13.04.2019  –  Berliner Kurier

Der Kirchenklau von Prenzlau.

Der Kirchenklau von Prenzlau. Heilige im Puff

St. Marienkirche Prenzlau, Prenzlau, Hochaltar, Retabel
Der Altar – oder besser, was von ihm übrig ist – 2012 mit den geretteten Figuren. Sie hatten den 2. Weltkrieg eingemauert überstanden, die anderen Teile des sogenannten Retabels verbrannten. Foto: Peter Knüvener 

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Ein ganzes Rudel Heiliger aus Brandenburg machte einen – wenn auch unfreiwilligen –  Ausflug in den Puff nach Köln. Andere strandeten unter Müll an der Autobahn oder landeten im Antiquitätenhandel. Drei  sind seither verschwunden, aber die Denkmalpfleger Brandenburgs hoffen noch immer, sie wiederzufinden. Denn die würdigen, wenn auch mit 80 bis 90 Zentimetern kleingewachsenen Damen und Herren waren schon 1991 aus der Marienkirche in Prenzlau gestohlen worden.

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Diese Statuette, etwa 90 Zentimeter hoch, stellt den Apostel Jakobus d. Ä. dar. Ein Restaurator vom Amt für Denkmalpflege des Rheinlands hatte ihn 2010 bei einem freischaffenden Kollegen fotografiert.   2015, als er seine Fotos sichtete, fiel ihm auf, dass das keine Kunst des Rheinlands ist. Ein Kollege aus Aachen verwies auf den Prenzlauer Kunstdiebstahl, doch da war die Figur schon längst wieder verschwunden.Foto: Marc  Peez
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Ein Foto des Apostels Simon, in den 70er Jahren entstanden.Foto: BLDAM

Die 18 hölzernen Altar-Figuren waren in der Nacht zum 30. Januar 1991 verschwunden. Es sind 1512 geschaffene spätgotische Werke eines namentlich unbekannten Lübecker Meisters, die sich die einstmals reiche Stadt Prenzlau mitsamt dem Altar für viel Geld geleistet hatte.

Sie hatten im Gegensatz zum übrigen Altar das Großfeuer Prenzlaus und der Marienkirche bei den letzten Kämpfen Ende April 1945 überstanden. Sie waren eingemauert worden.

Offenbar war 1991 durch ein Sakristeifenster eingebrochen worden, eilig wurden die Figuren weggeschafft. Nur die zentrale Marienfigur blieb an Ort und Stelle. Damals gingen viele Kunstdiebe in ostdeutschen Gotteshäusern ihrem unchristlichen Werk nach. Der oder die Täter von Prenzlau – das konnte nie geklärt werden – kamen aus Köln.

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Die Marienkirche in Prenzlau, die am Ende des 2. Weltkriegs weitgehend zerstört worden war.Foto: imago/Rainer Weisflog

Dort meldete sich eine Frau bei der Polizei, zeigte ihren Bruder an: Der habe ein Ding gedreht, das wohl zu groß für ihn war. Die Beamten gingen auf die Suche und wurden fündig. In gleich zwei Bordellen in Bergisch-Gladbach und in Köln hatte der Mann Liebesdienste mit gestohlenen Figuren bezahlt.

Das scheint höheren Ortes nicht auf Wohlgefallen gestoßen zu sein: Der Teufel holte den Haupttäter. Er war bereits vor dem Einsatz der Polizei mit 49 Jahren einem Herzinfarkt erlegen, just in einem der beiden Puffs. Sein damals 34 Jahre alter Ex-Schwager, der Mittäterschaft geziehen, konnte sich rausreden.

Neben den Heiligen aus den Bordellen tauchten drei, in Decken gewickelt, unter Müll an einer Raststätte der Autobahn A3 östlich von Köln auf, fünf im Kölner Antiquitätenhandel, wo sie beschlagnahmt wurden. Im Sommer 1991 konnten sie alle im Kofferraum eines Kölner Polizeiautos die Heimreise nach Prenzlau antreten.

Bis auf drei. Die Apostel Jakobus der Ältere, Jakobus der Jüngere, von dem es kein Foto gibt, und Simon sind bis heute verschwunden. Jakobus der Ältere war zwischenzeitlich 2010 im Rheinland bei einem freischaffenden Restaurator aufgetaucht, der ihn für den Privatbesitzer auffrischte.

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Die Restauratorin Christiane Thiel bei der Arbeit an den Altarfiguren: Am Fuß des sogenannten Retabels ist die „Anbetung der Könige“ dargestellt.Foto: Förderkreis Alte Kirchen

Marc Peez, Restaurator der rheinischen Denkmalpflege, konnte Jakobus in der Werkstatt des Kollegen fotografieren. 2015 sichtete er dann einmal seine Fotos, und ihm fiel anhand des Stils auf, dass diese Figur nicht aus dem Rheinland stammen konnte. Er fragte einen Kollegen in Aachen, der die Figur Prenzlau zuordnete und einen Mitarbeiter der brandenburgischen Denkmalpflege informierte. Der wiederum ging zur Polizei.

Doch die Polizei in Prenzlau schien nicht der ganzen Sache nicht so richtig viel Wert zugemessen zu haben, unter anderem, weil die Tat verjährt war, beklagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Fördervereins Alte Kirchen. Die Akten von 1991 sind offenbar seit Jahren verschollen, eine vor Wochen an die Polizei Prenzlau gestellte Anfrage des KURIER blieb unbeantwortet. Und Jakobus ist wieder in Privatbesitz. Wo auch immer.

Die übrigen Figuren wurden über die Jahre im Auftrag der Prenzlauer Mariengemeinde von der Potsdamer Restauratorin Christiane Thiel instand gesetzt. Sie hatten über die Folgen des Alters hinaus durch den Diebstahl vielfach Schaden genommen, der Apostel Bartholomäus hat seit 1991  keinen Kopf mehr.

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Der Hochaltar, fotografiert vor dem Krieg. Nur die Figuren blieben erhalten.Foto: BLDAM

Die Denkmalpfleger aber lassen nicht locker, hoffen noch immer auf die Wiederkehr der verlorenen Figuren. Denn manchmal scheint das schlechte Gewissen der mehr oder weniger über die illegale Herkunft der Figuren wissenden Besitzer noch nach Jahrzehnten zu obsiegen. Marc Peez macht das anhand eines anderen Falls klar: „2016 flogen zwei Reisetaschen über die Mauer des Klosters Maria Laach. Darin waren elf kirchliche Kunstgegenstände, die um 1971 herum am Niederrhein aus Kirchen gestohlen worden waren.“

Der Berliner Lukas-Verlag hat ein reich bebildertes Heft „Der Hochaltarretabel in der Prenzlauer Marienkirche“ herausgegeben, das auch kirchliche Kunst der Uckermark und Vorpommerns behandelt. 134 Seiten, 218 Abbildungen, 15 Euro (e-book: 12 Euro)

Berliner Kurier, 13.04.2019
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