualitätvollem Kanzelaltar, einer Orgel mit Rokokoschnitzwerk, dem Schalldeckel mit Gottesauge, Posaunenengeln und einer farbigen, hölzernden Taufe.

Dieser Engel kniet in der barocken Kirche von Markau.
Quelle: Marlies Schnaibel

Die Kostbare

Als „prunkvollste Barockausstattung in einer märkischen Dorfkirche“ wird die Kirche von Markau gelobt. Der imposante Backsteinbau wurde um 1710 vollendet. Die Ausstattung ist ungewöhnlich aufwendig und prunkvoll, sie stammt aus der Zeit um 1760. Viele Einzelfiguren zieren Altar, Kanzel, Treppenaufgang, Schalldeckel und Loge. In Blau, Weiß und Gold erstrahlt die Kirche. Der knieende Taufengel gehört nicht zur Ursprungsausstattung und ist deutlich jünger. Früher stand er einmal in einer Jüterboger Kirche. Schlüssel bei der Pastorin.

Zu den Kirchen, die ihre Türen offen halten, gehören die Häuser in den touristischen Hochburgen Paretz und Ribbeck. Selbst vermeintlich unscheinbare Kirchen machen bei der Aktion mit. So in Seeburg, wo von der Kirche nach dem Krieg nur die Außenmauern standen und die nach der Wende aufgebaut wurde. Das Gros hält jedoch die Kirche nicht offen, sondern benennt einen Schlüsselverantwortlichen. In der Broschüre „Offene Kirchen“ sind alle Kontakte aufgelistet. Orte, Daten, Telefonnummern dienen zur Orientierung.

Doch diese Auflistung hat ihre Tücken. So ist Helga Breder aus Paulinenaue genannt. Sie wundert sich darüber. „Aber das gilt doch erst für das nächste Jahr, wenn die Buga ist“, sagt sie. Auch in Lietzow läuft man in die Irre. Hannelore Regent hat das mit dem Schlüssel jahrelang gemacht, nun kann sie nicht mehr, ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Nach Lietzow kamen immer mal wieder Interessenten, die sich für die Architektur von Friedrich August Stüler interessieren, der preußische Baumeister schuf die Lietzower Kirche vor 150 Jahren.

Gezieltes Interesse, das hat auch Renate Driever immer wieder ausgemacht. 14 Jahre schloss sie Neugierigen die Kirche von Falkenrehde auf, die hatten meist die „Wanderungen“ von Theodor Fontane unter dem Arm, der auf dem Weg von Nauen nach Potsdam auch durch Falkenrehde gekommen war. Aber Renate Driever kann die Aufschließdienste aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen, über einen Nachfolger hat sich der Gemeindekirchenrat noch nicht geeinigt. Man wundert sich in dem Dorf nur, warum man in dieser Broschüre steht.

„Die Autoren schicken Formulare rum und bitten um Aktualisierung“, weiß Pfarrerin Heike Benzin aus Wustermark. Wahrscheinlich hapert’s da mit mancher Rücksendung. Wer die Kirchen in Wustermark, Dyrotz oder Elstal besuchen will, kann sich bei ihr melden. „Das sind ja nur wenige im Jahr, die gezielt anrufen“, sagt sie, eher wird man von Besuchern direkt an der Kirche angesprochen. So kommt sie mit vielen ins Gespräch, weiß, dass der Tauf engel in Dyrotz der Liebling der Besucher ist und dass das Bild in der Kirche Elstal mit seiner Formensprache von 1937 für heftige Diskussionen sorgt. „Wir machen gern bei der Aktion mit und öffnen die Kirchen für unsere Leute aus dem Dorf ebenso wie für die Besucher, die meist aus Berlin kommen“, sagt sie.

Orgeln, Buga, Chorgestühl

Die Broschüre „Offene Kirchen 2014“ berichtet auf 120 Seiten über Kirchen in Berlin und Brandenburg. Mit mehreren reich bebilderten Beiträgen und einem Adressenteil leistet sie einen Beitrag zum Kulturtourismus.
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Das Angebot ist groß. Es reicht von der imposanten Stadtkirche bis zur kleinen Kapelle, von Ahrensdorf im Oder-Spree-Kreis bis Zützen in der Uckermark. Spezialisten können sich orientieren: Fahlberg-Orgel, Eule-Orgel, Gesell-Orgel, Hollenbach-Orgel, Hübner-Orgel, Janott-Orgel, Lütkemüller-Orgel, Marx-Orgel, Sauer-Orgel, Schuke-Orgel, Teschner-Orgel, Wagner-Orgel... alle, alle werden erwähnt.
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Kirchenwege im Havelland – die werden im Beitrag von Angela Wuschko vorgestellt. Sie blickt dabei schon voraus auf das Jahr der Bundesgartenschau. Die erstreckt sich 70 Kilometer, reicht gewissermaßen vom Dom der Stadt Brandenburg bis zum Dom von Havelberg. Bereits 2010 war der Verein „Kirche und Buga 2015“ gegründet worden, der unter anderem das Netz „Kirchenwege im Havelland“ geknüpft hat, das sich über 85Gotteshäuser zieht. Das Ganze wird mit EU- und Landesmitteln gefördert.
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Vom Gotteshaus zum Wohnhaus – so die Entwicklung der Kirche in Buchholz (Oberhavel). Theda von Wedel-Schunk stellt sie in ihrem Beitrag vor. Das verfallene Gebäude stand kurz vor dem Abriss und konnte gerettet werden – durch Verkauf und Umnutzung. Zwei Künstler wohnen hier heute, öffnen das Haus für Vorträge des Ortschronisten ebenso wie für Kunstworkshops und Ausstellungen.
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Spezielle Beiträge befassen sich mit dem Klosterstift Marienfließ in Stepenitz, mit mittelalterlichen Schmuckstücken in Mittenwalde und Werben, mit dem Chorgestühl im protestantischen Kirchenraum, mit Gefallenenkreuze in Brüssow, den imposanten Schnitzereien und Malerei in Waltersdorf und dem Wiederaufbau der Gubiner Kirche.
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Die aktuelle Broschüre „Offene Kirchen“ kostet 4,50 Euro. Sie ist über www.altekirchen.de erhältlich, in ausgewählten Buchläden und im Museum der Stadt Falkensee. ms

Von Marlies Schnaibel

Märkische Allgemeine vom 24. Mai 2014

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