01.02.2020  –  Süddeutsche Zeitung

Bardenitz – Ruf mich nicht an

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Süddeutsche Zeitung DIE SEITE DREI Samstag, 1. Februar 2020 Reportage Bayern, Deutschland, München, Nord Seite 3
Bardenitz hat 339 Einwohner, neun eingetragene Vereine, eine Kneipe und ein Gemein- schaftshaus. Aber keinen Han- dyempfang. Vielleicht hängt das eine mit dem anderen zusammen. Ei- ner, der schon zu DDR-Zeiten hier lebte, sagt: „Eigentlich ist unser Dorf überdurch- schnittlich kommunikativ.“ Er meint: über- durchschnittlich kommunikativ für so ein Provinznest. Überdurchschnittlich kom- munikativ für Brandenburg.Es scheint dem Dorfleben bislang jeden- falls nicht geschadet zu haben, dass hier die Smartphones meistens kein Netz fin- den. Die Leute haben sich andere Beschäfti- gungen gesucht. An einem Samstagvormit- tag im Januar wird in Bardenitz ein alter Fastnachtsbrauch gepflegt, der sich „Zem- pern“ nennt. Kostümierte Dorfbewohner ziehen mit einem Bollerwagen von Haus zu Haus. Sie werden von einer Blaskapelle und einem Akkordeonspieler angeführt, an jeder Haustüre gibt es ein Ständchen – und als Gegenleistung einen Kurzen. „Ro- samunde“ oder „Aus Böhmen kommt die Musik“ gegen Pfefferminzlikör oder Apfel- korn. Einige Anwohner reichen auch einen Imbiss, ohne Grundlage lässt sich das schwer durchhalten.Auf dem Mühlenhof drängeln sich tradi- tionell alle Narren zusammen auf eine Lkw- Waage. Da wird das Gemeinschaftsgefühl dann nach Gewicht vermessen. Gut sieben Tonnen wiegt die gesamte Zempergesell- schaft an diesem Tag. Zickezacke hoi hoi hoi! Dann torkeln 7000 Kilo Frohsinn dem nächsten Schnaps entgegen.Der Turm, sagt die Anwohnerin, wird ihnen rund um die
Uhr ins Schlafzimmer funken
So geht das bis zum frühen Abend, und dann wird im Sportsaal bis in den Morgen getanzt. Überhaupt liest sich der Veranstal- tungskalender dieses Dorfes wie eine un- unterbrochene Sause. Nach den Karnevals- veranstaltungen im Februar, dem Oster- feuer an der Jagdhütte und dem Beginn der Spargelsaison geht es weiter mit dem Kräuterhexenfest, dem Frühlingsfest und dem Sommertheater. Dann im Herbst: Kür- bisverkauf, Schützenfest, Dorftrödel, Dra- chenfest, Pilzwanderung, Töpferabend, Fa- ckelumzug, Tag der offenen Höfe, Kanin- chenausstellung der Kaninchenzüchter, Preisskat, Weihnachtsbasteln, Hubertus- jagd und schon ist es wieder höchste Zeit, die Lieder und Sketche für die nächsten Fa- schingsabende einzustudieren. Es muss sich also keiner langweilen in Bardenitz. Und manch einer hier ist durchaus der Mei- nung, es hätte immer so weitergehen kön- nen. Glücklich im Funkloch.Da hinein platzte die Nachricht vom Bau eines Funkturmes. Die Deutsche Telekom ist nämlich bestrebt, „ihren Kunden ein möglichst flächendeckendes und qualita- tiv hochwertiges Mobilfunknetz zur Verfü- gung zu stellen“. Jetzt auch in Bardenitz, im Jahr 2020 nach Christus. Und plötzlich ist hier nichts mehr, wie es einmal war.Sieben Tonnen Narren beim Zempern, das ist nicht schlecht. Aber Kenner wissen, dass es auch ein Zeugnis des schwinden- den Zusammenhalts ist. Christoph Höhne, der Akkordeonspieler, sagt: „Wir hatten hier schon Jahre mit deutlich über zehn Tonnen.“ Besonders zu schaffen macht ihm, dass einige alteingesessene Dorf- bewohner diesmal die ganze Veranstal- tung boykottiert haben. Kein Schnaps, kein Imbiss, manche haben nicht einmal die Tür geöffnet. Höhne, der in dieser Ge- schichte nicht nur als Musikant, sondern auch als Bauamtsleiter eine Rolle spielen wird, sagt: „Ich hätte nie gedacht, dassRuf mich nicht anDie Menschen in Bardenitz verstanden sich eigentlich immer gut – bis ein Handymast gebaut werden sollte. Wie ein Dorf in Brandenburg daran zerbricht, endlich aus dem Funkloch herauszukommenschutzfront. Da heißt es: „Der Christoph hat das doch alles verbockt.“Christoph Höhne, der am Wochenende mit dem Akkordeon die Narren anführte, sitzt werktags im Dachgeschoss des Rat- hauses von Treuenbrietzen. Alles, was den Funkturm betrifft, geht über seinen Schreibtisch als Bauamtsleiter. Manche halten ihm vor, er habe schon seit Jahren von dem Turmbauprojekt gewusst, aber al- les unter Verschluss gehalten. Höhne be- streitet das. Er sagt: „Wenn der Bauantrag vorliegt, dann gibt es kein demokratisches Verfahren mehr. Is’ leider so.“ Am Ende werde eh nicht er, sondern der Landrat im Landkreis entscheiden, wo der Turm hinkomme.Dass er kommen wird, bezweifelt kaum noch jemand. Nicht nur, weil Bundesver- kehrsminister Scheuer das zur Chefsache erklärt hat, sondern auch Ministerpräsi- dent Dietmar Woidke. Ein Fernsehteam des RBB hatte den SPD-Politiker Woidke im jüngsten Landtagswahlkampf ins Bar- denitzer Funkloch gekarrt. Wenig später, erinnert sich Höhne, seien dann die Leute von der Telekom da gewesen und hätten ge- sagt: Okay, wir können bauen.Auch Höhne wirbt jetzt für Verständi- gung und sozialen Frieden, aber das ist auch deshalb so kompliziert, weil in einem Mikrokosmos wie diesem fast alle in ir- gendwelchen Rollenkonflikten stecken. Draußen am Ortsrand, wo der Turm hin- soll, steht eine kleine Hütte, an der die örtli- che „Natur-Kita“ jeden Freitag ihren Wald- spieltag abhält. Da werden also künftig un- sere Kinder verstrahlt, schimpft Roswitha Briese, die im Rathaus für die Vergabe der Kitaplätze zuständig ist. Frau Briese mag befangen sein, sie ist die Mutter von Verena Briese. Wenn dann aber die Kita- Leiterin Sigrid Höhne dagegenhält, dass sie das mit der Kinderverstrahlung für Pa- nikmache hält, dann muss man vielleicht dazusagen: Sie ist wiederum die Ehefrau vom Bauamtsleiter.Der Prediger weiß schon, was er verkünden wird: Nur Lakaien müssten ständig erreichbar seinÄhnlich verzwickt ist die Lage bei der Freiwilligen Feuerwehr. Jene, die auf den Turmbau drängen, verweisen vor allem auf die Waldbrandgefahr. Im Sommer 2018 standen bei Bardenitz rund 400 Hekt- ar Wald in Flammen, drei Dörfer mussten evakuiert werden. Viele sagen, es sei auch deshalb so schlimm gewesen, weil die Ein- satzkräfte keinen Empfang hatten. Ausge- rechnet der Feuerwehrkommandant aber hält das für „ein unsinniges Totschlag- argument“. Die Feuerwehr sei gar nicht auf Handys angewiesen, sie nutze den Digital- funk. Ja, klar muss der Kommandant so re- den, wird im Dorf gestänkert, schließlich handelt es sich um Verena Brieses Freund Lars Hagen.Der Laienprediger Andreas Bruns hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Dass der Turm auf einen Acker kommt, mit dem alle leben können. Und wenn es deshalb noch mal ein paar Monate länger dauert, bis auch in Bardenitz allzeit überall die Handys klingeln, dann wäre das aus sei- ner Sicht kein Weltuntergang. Nur Lakaien müssen ständig erreichbar sein. Vielleicht wird er den Satz mal in eine seiner Predig- ten einbauen.Im Sportsaal hängt eine Bildertafel, und Bruns bleibt für einen Moment davor ste- hen, die Hände gefaltet. Lauter Fotos vom Karneval der zurückliegenden Jahre. Da tanzen sie noch miteinander. All die Men- schen, zwischen denen jetzt Funkstille herrscht. Wegen eines Funkturmes.„Was kann man tun, um wieder Frieden zu stiften?“ Das ist die Frage für den Grünen Andreas Bruns. Weniger wichtig sei, wann der Funkmast auf diesem Feld stehen wird. FOTOS: REGINA SCHMEKENman sich wegen eines solchen Turms so zerreißen kann.“Der Turm soll hier die Kommunikation modernisieren. Noch steht er gar nicht, aber er hat bewährte Kommunikationsfor- men bereits nachhaltig gestört.Wenn man sich umhört im Ort, fallen jetzt solche Sätze: „Tut schon weh, wenn man plötzlich nicht mehr gegrüßt wird.“ Oder: „Früher wäre man mit der Mistgabel vom Hof gejagt worden, wenn man sich gegen die Mehrheit der Dorfmeinung ge- stellt hätte.“Was gerade im kleinen Bardenitz ge- schieht, steht in einem großen Kontext. Deutschland will etwas gegen seinen Ruf als digitales Entwicklungsland tun. Im No- vember vergangenen Jahres beschloss die Bundesregierung bei einer Kabinettsklau- sur, die in einem Funkloch stattfand, dass nun alle Funklöcher schnellstmöglich ver- schwinden müssen. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der neben seiner Maut-Affäre unter anderem für die digita- le Infrastruktur zuständig ist, erklärte „die Jagd auf die weißen Flecken“ für eröffnet. Rund 5000 solcher Empfangslücken gibt es laut der Bundesnetzagentur in den deut- schen Mobilfunknetzen. Einer dieser Fle- cken ist Bardenitz. Dass jetzt der Turm kommt, hängt auch mit der hohen Politik in Berlin zusammen.Es ist nur eine Autostunde vom Regie- rungsviertel nach Bardenitz, aber es fühlt sich an wie eine Weltreise. Auf der Bundes- straße 101 zwischen Ludwigsfelde und Lu- ckenwalde verliert sogar das Navigations- gerät die Orientierung. Das kleine Auto- symbol im Display fährt quer über einen Acker, dann blinkt der Hinweis „Straße nicht erfasst“ auf, während die Navigati- onsfrauenstimme für „Bitte wenden“ plä- diert. Tatsächlich geht es einfach immer ge- radeaus, durch menschenleere Landschaf- ten, Spalier stehende Baumreihen, hinein in die handyfreie Zone. Wer unterwegs was trinken möchte, sollte sich besser an der letzten Tankstelle in Berlin Wasser kaufen.Am Ortsrand von Bardenitz klettern Ve- rena Briese, 36, und ihr Freund Lars Ha- gen, 39, eine kleine Böschung hinauf. Standortbesichtigung. Briese sagt: „Wenn ich hier stehe und mich umschaue, denke ich mir, ist doch verrückt, so viel Wald und Feld, und dann muss dieser Turm unbe- dingt hierhin.“ Man soll die beiden nicht falsch verstehen, sie sind nicht grundsätz- lich gegen besseren Handyempfang im Dorf, sie sehen ein, dass der Malermeister, der Pool-Bauer und das Ingenieurbüro Mobilfunk brauchen. Aber Briese und Ha- gen finden es unbegreiflich, dass für die- sen Funkmast angeblich nur ein Platz infra- ge kommt, nämlich genau hier, keine 200 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt.Die beiden haben den alten Stall von Hagens Elternhaus vor ein paar Jahren aus- gebaut. Es war eine Entscheidung für die Zukunft. Jetzt fragen sie sich, ob das die richtige Entscheidung war. Sie wünschen sich Kinder, und sie wollen, dass die ein- mal naturnah und gesund aufwachsen. Der alte Kirchturm im Ort ist 26 Meter hoch, der Telekomturm soll angeblich 50 Meter messen. Briese hat Angst vor diesem Ungetüm, sie sagt: „Die Strahlen schaden der Zellteilung.“Verena Briese ist eine Frau mit blonden Haaren und einem ansteckenden Lächeln. Sie wirkt nicht wie jemand, der Streit sucht, wo sich auch ein Kompromiss fin- den ließe. Aber sie hat jahrelang in der Psychiatrie gearbeitet, sie interessiert sich für Gesundheitsthemen und sie hat viel re- cherchiert. Sie zitiert aus Studien und aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Sie erzählt von einem „signifikanten Anstieg der Krebsinzidenz“ in der Nähe solcher Funkmasten. Und sie ärgert sich, wenn sie von denen am anderen Dorfende hört, dass doch längst noch nicht nachgewiesen sei, ob die Strahlung wirklich Gesundheits- schäden verursache oder dass jedes Handy in der Hosentasche mehr strahle als so ein Turm. Ein Handy könne man ausschalten, argumentieren Briese und Hagen. Wenn aber der Turm erst einmal stehe, dann wer- de er ihnen rund um die Uhr ins Schlafzim- mer hineinfunken.Sie haben die Telekom angeschrieben und um eine Verlegung des Standortes um ein paar Hundert Meter gebeten, einmal quer über den Acker, auf der anderen Seite wohnt ja niemand außer Fuchs und Hase. Den Antwortbrief hat Verena Briese mitge- bracht: „Wir bitten um Verständnis, dass wir nach einer schwierigen und lang jähri- gen Standortsuche an unserem Ausbauvor- haben festhalten.“Schlimmer noch als die Haltung der Telekom findet Briese die Einstellung der Leute im Dorf. Sie fühlt sich im Stich gelas- sen. „Mich hat niemand angesprochen und gesagt, ich kämpfe mit euch.“ Eine mögli- che Erklärung lautet: Auch in einem Funk- loch wie Bardenitz haben heutzutage fast alle ein Smartphone. Und die meisten freu- en sich offenbar auf den Tag, an dem es endlich auch zu Hause funktioniert.Tim Jorkschat gehört zu diesen Leuten, der Kapitän der Ersten Mannschaft des SV Bardenitz im Billardkegeln. Bei dieser Sportart, die jenseits von Sachsen und Brandenburg nahezu unbekannt ist, ha- ben es die Bardenitzer bis in die 2. Bundes- liga geschafft. Jorkschat und seine Team- kameraden trainieren an diesem Abend an einem Billardtisch, auf dem sich drei Ku- geln und fünf Kegel befinden, jeder immerhundert Stöße in die Vollen, mit denen sie möglichst viel Holz zu Fall bringen müs- sen. Jorkschat sagt: „Also, wir als SV Barde- nitz würden uns am Funkmast beteiligen.“Bei Ligaspielen müsse der Verein die Er- gebnisse eigentlich live im Internet eintra- gen. Geht aber schwer ohne Netz. Ob er die Vorbehalte im Dorf verstehen kann? Jork- schat liegt mit seinem Queue über dem Tisch und nimmt die rote Kugel ins Visier, dann hält er kurz inne und schaut hoch: „Ich sachma, wir leben im Jahr 2020. Wenn ich mir Pakistan oder Albanien angu- cke, die haben alle flächendeckend 4G.“Noch wurde niemand mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Aber der Ton wird rauerVerena Briese hat Ende vergangenen Jahres einen Leserbrief an das Lokalblatt Blickpunkt geschickt, in dem sie von einer „Hysterie um eine lückenlose Mobilfunk- verbindung“ berichtet: „Es ist abstrus, dass das Ellenbogengesellschaftsdenken nun auch Bardenitz erreicht hat – ein Dorf, welches für seine Loyalität bekannt war.“ Manch einer hat das wohl als öffentliche Kleinkriegserklärung verstanden.Noch wurde hier niemand mit der Mist- gabel vom Hof gejagt. Aber der Ton wird rauer. Bardenitz ist geteilt in eine Befür- worter- und eine Ablehnungsfront, die sich gegenseitig Lügen, Intrigen oder „Pa- rolenklopperei“ vorwerfen. Pfarrer Bern- hard Hoppe spricht von einem „beinahe er- schütternden Einschnitt für das Dorf“, die Spaltung gehe durch Vereine, Familien und auch mitten durch die Kirchengemein- de. Unter den 339 Einwohnern, die sich alle kennen, gehen sich einige inzwischen aus dem Weg. Nicht so einfach in einem Ort, in dem es praktisch nur eine Straße gibt.Andreas Bruns gehört zu jenen, die sich fragen: „Was kann man tun, um wieder Frieden zu stiften?“ Bruns, 59, ist wohl das, was man einen engagierten Bürger nennt. Er hat den Ortsverband der Grünen gegrün- det, er spielt die Gans beim Kindertheater am Weihnachtsmarkt, er hält Gottesdiens- te als Laienprediger, er tauft und traut,weil Pfarrer Hoppe für zwölf Dörfer zustän- dig ist und nicht überall gleichzeitig sein kann. In der Sache mit dem Turm hat sich Bruns mit Verena Briese solidarisiert. Nicht weil er technikfeindlich wäre, son- dern weil er findet, dass die Dorfgemein- schaft auf ihre Ängste Rücksicht nehmen und für einen anderen Standort kämpfen sollte. Der Witz der Demokratie sei schließ- lich der Interessensausgleich. Dann hört er sich einen Satz sagen, über dessen Schwe- re er selbst ein wenig erschrickt: „Die deut- sche Geschichte hat oft gezeigt, dass die Mehrheit irren kann.“Demokratie, schwieriges Thema. Kurz vor Weihnachten haben sie ja abgestimmt im Dorf. Miteinander ins Gespräch kom- men und eine Wahl abhalten, das klingt erst einmal nach einer plausiblen Deeskala- tionsstrategie. Am Ende wurde aber alles nur noch schlimmer. 130 Einwohner wa- ren ins Gemeindehaus gekommen, nur 13 stimmten gegen den Turm. Was aber ist mit jenen, die zwar den Turm wollen, aber an einem anderen Platz? Diese Antwort- option gab es gar nicht. Und seither sagen die einen, diese verkorkste Abstimmung habe mit Demokratie nichts zu tun gehabt, während die anderen schimpfen, es habe mit Demokratie noch viel weniger zu tun, wenn diejenigen, die dabei verloren hätten das Ergebnis nicht akzeptierten.Bardenitz, sagt Andreas Bruns, das war mal heile Welt.Es stimmt schon, dass zu diesem Teil der Welt auch immer eine gewisse Fort- schrittsskepsis gehörte. Anfang des 20. Jahrhunderts sollte der Ort an die Bahn- linie nach Potsdam angeschlossen werden, die Bauern wehrten sich damals vehement dagegen, deshalb gibt es bis heute keinen Bedarfshalt, geschweige denn einen Bahn- hof. Vier Jahre nach dem Mauerfall wurden erstmals Wasserleitungen und Ab- wasserrohre verlegt. Und die Bardenitzer protestierten wieder, weil sie dafür nichts zahlen wollten. Brunnen und Jauchegru- ben täten es doch auch. Selbst das Telefon ist hier ein relativ neues Phänomen. Bis zur Wende, sagt Bruns, hätten nur drei Ein- wohner einen Festnetzanschluss gehabt: der Pfarrer, der Tierarzt und der Stasi-Mit- arbeiter. Seine erste Firma habe er aus der Telefonzelle heraus organisiert.Heute verdient er sein Geld als Betreiber eines Küchenstudios in der Stadt. Wenn er Stadt sagt, dann meint er das sieben Kilo- meter entfernte Treuenbrietzen mit sei- nen 7500 Einwohnern, zu denen auch die 339 Bardenitzer gehören. Bruns und seine Grünen haben die Stadtverordnetenver- sammlung aufgefordert, die Zustimmung zum Standort des Funkturms zurückzuzie- hen. Der Antrag fand eine knappe Mehr- heit – auch weil einer von der CDU kurz vor der Abstimmung zu einem Feuerwehrein- satz gerufen wurde. Nun gibt es also zwei Wahlen mit zwei gegensätzlichen Ergebnis- sen. Und im Dorf gilt Bruns jetzt bei eini- gen von der Mobilfunkfront als Quertrei- ber. Wenn er sonntags in der Kirche Gottes Segen erteilt, dann weiß er nicht, ob da auch jene Nachbarn auf den Bänken sitzen, die hinter seinem Rücken bereits lästern: „Bei dem kaufe ich keine Küche mehr.“Kleine Gehässigkeiten kommen aber auch von der anderen Seite, der Strahlen-von boris herrmannBardenitz, Brandenburg: Das Dorf hat 339 Einwohner, neun Vereine, eine Kneipe und ein Gemeinschaftshaus. Aber keinen Handyempfang.
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Süddeutsche Zeitung , 01.02.2020
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