Möglichst alle Kirchen der Gemeinde nutzen
Philipp Schauer im Gespräch mit Diakonin Kristin von Campenhausen
Diakonin Kristin von Campenhausen ist als Tochter eines Pfarrers im ehemaligen Pfarrhaus in Lietzen aufgewachsen, wo sie heute auch mit ihrem Mann wohnt und wo ich sie besuche. Seit sechs Jahren hat sie die Pfarrstelle der Ev. Jakobus Kirchengemeinde im Odervorland inne.
Foto: Philipp SchauerSchauer: Die Jakobus Kirchengemeinde ist ein Zusammenschluss von zwei früher selbstständigen Gemeinden mit nun insgesamt 10 Dörfern und deren Kirchen. Wie schaffen Sie es, alle diese Kirchen offen zu halten und mit Gottesdiensten und Aktivitäten zu versorgen?
von Campenhausen: Das ist eine große Herausforderung. Denn es geht ja nicht nur um zehn Kirchen, sondern um Gebäude, die zur Identität vieler Menschen beitragen. Die Bewohner der einzelnen Dörfer halten ihre Kirchen für selbstverständlich im Dorfbild, auch wenn sie sie kaum betreten. Das gilt eben auch für Nichtkirchenmitglieder, was sich zum Beispiel bei Spendenaktionen für Baumaßnahmen zeigt. Wir können alle Kirchen nutzen, dank der drei Lektorinnen und Lektoren, die monatlich bis zu zwei Gottesdienste halten und so können wir sogar an wichtigen Feiertagen in acht bis neun Kirchen Gottesdienste halten – an Heiligabend, Karfreitag, Erntedank, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Ungeheuer wichtig sind natürlich die Menschen vor Ort, die die Kirchen putzen, schmücken und beleben. Vor unserer Konfirmationsfeier in Wilmersdorf ist zum Beispiel eine Mutter mit einem Handwagen von Haus zu Haus gegangen und hat um Blumen aus den Gärten gebeten. Die Kirche war dann unglaublich geschmückt. Wir bieten Regionalveranstaltungen an, die auch von Menschen aus anderen Dörfern besucht werden, zum Beispiel die sechswöchig stattfindende Abendandacht in Alt Madlitz mit anschließendem geselligen Beisammensein. Die Sonntage waren dort nicht so gut besucht.
Schauer: Was sind Ihre größten Herausforderungen?
von Campenhausen: Einerseits sind wir eine zehn Dörfer umfassende Gemeinde und Gemeinschaft mit knapp 700 Mitgliedern aber gleichzeitig fühlen wir uns im eigenen Dorf zu Hause und kümmern uns dort um unsere Kirche. Jedes Dorf hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Wollen. Ein gutes Gleichgewicht zwischen der Gemeinschaft und dem einzelnen Dorf herzustellen, ist nicht einfach. Es ist gut, dass wir einen Gemeindekirchenrat (GKR) mit einem gewählten Mitglied aus jedem Dorf haben. Und gleichzeitig gibt es in jedem Dorf Ortsräte, die sich um die konkreten Belange im Dorf kümmern. Es gibt aber natürlich noch viele andere Herausforderungen, z.B. die langen Zeiten im Auto.
Schauer: Warum ist es wichtig, alle Kirchen regelmäßig zu „bespielen“? Hat die Gemeinde schon einmal über die Stilllegung oder gar den Verkauf einer Kirche nachgedacht?
von Campenhausen: Wenn die Kirchen nicht mehr genutzt werden, bleiben kalte, leere, leblose Gebäudehüllen übrig. Das möchte ich gern verhindern, so lange es geht. Über den Verkauf von Kirchen haben wir noch nicht nachgedacht, wohl aber trennen wir uns von einem Pfarr- und einem Gemeindehaus und nutzen noch ein zentrales Pfarr- und Gemeindehaus und einen weiteren Gemeinderaum.
Schauer: Wie und in welchem Umfang erfolgt die Nutzung der Kirchen für nichtkirchliche Zwecke?
von Campenhausen: Die Kirchen werden für Konzerte und für viele weltliche Beisetzungen genutzt, ein Umstand, mit dem Gemeindemitglieder verständlicherweise lange und tief gefremdelt haben. In den letzten Jahren füllen sich einige Kirchen in den Adventsmonaten, da die Adventsmärkte mit kirchlichen Andachten und einem Wort des Bürgermeisters oder Ortsvorstehers eröffnet werden. Das ist eine neue Entwicklung, die mich sehr freut. Wir haben auch vier Pilgerkirchen, in denen wir Pilgerausweise stempeln.
Schauer: Wie priorisieren Sie die notwendigen größeren Sanierungen der Gebäude? Wie ist der normale Bauunterhalt organisiert, wie werden kleinere Reparaturen in Auftrag gegeben?
von Campenhausen: Leider haben wir keinen großen Spielraum. In Wilmersdorf mussten wir den Kirchturm sperren, Ähnliches droht in Pillgram, wo sich der Turm neigt. Für die Planung brauchen wir viel Geduld, da es viele Beteiligte gibt und dann stellt sich die Frage der Finanzierung. Wir haben einen gemeindlichen Bauausschuss, der aus fünf Männern besteht, die die Kirchen unter sich aufgeteilt haben und sich dort um den Bauunterhalt kümmern in Abstimmung mit Anne Saß im Gemeindebüro, die den Schriftverkehr mit dem Kirchlichen Verwaltungsamt (KVA) führt, denn jede Maßnahme bis auf die allerkleinsten müssen wir genehmigen lassen.
Schauer: Wie sehen Sie die Zukunft der Gemeinde? Wo sind die Stärken und wo sind die Schwächen?
von Campenhausen: Ich wünsche mir, dass die Gemeinde so bestehen bleiben könnte, wie bisher. Ich fürchte, das ist ein Traum. Vermutlich werden die Gemeinden noch größer. Eine große Stärke dieser Gemeinde ist ihre Selbstständigkeit. Es gibt viele Menschen, die aktiv sind, Verantwortung übernehmen, sich vernetzen und organisieren. Alles läuft zum Beispiel weiter, auch wenn ich ausfalle. Anne Saß im Gemeindebüro und der GKR-Vorsitzende Stefan Hoffmann haben das Ruder fest in der Hand. Unterstützt werden sie von Vielen – wir haben um die 100 Freiwillige, die die unterschiedlichsten Aufgaben übernehmen. Aber gerade in dem unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz sehe ich auch eine große Schwäche. Die Menschen fühlen sich von der Institution Kirche nicht gesehen, nicht ernst genommen, übergangen. Oft höre ich den Satz: „Wir sollen uns um Alles kümmern, stehen für Alles gerade, aber die letzte Entscheidung trifft immer das KVA. Eigentlich haben wir dann doch nichts zu sagen.“ Viele ermüden, sind überlastet.
Schauer: Welche Rolle haben Pfarrer und Pfarrerinnen im ländlichen Raum heute und welche sollten sie nicht haben? Und wie sehen Sie deren Rolle in der Zukunft? Welche Fähigkeiten muss man mitbringen, um unter den heutigen Umständen Erfolg zu haben?
von Campenhausen: Pfarrer müssen vor allem Seelsorger sein und gute Netzwerker – das bedeutet viele Besuche und viele Gespräche. Sie sollten einen guten Geist verbreiten und den Menschen zuhören, sie ernst nehmen. Denn man sollte die Menschen niemals unterschätzen. Neue Ideen laufen ins Nichts, wenn sie an den Bedürfnissen der Menschen vorbei entwickelt werden. Man sollte nicht alles besser wissen. Pfarrer werden als Autoritäten wahrgenommen, aber es wird geschätzt, wenn man auf Augenhöhe bleibt und nach dem Gottesdienst „normal“ redet. Wichtig ist es, dass man sich auf die Seelsorge konzentrieren kann, dafür Zeit hat und anderswo entlastet wird.
Schauer: Wenn Sie drei Wünsche offen hätten, was würden Sie sich für Ihre Arbeit wünschen?
von Campenhausen: Ich habe viele Wünsche, z.B. hätte ich gerne einen Förderverein, der Spendenaktionen durchführt, neue oder auch parallele Wege vorschlägt – mir fehlt da Know-how, das schaffe ich nicht alleine. Mehr Stunden für die Mitarbeiterin Anne Saß im Gemeindebüro, die eine große Entlastung ist – wir können uns derzeit nur 16 Wochenstunden leisten und eine nicht versiegende Zuversicht, Gottvertrauen und Menschen, die sich begeistern lassen.
Schauer: Vielen Dank für das Gespräch!
Philipp Schauer