Sanierung der Johanniskirche fast geschafft

Unsichtbare Meisterleistungen

Der erste Eindruck täuscht – an der Kirche Sankt Johannis ist ganz viel gemacht worden, auch wenn man es gerade im Innenraum kaum zu erkennen vermag. „Es gibt keinen Quadratzentimeter Mauerwerk, den wir nicht mehrfach angefasst haben“, schildert Architekt Achim Krekeler.

Jörg Wesoly, Alexander Wesch und Achim Krekeler in der Kirche.
Quelle: V. Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Sein Büro leitet seit drei Jahren das Sanieren des im 13. Jahrhundert als Franziskanerkloster errichteten Sakralbaus. So wurden beispielsweise alle Fugen und Risse im Mauerwerk mit Kieselsäureester vor dem Bröckeln und Aussanden geschützt. Aus dem gleichen Grund wurden alle Kanten der noch vorhandenen Putzschichten mit einem Spezialputz angeböscht, so dass nichts mehr krümeln kann.

Das sehen nur Eingeweihte und Menschen mit großem Interesse für den Schutz historischer Bauten. Ihnen wird auch auffallen, dass beispielsweise in den Strebepfeilern außen an der Südseite des Kirchenschiffes (zur Havel hin) einige Steine ersetzt werden mussten. Das war notwendig, um die sich neigenden Pfeiler von innen mit Stahlkonstruktionen zu stabilisieren.

Überhaupt war die gesamte Hülle lange ein „Wackelpudding“: Auf unsicherem nassen Grund gebaut, von einer Weltkriegsbombe schwer beschädigt, 1985 Dacheinsturz, dann lange notdürftig gesichert, sich selbst überlassen... „Anfangs hatte ich nicht gedacht, dass dieses eines unserer interessantesten Projekte wird, die wir bearbeitet haben“, sagt der weltläufige Architekt. „Diese Kombination aus Kriegszerstörung und langer Zeit, in der nichts passiert, ist unglaublich spannend.“

So galt es zuerst, die Mauern zu sichern, ihnen faktisch in der Erde „Füße“ zu verpassen, dann sorgte ein riesiger Ringanker aus Beton auf der Traufkante für Verwindungssteifigkeit. Erst dann konnte das nachgebaute gotische Dach in 60-Grad-Neigung aufgesetzt werden. Mit dem neuen Westgiebel aus Stahl und Glas bekam der wackelige „Schukarton“ – das anschauliche Bild hatte Krekeler-Projektchef Alexander Wesch gern verwendet – endgültig Halt.

Kostenrahmen eingehalten

840 Quadratmeter Kupferplatten bedecken das Dach der Kirche Sankt Johannis.
Auf dem 35 Meter langen Kirchenschiff liegen bis zu elf Meter lange Sparren.
Für das Dach wurden 47 Tonnen Stahl und 35 Kubikmeter Holz verbaut.
Die neue Westfassade besteht aus 10 Tonnen Stahl und 7,5 Tonnen Glas.
Die Kirche ist bis zur Traufe 17,5 Meter hoch, hinzu kommen bis zu zehn Meter Dach.
Die Breite beträgt etwas mehr als neun Meter.
Die Baukosten von 3,7 Millionen Euro wurden trotz unerwarteter Probleme genau eingehalten.
Drei Millionen Euro kommen aus „Städtebaulichem Denkmalschutz“.

Ein Meisterstück ist den Handwerkern bei den Fenstern des Kirchenschiffs gelungen. Das so genannte Goetheglas aus den Schott-Werkstätten in Zwiesel gibt es in dieser Fläche nur bis zu einer Stärke von vier Millimetern. Gebraucht wurden aber fünf Millimeter. Im Schloss Babelsberg hat Krekeler Goetheglas auf Industrieglas kleben lassen – das ist sehr teuer. Hier hatte Andreas Walter von der Berliner Glaswerkstatt die rettende Idee: Er nahm Industrieglas und ließ es in seinem Glaserofen noch einmal aufbacken. So bekam es die leicht wellige Oberfläche, die an historischen Bauten üblich ist. Also vom Industriestandard zurück zum Handwerk.

Die Windeisen, die den zehn Meter hohen Fenstern der Apsis Stabilität geben, sind aufgearbeitet.

Die gefundenen Malereien sind freigelegt, eine stammt von dem anonymen deutsche Maler „Meister der Spielkarten“ und zeigt eine Szene von Jesus am Ölberg – offensichtlich eine Skizze für die bekannte Radierungen-Reihe „Jesus und Maria“. Außer Jesus, einem Engel und einem Stück Weidezaun ist nicht so viel zu erkennen. Doch die Restauratoren haben nichts nachgemalt oder gar dazu gezeichnet, es ist lediglich der Ist-Zustand konserviert, die Fehlstellen mit Schlemme kaschiert.

Mittlerweile ist auch der Fußboden fast fertig – ein 20-Zentimeter-Stahlbetonschicht ist mit dem Gebäude verbunden. In der wiederhergerichteten Sakristei und im Seitenschiff werden die alten Fußbodenziegel eingelegt.

„Ich bin überrascht, dass trotz aller Widrigkeiten der Kostenrahmen vom Büro Krekeler gehalten wurde“, sagt Jörg Wesoly vom Stadtbetrieb GLM.

Von André Wirsing

Märkische Allgemeine vom 20. Januar 2015

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