01.12.2020  –  Märkische Oderzeitung

Der Dom in Brandenburg an der Havel hütet ein Tragekissen für Totenkronen verstorbener Kinder

Ein reichlich besticktes, quadratisches Seidenkissen aus dem Fundus der Brandenburger Domes hielt wahrscheinlich einst die Totenkronen verstorbener Kinder.

01. Dezember 2020, 04:00 Uhr•Brandenburg an der Havel
Von Dr. Rüdiger von Schnurbein

Fotos: Dommuseum

Der Textilschatz des Brandenburger Doms, der ja für seine zahlreichen mittelalterlichen Priestergewänder bekannt ist, verwahrt auch einige Stücke aus anderem Zusammenhang, die überdies deutlich jünger sind. Dazu gehört ein reichlich besticktes, quadratisches Seidenkissen von 27 cm Seitenlänge. An den Kanten läuft eine dreifarbige Seidenkordel, die an den Ecken in Schlaufen gelegt ist. Die farbenfrohe Stickerei besteht aus zwei Zonen. Die äußere füllt eine Girlande aus, die in den Ecken größere, fast dreieckige Flächen bildet. Ähnliche, aber deutlich kleinere Elemente sind jeweils in der Kantenmitte zu sehen.

Viele auffällige Details

Aus dieser Girlande wachsen kleine Blüten und Blätter. Die zweite Zone zeigt vier Ranken, die jeweils verschiedene Blüten und Blätter treiben. Die Vögel, die in den Zweigen sitzen, erinnern wegen ihrer Schwanzfedern und des auffallenden Kopfschmucks an Paradiesvögel. Bemerkenswert ist die kleine Vertiefung in der Mitte, deren Rand mit der gleichen Kordel geschmückt ist, die man auch an der Kante findet. Der Stoff ist in exakte Falten gelegt, die sich ähnlich eines aufgefalteten Fächers in der Mitte treffen. Hier ist ein kleines blütenförmiges Schmuckblech angebracht. 

Stickereien aus Biedermeier-Zeit

Die äußere Girlande und die Gitternetze sind in Metallfäden gearbeitet, die Blütenranke mit den Vögeln dagegen in farbiger Seite. Sie heben sich gut von dem moirierten (wellenartig gemusterter) Seidenstoff ab. Die farbigen Kreuzstiche über den Gittern und die kleinen Perlen in den Girlanden steigern die farbenfrohe, effektvolle Wirkung des Kissens. Machart und Dekor lassen an eine Stickerei aus dem Biedermeier denken, also aus der Zeit kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Zweck nicht ganz geklärt

Der Zweck dieses Kissens ist allerdings nicht ganz klar. Besonders die runde Vertiefung in der Mitte gibt einige Rätsel auf. Womöglich diente sie als eine Halterung. Vielleicht also war das Kissen als Tragekissen gedacht. Man kennt so etwas aus feierlichen Zeremonien, wenn die Insignien auf Kissen in die Kirchen getragen werden oder auch die Orden gefallener Soldaten. Dieses Stück hielt wahrscheinlich einst eine Totenkrone.Der Brauch, verstorbene Kinder mit einer Krone zu schmücken und zu begraben, ist heute weitestgehend vergessen. 

Ersatz für Brautkronen

Im südlichen Querhaus des Domes kann man eine solche Totenkrone noch sehen, auf dem Grabstein der Catarina Dorothea von der Schulenburg, die 1629 einjährig verstarb. Sie ist in ein langes Gewand mit Kragen gekleidet. Auf dem Kopf trägt sie eine Krone, die wie geflochten wirkt. Da diese Kronen in den meisten Fällen Mädchen schmückten, hielt man sie als Ersatz für Brautkronen. Schließlich ist den jungen Mädchen ja die irdische Hochzeit verwehrt geblieben. Diese Deutung alleine reicht aber nicht aus. Es wurden eben auch Buben so geschmückt.

Weitere Deutungen möglich

So hielt man die Totenkrone auch für eine Tugendkrone, die also die Unschuld der Kinder betonte. Kinder galten, sofern sie getauft waren, als sündenfrei, weshalb sie direkt ins Paradies gelangten.Einer dritten Deutung zufolge stehen die Totenkrone für die Hoffnung auf das Ewige Leben. Immer wieder ist in der Bibel von einer Krone die Rede, die am Ende aller Tage als Lohn für Treue gegeben wird: „Sei getreu bis in den Tod, so werde ich Dir die Krone des Lebens geben“, steht in der Offenbarung des Johannes im 2. Kapitel. Gewöhnlich hat man die Kinder mit diesen Kronen bestattet.

Krone nicht im Inventar des Brandenburger Doms

Es setzte sich aber auch der Brauch durch, die Totenkronen im Leichenzug mitzutragen und anschließend in der Kirche als Erinnerung auszustellen. Man legte sie auf eigens dafür hergestellte Kronenbretter, die den Namen des Kindes nannten. Manchmal trugen sie auch noch einen tröstenden Spruch. So diente die kleine Vertiefung im Kissen vielleicht als zusätzliche Sicherung, damit die Krone nicht vom holpernden Leichenwagen herunterfallen konnte. Leider wissen wir nicht, wessen Krone einst auf dem Kissen getragen wurde, da sie in keinem alten Inventar des Domes auftaucht. 

Bessere Welt im Jenseits

Denkbar ist natürlich auch, dass die Kirchengemeinde ein wertvolles Tragekissen bereithielt, falls eine Familie darauf zurückgreifen wollte. Es sind auch Leihkronen bekannt, die man beim Pfarrer borgen konnte, gegen eine gewisse Spende natürlich.Das farbenfrohe Dekor mit Blumen und Vögeln deutet auf eine bessere Welt im Jenseits. Das Weiß, die liturgische Farbe von Ostern, macht die christliche Gewissheit der Auferstehung am jüngsten Tag deutlich.

Märkische Oderzeitung, 01.12.2020
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