09.08.2019  –  Märkische Oderzeitung

Baustelle der Superlative in Prenzlau

Zufrieden und glücklich: Superintendent Reinhart Müller-Zetzsche (l.) und Geldbesorger Stefan Zierke, SPD-Bundestagsabgeordneter, sitzen direkt auf dem Gerüst unter einer neuen Gewölbekappe der Prenzlauer Marienkirche. Noch vor ein paar Jahren hat niemand daran geglaubt, dass das im Krieg zerstörte Mittelalterbauwerk sein früheres Aussehen komplett zurückerhält.© Foto: Oliver Schwers

Mit den Händen streicht Stefan Zierke über den neuen Putz. Der SPD-Bundestagsabgeordnete ist fasziniert von dem nahtlosen Übergang mittelalterlicher und moderner Formsteine. So hat er die riesige Marienkirche noch nie von innen gesehen. Der gebürtige Prenzlauer kennt das meisterhafte Bauwerk – ein Aushängeschild der Backsteingotik – nur als gewaltigen Raum, bei dem man von innen ungehindert bis zum Dachfirst blicken kann. Bei der jahrzehntelangen Wiederherstellung des größten Kirchenschiffs weit und breit hat sich an die 1945 eingestürzten Gewölbe keiner herangewagt. Entweder gab es keine Gerüste, oder es fehlte an Geld. Und in Wendetagen bewegten die Prenzlauer andere Sorgen.

Jetzt ist das Gewölbe wieder da. Stefan Zierke steht oben auf dem Gerüst, direkt unter einer neuen Kappe, errichtet originalgetreu nach alter Baukunst und Stein für Stein. Man hätte auch moderne Leichtbauweise nutzen können, doch das verschmäht die Kirche. Stattdessen steht in Prenzlau gerade die größte Gewölbebaustelle Deutschlands. Die Handwerker haben sich so eingefuchst, dass sie in doppelter Geschwindigkeit arbeiten. Der Fertigstellungstermin August 2020 wird auf dieses Jahr vorverlegt.

Noch vor ein paar Jahren hat niemand daran auch nur zu denken gewagt. Bis der Bürgerverein „Wir für Prenzlau“ auf die ganz wilde Idee kam, wenigstens ein Joch zu erneuern und dafür Spenden zu sammeln. Und dann plötzlich lagen 3,2 Millionen Euro als Geschenk aus dem Bundeshaushalt in der Kirchenkasse. Durch Verbindungen von Stefan Zierke und durch den glücklichen Umstand, dass ein Haushälter auch Sinn für Baudenkmale hat. Der Superintendent reagierte schnell, ließ gleich noch Orgel und Empore mit einplanen.

Reinhart Müller-Zetzsche führt regelmäßig Besucher nach oben auf das 150 Tonnen schwere und mit Stahlträgern abgestützte Gerüst. Es hat sogar eine eigene Baugenehmigung. Die eigens in Polen angefertigten Formsteine sind der Anfang. Sie werden auf einer Holzkonstruktion abgesichert und vermauert. Dann folgen die normalen Steine für die genau vorherberechneten Bögen, anschließend der Putz. Meter für Meter verschwindet das bisher sichtbare Stahlskelett der Dachhaut hinter dem restaurierten Gewölbe. „Es ist schön, dass die Uckermark Handwerker hat, die das leisten können“, sagt Zierke. „Und es ist schön, dass es ehrenamtlich tätige Menschen gibt, die an solche Dinge überhaupt denken und dann auch durchstehen.“

Einweihung am Denkmaltag

Mit dem Abschluss des Wiederaufbaus wird ein Traum der Prenzlauer wahr. Die Stadt hat den Weltkrieg mit einem ausgebrannten Zentrum teuer bezahlt. Daher gilt das Wunder der Marienkirche als einmalig – ein spektakuläres Projekt. „Wenn mir das Geld jemand im Koffer gebracht hätte, dann hätten wir wahrscheinlich 10 oder 12 einsturzgefährdete Dorfkirchen gerettet“, meint der Superintendent. So aber wird am Denkmaltag 2020 das jahrhundertealte Wahrzeichen der Stadt wieder eingeweiht.

KOMMENTAR: ZÄHIGKEIT ZAHLT SICH AUS

Geld für eine Kirchenrettung findet sich immer. Manchmal dauert es länger, manchmal fehlen auch Mittel. Aber ein verlorenes Gewölbe gilt dagegen wohl eher als Luxus angesichts des drängenden Bedarfs an anderer Stelle. Insofern ist das finanzielle Engagement des Bundes nicht hoch genug einzuschätzen. Denn höchstens ein millionenschwerer Stifter mit besonderem Hang zur Uckermark hätte ansonsten Mittel in solcher Höhe bereit gestellt. Und so vollendet sich nun ein Wiederaufbauwerk mit großem Symbolwert für den gesamten Landkreis und auch für die Kirche. Denn Kirchgemeinde, Handwerker und auch die Bürger der Stadt haben immer wieder an dem mittelalterlichen Wahrzeichen festgehalten. Zäh, wie es sich für den Uckermärker gehört. Es wurde schon zu DDR-Zeiten gebaut und restauriert. Der Altar kehrte zurück. Und doch fehlte da immer noch etwas, wenn man das große Schiff betrat. Mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit das verheerende Feuer die Baukunst der Vorfahren in großen Teilen vernichtete. Nun sieht die Sanierung der Marienkirche ihrem Ende entgegen und kann mit Leben erfüllt werden. Sie bleibt aber auch nach der Restaurierung ein Mahnmal gegen den Krieg. Das Aufbauwerk darf nie vergessen werden.⇥Oliver Schwers

Märkische Oderzeitung, 09.08.2019
Zur Kirche
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