Herzen als Symbol der tätigen Liebe

Kirche Des Guten Hirten in Guben vermittelt mit vielen kleinen Dachflächen die Geborgenheit einer Burg

GUBEN Jedes Gotteshaus birgt Geheimnisse und erzählt Geschichten. So üben Kirchen auf Menschen einen besonderen Reiz aus egal ob sie evangelischen oder katholischen Glaubens sind oder konfessionslos. Die RUNDSCHAU stellt in loser Folge die Kirchen der Region Guben und darüber hinaus vor und erklärt ihre Besonderheiten. Heute: die Kirche Des Guten Hirten der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK).

Die Kirche Des Guten Hirten gehört zum Stadtbild von Guben.
Foto: Jana Pozar/zar1
 
Pastor Michael Voigt ist fasziniert vom Taufstein in der Kirche Des Guten Hirten.
Foto: Jana Pozar

Der markante Bau der Kirche an der Berliner Straße in Guben ist vom Gubener Hutfabrikant, dem Geheimen Kommerzienrat Friedrich Wilke, 1901 in Auftrag gegeben worden. Beim Tod seiner Tochter Naëmi 1874 reagierte er so auf den Verlust seines Kindes mit der Gründung des Naëmi-Wilke-Stifts. 1901 kam sein Sohn Friedrich auf tragische Weise ums Leben. Friedrich Wilke stiftete "seiner" Lutherischen Gemeinde in Guben eine Kirche, die ursprünglich übrigens den Namen "Lutherische Friedrichskirche" erhalten sollte, was allerdings verworfen wurde. Gebaut wurde das Gotteshaus nach Plänen der bekannten Berliner Architekten Otto Wilhelm Spalding und Alfred Grenander. Die Kirche ist der einzige sakrale Bau der beiden Architekten. Sie wurde am 23. Juni 1903 geweiht.

Die wuchtige Gedrungenheit der Kirche rührt von der romanischen Grundform des im damals vorherrschenden Jugendstil erbauten Gebäudes. Die vielen kleinen Dachflächen vermitteln die Geborgenheit einer Burg, ebenso wie die im Eingangsbereich in Stein gehauene Bank mit dem Quellbrunnen zum Verweilen einlädt. Der stilisierte Kreuzgang und die Vorgärten zu beiden Seiten der Kirche laden die Besucher ein, zur Ruhe zu kommen.

Pastor Michael Voigt lebt seit 2012 in Guben. Er liebt "seine" Kirche. Fasziniert ist er von der Schönheit und Zweckmäßigkeit des Baus, der wunderbaren Akustik, die sich in der etwa 150 Leuten Platz bietenden Kirche entfaltet. Auch drei im Krieg original erhaltene Farbglasfenster in der ehemaligen Familienloge der Wilkes haben es ihm angetan. Glaube, Liebe und Hoffnung sind darin stilisiert dargestellt. "Das Herz ist das Symbol der tätigen christlichen Liebe, der Wilke sein ganzes Leben gewidmet hat", erklärt Voigt. Es ist auch sonst an vielen Stellen der Kirche zu finden, durchzieht die Emporenbrüstung, umrahmt die Kronleuchter und ist an den Wangen der Bankreihen eingearbeitet.

Sein Lieblingsplatz in der Kirche, so der Pastor, sei der Taufstein, der auch aus dem Gründungsjahr der Kirche stammt. "Wenn ein Mensch Christ wird, so ist die Heilige Taufe ein Grunddatum seiner Gottesbeziehung. Sie ist ein Rechtsakt, wie eine Adoption. Gott sagt in der Beziehung zu einem konkreten Menschen von seiner Seite her Verbindlichkeit zu, weil er möchte, dass wir auf seine Liebe reagieren", sagt Voigt, während er die glatte Oberfläche des Taufsteins aus Muschelkalk berührt. Über dem Taufstein hängt ein Bild des Guten Hirten. Das Gemälde vom Niederlausitzer Historienmaler Paul Thumann war früher das Altarbild der Kirche. Es gab ihr 1983 auch ihren jetzigen Namen. Damals erhielt der Altarraum zur besseren Beleuchtung der Kirche drei moderne Farbglasfenster, die in Spannung zum ansonsten vorherrschenden reinen Jugendstil der Kirche stehen. Die Fenster zeigen biblischen Geschichten, die sowohl Quelle als auch den Vollzug des christlichen Glaubens zum Ausdruck bringen.

Während der Pastor in den Glockenturm hinaufsteigt, erzählt er, dass die drei Glocken der Kirche Des Guten Hirten im Klang mit den Glocken der Klosterkirche zusammenpassen. Gegossen wurden sie bereits 1901 in Bochum. "Das zeigt, wie weitsichtig Wilke plante", bemerkt Voigt. Noch heute laden die Glocken zu Gottesdiensten und Festen in das kleine Kirchlein ein. "Es ist ein Weihnachtsgeläut", erklärt der Pastor, "denn die Inschriften der Glocken verkündigen die Weihnachtsbotschaft: "Ehre sei Gott in der Höhe" auf der großen Glocke, "Den Menschen ein Wohlgefallen" auf der mittleren und "Friede auf Erden" auf der kleinen Glocke.

Auch die Orgel stammt noch aus dem Jahr der Kirchenweihe. Sie wurde 1903 von der bis heute renommierten Orgelbaufirma Sauer in Frankfurt (Oder) gebaut und mit volltöniger romantischer Intonation ausgestattet. Bis heute begleitet sie sonntäglich den Gemeindegesang.

Überhaupt ist alles in der Kirche sichtbar gut erhalten. Die Gemeinde hat sich stets um den Erhalt "ihrer Kirche" gekümmert. So bei der grundlegenden Renovierung von 1980 bis 1983, aber auch nach der Wende, als auf einmal solides Baumaterial für Dach und Außenhaut zur Verfügung stand. So erstrahlt das Äußere der unter Denkmalschutz stehenden Kirche seit 1996 wieder im ursprünglichen Glanz.

Jana Pozar / zar1

Lausitzer Rundschau vom 21. Januar 2015

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