Drei Kirchen aus dem 13. Jahrhundert
Eine Reise in den östlichsten Zipfel des Barnims
Wenn man sich dafür interessiert, kann man als Pfarrer in seiner Dienstzeit Kirchen sehr genau kennenlernen. Zu meinem Dienstbereich in der Lunower Pfarrstelle haben sechs Kirchen gehört mit ganz unterschiedlicher Geschichte.
Die meisten Dorfkirchen Brandenburgs stammen aus der frühen Zeit der „deutschen“ Besiedlung im 13. Jahrhundert, die zumindest in unserem Bereich eher eine flämische Besiedlung war. Aber daneben gibt es auch Kirchen aus dem 19. Jahrhundert und solche, die so oft umgebaut oder umgestaltet wurden, dass man sie eigentlich keiner Epoche mehr ganz zuordnen kann.
Parstein – Gotik und Neogotik
Foto: Thomas BergZu meinem Dienstbereich gehörte die Kirche in Parstein, ein Bau aus dem 13. Jahrhundert, für eine Dorfkirche ziemlich groß, mit einem echten eingezogenen rechteckigen Chor. Wahrscheinlich haben die Regionalplaner des 13. Jahrhunderts, die Lokatoren, einen Aufschwung für den Ort auf halbem Wege zwischen Angermünde und Oderberg erwartet, der jedoch nie eingetreten ist. Parstein hatte Mitte des 19. Jahrhunderts gut 500 Einwohner. Derzeit sind es etwa 250. Auch bei gut besuchten Gottesdiensten oder Konzerten wirkt diese große Kirche immer etwas leer.
Von 1699 bis 1821 gab es in Parstein zwei Pfarrer. Einer, deutschsprachig und lutherisch, war für die deutsche Gemeinde zuständig, der andere, französischsprachig und reformiert, kümmerte sich um die Nachkommen der zugezogenen Hugenotten. 1821 wurden die französischen Gemeinden umstrukturiert, seitdem gibt es in Parstein keinen französischen Pfarrer mehr. Seit 1998 gehört Parstein zur Lunower Pfarrstelle, die seit zwei Jahren unbesetzt ist und von Brodowin aus vertreten wird.
1880 ist die Kirche nach einem Blitzschlag ausgebrannt. Sieben Jahre hat es gedauert, bis sie wieder neu hergerichtet wurde. So sind die heutigen Außenmauern gotischer Bestand, weitgehend aus der Bauzeit erhalten. Innen ist die Kirche einheitlich neogotisch ausgestattet. Gestühl, Altar und Orgel passen zueinander.
Allerdings konnten schon im ausgehenden 19. Jahrhundert die Bauleute mit Feldstein wohl nicht mehr wirklich gut umgehen. 1897 sollte ein Kirchturm ergänzt werden, passend zur Kirche, eben in Feldstein. Am 27. März 1897 wurde mit dem Bau begonnen, am 22. Mai jedoch brach alles wieder zusammen. Nun wurde statt mit Feldsteinen mit Ziegeln gebaut. Am 3. September konnte Richtfest gefeiert und am 3. Dezember der Turm eingeweiht werden. Dieser zweite Versuch, in Ziegel ausgeführt, steht bis heute.
Der schiefe Turm von Stolzenhagen
Foto: Thomas BergKeine sechs Kilometer entfernt steht die Stolzenhagener Kirche. Ursprünglich war sie ein nach Osten ausgerichteter Feldsteinbau des 13. Jahrhunderts. Doch die heutige Kirche wird in ihrer Erscheinung von den Umbauten des Jahres 1737 geprägt. Veranlasst wurden diese vom Patron des Ortes Carl Dietrich von Holzendorf, der in der von ihm umgebauten Kirche vor dem Altar begraben liegt. Im Süden wurde ein Turm vor die Kirchenwand gestellt. Im Bereich des Turmes wurde die Südwand aufgebrochen. Der in Feldstein ausgeführte Unterbau des Turmes ist in die Kirche einbezogen worden. So hat die Kirche heute einen T-förmigen Grundriss. Der Altar steht seitdem nicht mehr im Osten, sondern gegenüber dem Eingang an der Nordwand der Kirche. Der Turm selbst ist als Fachwerkbau errichtet. Im zweiten Weltkrieg wurde ein Eckstiel zerschossen und musste später ersetzt werden. War die ganze Turmkonstruktion von Anfang an schon ziemlich mutig konzipiert und zum Teil mit minderwertigem Holz ausgeführt, haben der Kriegsschaden und die folgende Reparatur den Zustand des Turmes deutlich verschlechtert. Bald nach der Wende mussten mehrere Stiele ausgetauscht werden. Doch wenige Jahre später hat eine hölzerne Säule nachgegeben, auf der die ganze Turmkonstruktion ruht. Der Turm, der immer schon etwas schief stand (obwohl nicht in Pisa), hat sich noch weiter geneigt. Nach einer eiligen Notabsteifung wurde ein gewaltiger Stahlträger eingezogen, der nun das ganze Kirchenschiff überspannt und auf dem jetzt der Turm ruht, immer noch schief, aber stabil.
Im Turm hingen drei Glocken. Eine davon wurde im ersten Weltkrieg für die Rüstungsproduktion eingezogen und eingeschmolzen. An sie erinnert ein leeres Joch im Glockenstuhl. Eine zweite Glocke wurde im zweiten Weltkrieg eingezogen und sollte ebenfalls eingeschmolzen werden. Sie konnte aber am Ende des Krieges durch den damaligen Pfarrer Grützmacher vom Hamburger Glockenfriedhof zurück nach Stolzenhagen geholt werden. Sie hat den Krieg unbeschadet überstanden. Die dritte Glocke ist sehr alt, stammt der Bauform nach wohl aus der Bauzeit der Kirche im 13. Jahrhundert. Sie ist Anfang der 1960er Jahre beim Läuten gesprungen. Als nun für die einzige funktionstüchtige Glocke das Joch erneuert werden sollte, zeigte sich, dass ihre Aufhängung mehrere Risse aufwies und sie so nicht wieder eingebaut werden konnte. So sind beide Glocken dem Turm entnommen worden und nach Holland zum Reparieren gereist. Beide hängen nun wieder, wo sie hingehören, und beide werden regelmäßig (elektrisch) geläutet.
Brandenburger Barock in Lunow
Foto: Thomas BergMit dem Fahrrad in fünfzehn Minuten zu erreichen, steht wenige Kilometer südwärts die Lunower Kirche. Hier im Nordosten Brandenburgs hat jeder Ort „schon immer“ seine eigene Kirche. Bei der Größe der Orte, den wenigen Einwohnern und den noch kleineren Gemeinden ist der Erhalt dieser Gebäude eine stete Herausforderung. Zur Lunower Pfarrstelle mit ihren 1900 Einwohnern gehören fünf Kirchen.
Auch die Lunower Kirche stammt aus der Zeit der flämischen Besiedlung unserer Gegend, also aus dem 13. Jahrhundert. In der Ostwand befinden sich bis heute drei schmale spitze Fenster aus gotischer Zeit. Auch der hohe Ostgiebel, der das heutige Dach um über einen Meter überragt, zeugt von einem steilen gotischen Dachstuhl, der hier einst stand. Wahrscheinlich hat man nach den Schäden des 30jährigen Krieges unter Verwendung vorhandenen Materials das Dach „tiefer gelegt“. Dazu hat man wohl die Dachsparren eingekürzt und wiederverwendet. Am Turm ist 1751 und 1848 gebaut worden. Im zweiten Weltkrieg erlitt er Schäden durch den Beschuss von der anderen Seite der Oder. In den Jahren danach wurde repariert. Nach der Wende konnten Turm und Dach von Grund auf saniert werden. Die Turmuhr, die im Krieg einen Totalschaden erlitten hatte, zeigt heute wieder die Zeit. Allerdings werden die Zeiger nun elektrisch angetrieben.
Der Innenraum der Kirche wird geprägt durch die großen Fenster, die 1848 in die Wände gebrochen wurden, durch die Empore und die Orgel von Lang & Dinse, die ebenfalls aus dieser Zeit stammen. An der Ostwand steht ein Kanzelaltar aus dem Jahr 1725. Heinrich Bernhard Hattenkerell hat ihn geschnitzt. Hattenkerell stammt wohl aus einer Bielefelder Bildschnitzerfamilie. Dort muss man erfahren haben, dass in Brandenburg mehrere Jahrzehnte nach dem verheerenden 30jährigen Krieg allmählich einiger Wohlstand einzog und man sich wieder mehr als das Lebensnotwendige leisten konnte. Hattenkerell ist nach Mohrin/Neumark gezogen, in das heutige Moryn in Polen und hat in unserer Region manches Kunstwerk geschaffen. Diverse Kanzeln und Taufengel sind erhalten.
Alle drei Kirchen kann man bei einem Ausflug in die Gegend besuchen. Landschaft und Kulturlandschaft lohnen einen solchen Ausflug. Wenn man an einem Sommerwochenende kommt (zwischen dem 1. Mai und dem 3. Oktober), kann man nach den Besichtigungen ins Café Goldrand einkehren, das seit zwanzig Jahren von der Kirchengemeinde ehrenamtlich betrieben wird und freitags bis sonntags immer von 14 bis 18 Uhr geöffnet hat. Es befindet sich auf dem Hof des evangelischen Kindergartens und Gemeindehauses. Das Gebäude wurde 1907 errichtet. Der Entwurf stammt von Regierungsbaumeister Hetzel. Bis heute werden dort die Kinder des Ortes und der Umgebung betreut – und auf dem Hof Einheimische und Gäste unseres Dorfes bewirtet.
Thomas Berg