22.05.2018  –  Märkische Allgemeine

Die Kirche hinter dem Rhododendron (Borkheide)

Borkheide

Die Kirche hinter dem Rhododendron

Ein Busch zieht die Blicke auf dem Friedhof auf sich: Der Rhododendron blüht. Dass die Borkheider die Friedhofskapelle als Kirche nutzen, ist eine weitere von vielen Besonderheiten.

Die kleine Glocke auf der Kirche wurde früher von Konfirmanden bedient. Geläutet wird heute mit der freistehenden Glocke.
Quelle: Andreas Trunschke

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Borkheide Wenn Auswärtige die Borkheider Kirche suchen, dann landen sie oft im Kirchsteig. Tatsächlich war an dieser Stelle einmal eine Kirche geplant, daher der Name für diese Sandstraße. Warum dort nie eine Kirche gebaut wurde, liegt im Dunklen der kurzen Geschichte des Ortes verborgen. Trotzdem verfügt die Waldgemeinde über eine kleine Kirche.

Der um 1930 gebaute schmucke Fachwerkbau mit gelben Mauern und roten Balken steht auf dem Friedhof, der der Kommune gehört. Ursprünglich diente der Bau jedoch als Friedhofskapelle. Wann er zur Kirche wurde, kann heute auch niemand mehr sagen.

Die Einheimischen kommen zur Kirche und auf den Friedhof meist von der Westseite aus. Dort ist der Weg am besten ausgebaut und die Strecke zur Kirche am kürzesten. Dabei befindet sich der Hauptzugang auf der Ostseite und ist der weitaus schönere, vor allem jetzt im Mai, wenn der Rhododendron blüht. Denn mitten auf dem Weg vom etwas maroden Eingangstor zur Kirche erhebt sich ein prächtiger Rhododendronstrauch, der ein hölzernes Kreuz umschließt, das ihn noch überragt.

Kleine landschaftsgärtnerische Überraschung

Der eindrucksvolle Strauch schafft eine kleine landschaftsgärtnerische Überraschung. Vom Eingang her sieht man zuerst fast nur den Strauch. Doch während man ihn umgeht, wird langsam die kleine Kirche sichtbar, die besonders dann, wenn die Sonne darauf fällt, mit ihrem satten Gelb eine heitere Stimmung verbreitet.

Im Kontrast dazu stehen die Gräber in unmittelbarer Nähe zur Kirche. Im Norden befinden sich 14 Soldatengräber aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Grabanlage wurde vor wenigen Jahren von der Kriegsgräberfürsorge schlicht und modern neu gestaltet.

Blick in die Ortschronik

Den alten Gedenkstein mochte die Kirchengemeinde dennoch nicht wegwerfen und stellte ihn auf der anderen Seite vor der Kirche auf, direkt neben das Grab des belgischen Antifaschisten Arthur Dizier. Die Borkheider Ortschronistin Heike Günther erzählt in ihrem Heimatheft von 2016 die Hintergründe.

Im April 1945 gelangten der 25-jährige Arthur Dizier und sein Bruder Antoine auf dem Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald nach Borkheide, um von dort mit Güterzügen weiter deportiert zu werden. Beide versuchten zu fliehen. Während Antoine von der Borkheiderin Lucie Schätzgen versteckt und gerettet wurde, fand man Arthur später erschossen im Wald.

Letzte Ruhe gefunden

Vermutlich wurde er erst an dem Weg von Borkheide nach Neuendorf begraben, bevor er im November 1946 im Beisein „aller drei antifaschistischen Parteien“ auf dem Borkheider Friedhof seine letzte Ruhe fand.

Auch andere Geschichten weiß der Friedhof zu erzählen. Annette Mahs, Mitglied im Gemeindekirchenrat und Inhaberin der örtlichen Gärtnerei, hilft zum Beispiel Professor Dimitri Stein aus New York bei der Pflege des Grabes seiner Mutter.

Mitten im Kalten Krieg

Stein stammt aus Russland, durfte als „Mischling 1. Grades“ im Berlin Ende 1943 nicht promovieren, wurde in den USA dann doch Professor. Er handelte mitten im Kalten Krieg mit der Sowjetunion die erste Lizenz eines westlichen Unternehmens überhaupt aus – und holte im Alter von 88 Jahren am 12. November 2008 seine Promotion an der TU Berlin nach. „Bis vor zehn Jahren kam er noch jedes Jahr persönlich an das Grab seiner Mutter“, erzählt Mahs.

Das berühmteste Grab auf dem Borkheider Friedhof ist das Ehrengrab des ersten deutschen Motorfliegers Hans Grade und seiner Frau Käthe. Seinen Namen trägt auch die hiesige Grundschule.

Zwei moderne Grabanlagen

Auf derselben Seite des Friedhofs gibt es auch zwei moderne Grabanlagen. An einer Stelle kann man sich an einem Baum bestatten lassen. Ingrid Roth, die wohl am meisten über die Kirche und den Friedhof in Borkheide weiß, erzählt, dass diese Möglichkeit sehr gut angenommen wird. „Sehr viele interessieren sich für diese Variante.“

Inzwischen hat die Kirchengemeinde dazu sogar zwei neue Bäume angepflanzt. Gärtnerin Mahs hat dazu einen Roten Feldahorn und einen Kolchischen Blutahorn ausgesucht: „Die Bäume sollen zum Kiefernwald passen, trotzdem etwas Besonderes sein und pflegeleicht.“

Ein Feld für Tuchbestattungen

Ein Stück weiter gibt es ein Feld für Tuchbestattungen. Die Kirchengemeinde Borkheide-Borkwalde, die erst vor etwa 15 Jahren zusammengelegt wurde, war eine der ersten, die sich für diese Bestattungsform öffnete, die unter anderem für Muslime wichtig ist. Bis zum Grab müssen die im Tuch zu beerdigenden Toten dennoch im Sarg transportiert werden. „Das ist Vorschrift“, erklärt Pfarrer Clemens Bloedhorn. In Anspruch genommen wurde dieser „Service“ bisher nicht.

Die Kirche selbst wurde, wie Roth berichtet, von Anfang an mit einer elektrischen Heizung versehen. Bei ihrer Sanierung half zu DDR-Zeiten die Partnergemeinde aus Ratingen mit Material. Der Innenraum ist schlicht gehalten. Früher gab es über dem Altarraum noch eine Seeligpreisung, die heute nicht mehr zu sehen ist. „Seelig sind die, die reinen Herzens sind“, soll da gestanden haben.

Orgel aus Blankensee

Seit 1994 hat die Kirche eine eigene Orgel. Gebaut hat sie Orgelbauer Burkhard Möller aus Blankensee. Möller schloss mit dem Bau dieser Orgel seine Ausbildung zum Orgelbaumeister ab.

Früher fanden die Trauerfeiern in einem kleinen Raum an der Westseite der Kirche statt, die heute als Abstellraum dient. Da dort aber nur wenige Menschen Platz fanden, begannen 1996 zuerst die Christen, die Kirche für ihre Totenfeiern zu nutzen.

Die Kanzel bleibt dem Pfarrer vorbehalten

Bald wollten auch die Atheisten nicht mehr draußen stehen und baten ebenfalls um Einlass in die Kirche. Heute ist das selbstverständlich, wenigstens in Borkheide. Nur der Altarraum wird dann abgesperrt. Die Kanzel bleibt dem Pfarrer vorbehalten. Die Kirche wird natürlich auch für Hochzeiten genutzt. „Darunter auch auswärtige Paare“, wie Roth erzählt.

Die Kirche hat zwei Glocken. Eine kleine befindet sich in einer schmalen Dacherhebung über der einstigen Kapelle. Der Aufstieg ist so eng, dass das Läuten immer Aufgabe der Konfirmanden war. 1968 kam eine größere Glocke auf einem Metallgerüst dazu, die heute elektrisch betrieben wird. Mahs, deren Vater bereits im Kirchenrat war, musste das Gerüst als Konfirmandin noch selbst streichen.

Wenn die Glöcke schlägt

Um 12 Uhr schlägt die Glocke. Sie muss erst ein paar Mal hin und herschwingen, bevor der Klöppel anschlägt. Dafür klingt sie noch einmal nach, wenn man schon denkt, dass sie wieder zur Ruhe gekommen ist. Die kleine Glocke dagegen schweigt.

Der Holzbau, der sie trägt, müsste erneuert werden. Roth hofft, dass sie wieder einmal erklingen wird, „wenigstens zu besonderen Anlässen“.

Von Andreas Trunschke

Märkische Allgemeine, 22.05.2018