16.05.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Bochower Kirche St. Gangolf erhielt ihren Namen nach einem Pferdepatron

Heute ist die Bochower Kirche ein beeindruckendes Gotteshaus mit einem hohen Turm. Im Mittelalter war sie dagegen sehr klein – aber einem besonderen Heiligen gewidmet: St. Gangolf, einem Patron der Pferde.

Bochow

Wie ein überdimensionaler spitzer Bleistift ragt der achteckige Kirchturm von Bochow in die Höhe. Selbst vom Süden Jüterbogs ist er zu sehen. Damit zählt das Gotteshaus zu den markantesten Dorfkirchen des Niederen Flämings. Doch der Turm gehört zur jüngeren Geschichte. Mit einer wesentlich älteren Besonderheit begrüßt Johannes Schmidt die Gäste zur Führung. Der Kirchenälteste, der das Amt von seiner Frau Barbara übernommen hat, heißt sie in St. Gangolf willkommen.

Namensgeber war ein burgundischer Ritter

Nach dem burgundischen Ritter, der im 8. Jahrhundert ermordet worden und später heiliggesprochen worden ist, wurde die Kirche einst benannt. Das sogenannte Patrozinium mag damals öfter vorgekommen sein, überliefert wurde es nur selten. Ob der Schutzpatron sofort Namensgeber war und angebetet wurde oder erst nachdem Adlige, möglicherweise die von Quitzows, 56 Pferde im Jahr 1413 geraubt hatten, sei dahingestellt. St. Gangolf galt jedenfalls als Pferdepatron und als Helfer bei verschiedenen Krankheiten. Auf jeden Fall musste er sich mit einer sehr kleinen Kirche in Bochow begnügen. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts war der Chor das gesamte Gotteshaus. Das zugemauerte sehr schmale hohe Fenster an der Ostwand ist noch erkennbar und erinnert an die Zeit.

Der Kanzelaltar wurde 1701 angefertigt. Quelle: Gertraud Behrend

Das große Kirchenschiff wurde wohl erst im 15. oder frühen 16. Jahrhundert angefügt, zu erkennen an den letzten schrägen Stützpfeilern. Ganz in der Bauflucht gelang der Anbau nicht. In der Achse ist das Schiff leicht nach Nordwesten verschoben. Wie lange und wie viele Gläubige zur Wallfahrtsstätte kamen, ist leider nicht bekannt. 

Erster evangelischer Pfarrer kam 1530

1530 war es damit vorbei. Da nahm der erste evangelische Pfarrer seinen Dienst auf. Er und seine 24 Nachfolger bis 1990 sind in der Kirche aufgelistet. Dass Bochow und mit seiner Mutterkirche für mehrere Dörfer recht bedeutend waren, wird auch an dieser Aufstellung deutlich: Von 1830 bis 1933 betreuten nacheinander sechs Superintendenten die Gläubigen, das Grab des letzten Superintendenten und seiner Frau, Johannes Gründler, existiert noch. 

Bis 1935 war der Pfarrer der Nikolaikirche in Jüterbog zuständig, Heinrich Berner, dessen Tochter und drei Enkel in Groß Schönebeck1945 ermordet wurden. 

Am längsten war Elias Walther im Dienst (1599 – 1637). Sein Nachfolger Stephanus Kroeer starb 1648 an der Pest. Viele Höfe waren wüst. Auch die Kirche hatte den Dreißigjährigen Krieg nicht unbeschadet überstanden. Denkmalexperten urteilten, dass das Dachwerk über dem Langhaus 1656 erneuert wurde.

Auf der Orgel in Bochow von 1912 spielen auch Schüler Quelle: Getraud Behrendt

Die Kirche war damals für alle wichtig, „eine praktische Notwendigkeit. Denn hier wurden auch alle amtlichen Bekanntmachungen verlesen, nicht etwa nur die kirchlichen, sondern auch die wirtschaftlichen, Polizeiverordnungen, Fouragelieferungen“, schrieb Pfarrer Fritz Hempel in der Gölsdorfer Chronik und war sich bewusst, dass mancher wegen dieser Bekanntmachungen zur Kirche gegangen ist; „die Predigt hat er dann schlafend hingenommen.“ Doch Pfarrer Herold in Bochowstellte sich dann auch schlafend. Wurden die Leute wach, erklärte er ihnen im damaligen Platt, wenn sie schlafen, „so will ick ook slopen“, wenn sie wieder zuhören wollen, „so will ick ook wedder predigen“. Leider schrieb Hempel nicht, welcher Herold gemeint war, von 1676 bis 1709 war Tobias Herold Seelsorger in Bochow, danach bis 1729 Jacob Friedrich Herold.

Erster Turmaufsatz 1740

Erst sein Nachfolger konnte sich 1740 darüber freuen, dass ein Fachwerk-Turmaufsatz errichtet wurde. Gut hundert Jahre später brannte es im Dorf gleich zweimal. Erst wütete das Feuer 1841 nördlich des Angers, dann auf der südlichen Seite. Viele der damals neu erbauten Vierseithöfe mit den stattlichen Wohnhäusern vermitteln noch heute einen Eindruck von der einstigen Bedeutung des Ortes, „dessen ungewöhnliche Doppelstruktur möglicherweise auf die Einverleibung des bereits 1368 wüsten Dorfes Grünthal zurückzuführen ist“, heißt es im Band 17.1 der „Denkmaltopographie“. Grünthal soll sogar eine eigene Kirche besessen haben. Und Archäologen dürften in Bochow und Umgebung weit mehr finden, als die Kreisgrabenanlage, deren Entdeckung 1993 eine Sensation war.

Der Kirchenschatz

Der Blick fällt sofort auf den mächtigen Kanzelaltar. Er dominiert den gesamten Chor, obwohl hinter dem Altar beim Umbau 1856 eine Sakristei über die gesamte Breite abgetrennt worden ist. Der Altartisch stammt eventuell noch aus dem Mittelalter. Die Pracht des Aufsatzes lässt auf die sächsische Zeit schließen. Als er 1701 von Gottfried Patschen, in anderen Werken Johann Gottfried Pötzsch aus Wittenberg angefertigt wurde, gehörte Bochow zum Herzogtum Sachsen-Weißenfels. Die derben Ölgemälde sind klassisch aufgebaut: das Abendmahl in der Predella, der Ölberg in der Mitte darüber und oben die Kreuzigung. Darüber die Figur des Auferstandenen. Figuren in zwei Ebenen rechts und links sowie die goldenen Akanthuswangen um Bibelzitate auf blauem Untergrund bieten dem Auge viel Sehenswertes. Die stilisierten Akanthusblätter setzen sich in der Deckenbemalung des Chores aus der Zeit um 1910 fort. 1967 wurde der Altar restauriert. „TÜV-gerecht ist er nicht mehr. Das Bild zum Kanzelkorb lässt nicht mehr aufklappen“, sagt Johannes Schmidt. Der Kirchenälteste ergänzt: „Seit ich hier bin, seit 1989, hat kein Pfarrer aus dem Kanzelkorb gepredigt.“

Ganz wichtig ist auch die Orgel auf der Westempore. 1738 wurde eine kleine Wagner-Orgel eingebaut. Nach dem Umbau von 1856 war Platz für eine größere, die Orgel opus 76 lieferte dann die Firma Schuke 1912. Restauriert wurde sie 2007. „Jeder, der möchte, spielt sie“, sagt Schmidt. So schickt Kreismusikdirektor Seifried seine Schüler nach Bochow. Sie und Laienkantoren spielen auch zu Gottesdiensten. Seit der Sanierung wird nicht mehr nur zu Orgelkonzerten eingeladen. Immer öfter treten Chöre auf, „die beiden aus Jüterbog, der Posaunenchor von Pfarrer Korthus und unser eigener“, so Schmidt. Er betont, dass der Bochower Gesangsverein „Halbe Lunge“ ein der Kirche angemessenes Programm vorträgt. Bei Konzerten ist das Haus voll. gb

Der hohe Turm der Kirche auf dem schon erhöhten Kirchplatz wurde 1856 errichtet. Diese Jahreszahl ist auch in Stein gemeißelt worden. Das Pfarrhaus hat den Brand wohl einigermaßen überstanden. Mittlerweile ist die Oberlaube, die um 1800 erbaut worden sein soll, die einzig noch vorhandene im Ort. Das Haus gehört noch der Kirche, ist vermietet und beherbergt den Gemeinderaum. 1965 wurde der Unterrichtsraum darin neu eingerichtet. Heute ist es die Winterkirche und Versammlungsraum.

Umbau 1856

Das Gotteshaus wurde ebenfalls 1856 umgebaut, nun in neugotischer Form. Der Zugang erfolgt durch die Vorhalle des Turms. In dem steht die älteste der vier Glocken. Sie hat einen langen Riss und ist nicht mehr reparabel, dennoch ist die alte Dame aus dem 15. Jahrhundert ein dekoratives Stück. Im Turm hängen trotzdem noch drei Glocken. Auch eine Orgelpfeife steht am Ausgang. Sie dient jetzt als Spendenstock. Erhofft wird, dass die Gäste einen Klang erzeugen, indem sie Geld hineinwerfen. 

Die großen Fenster mit ihren bunten Gläsern sorgen bei Sonne für einen besonders stimmungsvollen Empfang. Buntes Licht korrespondiert mit den farbigen Kreuzrippen und schimmert dann auf dem Gestühl und an den Wänden. Die sind 1967 und 2005 neu gestrichen worden, nach der Wende mit Unterstützung der Sparkasse und der Denkmalschutzbehörde des Kreises. Bei der Renovierung 1967 ist das Gestühl der Großbauern aus dem Chor entfernt und das Taufbecken aus dem 16. Jahrhundert verschoben. Die sonstige Einrichtung stammt größtenteils von 1856.

Von Gertraud Behrendt

Märkische Allgemeine Zeitung, 16.05.2020
Zur Kirche
Dorfkirche Bochow bei Lehnin im Pressespiegel
Bochower Kirche St. Gangolf erhielt ihren Namen nach einem Pferdepatron 16.05.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung