MAZ-Sommerserie „Rekorde im Havelland"

Die älteste Kirche

Man sieht ihr das Alter nicht an. Die Paretzer Kirche ist die älteste im Havelland. Zumindest in ihren Ursprüngen. Urkundlich belegt ist, dass Markgraf Otto II. 1197 Ketzin dem Domkapitel zu Brandenburg schenkte. In dieser Zeit war also bereits ein Kirchenbau in Paretz vorhanden. Im Laufe der Jahrhunderte gab es vor allem zahlreichen baulichen Veränderungen.

Neugotischer Kleinod: Die Paretzer Dorfkirche wurde nach Plänen von David Gilly vor rund 200 Jahren umgestaltet.
Quelle: Wolfgang Balzer

Paretz. Heute erleben die Besucher die Paretzer Dorfkirche so, wie sie im Jahre 1797 nach den Wünschen von Kronprinz Friedrich Wilhelm (III.) und seiner Gemahlin Luise und nach den Plänen von David Gilly umgebaut worden war. Sie erhielt damals die dekorative neugotische Gestaltung der Fassade, das noch heute vorhandene Bohlenbinderdach, das große spitzbogige Fenster im Chor und den Anbau der Königsloge. Der Innenraum wurde illusionistisch mit Gewölberippen in Grisaillemalerei dekoriert.

Die Ursprünge dieses architektonischen Kleinods liegen allerdings viel weiter zurück. Urkundlich belegt ist, dass Markgraf Otto II. 1197 Ketzin, das slawische Porac sowie das deutsche Porets dem Domkapitel zu Brandenburg schenkte. Damit dürfte urkundlich belegt sein, dass in dieser Zeit bereits ein Kirchenbau in Paretz vorhanden war. Unter dem Mauerwerk entdeckte Feldsteinstrukturen bestätigen das. Auch die an der Rückwand des Chores 1962 und 1991 freigelegten und vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammenden und bis heute nicht veränderten Wandgemälde bezeugen das frühe Dasein der Kirche. Sie stellen nach derzeitigen Vermutungen auf der rechten Seite die „Verkündigung Mariae“, „Die Geburt Christi“ und auf der linken Seite „Christus als Weltenrichter“ dar.

Ursprünglich war der Umfang des Kirchenbaues bedeutend geringer. Eine geschlossene Balkendecke in etwa vier Meter Höhe über dem Altarraum reichte bis zur Hälfte des heutigen Kirchenschiffes. Erst um 1700 erhielt die Kirche einen Turm und noch 24 Jahre später ihre erste kleine Glocke, die noch heute die Christen zum Gottesdienst ruft.

Das wohl bekannteste Kunstwerk kam im Jahre 1820 in die Kirche. Friedrich Wilhelm III. ließ an der Westwand der Königsloge das von Johann Gottfried Schadow gestaltete Tonrelief „Apotheose der Königin Luise von Preußen“ anbringen.

Ein weiterer erheblicher Umbau nach den Plänen von August Stüler ist auf die Jahre 1856/57 datiert. Unter anderem erhielt der bis dahin düstere Kirchenraum auf jeder Seite die noch heute vorhandenen zwei Fenster und der Kanzelaltar wurde entfernt. Heute erklingt zu verschiedenen Konzerten auch wieder die von der Firma Gesell 1864 gebaute Orgel. Seit dem Ersten Weltkrieg hatte sie geschwiegen. Das Metall der Orgelpfeifen war zu Kriegszwecken gebraucht worden. Erst 1964 erklang sie wieder – mit vielen Provisorien. Jetzt sei sie wieder im Originalzustand mit der Klangfarbe von 1864, freut sich der Paretzer Hans-Wolfgang Keil, der die langjährigen Sanierungsarbeiten im Auftrage der Kirchengemeinde betreute.

Steine reden

Die älteste Kirche im Landkreis ist schwer zu finden, da eine durchgehende einheitliche Quellen- und Forschungslage für Rückschlüsse auf eine bestimmte Jahreszahl nicht existiert. Hier können baustilistsche Einordnungen helfen.
Vom Ursprung romanisch sind die Kirchen in Paretz (1190), Rathenow (1210), Schmetzdorf (1223), Bützer (1250) und Vieritz (1201/1251). Diese frühen Wurzeln sind bei allen Kirchen aber heute kaum noch wahrnehmbar

Die zahlreichen baulichen Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte führten bei der Sanierung zwangsläufig zu zahlreichen Kompromissen mit dem Denkmalschutz, blickte Keil zurück. Rund eine halbe Million Euro musste die kleine Gemeinde für diese Sanierung selbst aufbringen. Durch größere Spenden verschiedener Stiftungen, mit Unterstützung der Stadt Ketzin/Havel und vor allem durch eine große Anzahl Kleinspenden in der Kirche ist das letztendlich gelungen.

Gern verweist Keil auch auf die zahlreichen Kunstschätze in der kleinen Dorfkirche. So ist nun wieder das dreigeteilte Altarbild „Die Einsetzung des Heiligen Abendmales“ ständig im Altarraum der Kirche zu sehen. Es stammt von den Berliner Künstlern Karl Wilhelm Wach und Wilhelm Schadow und ist ein Geschenk Friedrich Wilhelm III.

Allerdings sind nicht alle Kirchenschätze täglich öffentlich zu sehen. Bei einem spektakulären Kunstraub im Jahre 1979 verschwanden auf bis heute nicht eindeutig geklärte Weise vier wertvolle Gemälde sowie die Altar- und Wandleuchter. Nur einige konnten auf teils kuriosen Wegen wiederbeschafft werden. Ein Teil dieser kunsthistorisch wertvollen Kunstgegenstände lagert inzwischen gesondert im benachbarten Schloss. Bisher nur einmal jährlich, zu Ostern, sind sie der Öffentlichkeit zugänglich und werden vorgestellt.

Die Paretzer Kirche selbst ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Sie lädt ein zum Schauen und Besinnen.

Serie: die MAZ stellt in ihrer Sommerserie Rekorde im Havelland vor. Zu lesen waren schon „Das tiefste Loch“, „Die älteste Feuerwehr“ und „Das höchste Gebäude“.

Von Wolfgang Balzer

Märkische Allgemeine vom 29. Juli 2014

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