15.10.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Die Kirche von Radensleben wird wieder bunt

Restauratorinnen lassen die Kirche von Radensleben wieder im Glanz des 19. Jahrhunderts erstrahlen. Das gesamte Innere wird aufwändig neu ausgemalt – so wie es Preußens erster Denkmalpfleger Ferdinand von Quast einst geplant hatte.

Grau ist die Farbe, die Besucher bisher mit der Kirche von Radensleben in Verbindung bringen. Grau ist das Gebäude von außen, abgesehen vom Ziegelmauerwerk. Grau war bisher das Innere: die Bänke, die Empore, die Wände.

Restauratorin Sandra Bothe und ihre Kollegen werden das Bild der Kirche in den nächste Monaten völlig verändern. Das Innere wird bunt. So bunt, wie es sich Preußens erster Denkmalpfleger Ferdinand von Quast einst vorgestellt hat, als er die Kirche von Radensleben ab 1864 völlig neu gestalten ließ.

„Das ist ja eigentlich ein mittelalterlicher Bau“, sagt Sandra Bothe. In der Tat stammen die ältesten Teile des Kirchengebäudes aus dem 13. Jahrhundert. Doch in den vergangenen 160 Jahren ist die Kirche mehrfach saniert und verändert worden, sodass vom ursprünglichen Inneren nicht mehr viel geblieben ist. Einen Teil dieser Veränderungen machen die Restauratoren jetzt rückgängig. Sie sollen die Kirche wieder so herrichten, wie sie nach den Entwürfen von Quasts einmal gestaltet wurde.

Das gesamte Kirchenschiff wird innen neu ausgemalt.

Das gesamte Kirchenschiff wird innen neu ausgemalt. Quelle: Henry Mundt

In den vergangenen Monaten hat das Team der Rheinsberger Restauratorengemeinschaft vor allem die Farbe wieder von den Wänden entfernt, die bei einer Renovierung 1925 und später in den 1960er Jahren drauf gekommen ist. Eine extrem mühevolle Prozedur. „Teilweise mussten wir die Farbe mit einem Dampfstrahlgerät abtragen“, sagt Sandra Bothe.

Was vorher kaum zu sehen war: Unter der dicken grauen Schicht liegen sehr aufwändige farbige Malereien verborgen. „Na ja, ein paar die Reste davon“, sagt Restaurator Oliver Helle. Tatsächlich ist vom einstigen farbigen Glanz nichts mehr zu sehen.

Wo die Restauratoren die alte Farbe abgetragen haben, kommen vage schwarze Striche zum Vorschein. Manche erinnern an die Zweige eines umgekehrt aufgehängten Weihnachtsbaums, andere lassen verschlungene Pflanzenmuster erahnen oder ein schmückendes Band aus Zickzacklinien.

Mit dem Skalpell entfernt Ulrike Tahl an der sogenannten Patronatsloge Millimeter für Millimeter die alten Farbschichten und legt die Reste der Malereien darunter frei.

Mit dem Skalpell entfernt Ulrike Tahl an der sogenannten Patronatsloge Millimeter für Millimeter die alten Farbschichten und legt die Reste der Malereien darunter frei. Quelle: Henry Mundt

Üblicherweise wäre es die Auflage de Restauratoren, die Funde zu sichern und so zu erhalten, wie sie sind. In Radensleben ist das anders. Dort geht es ausnahmsweise nicht nur darum, die noch vorhandenen Reste vor dem weiteren Verfall zu schützen. „Hier malen wir den Quast komplett neu“, sagt Sandra Bothe: „Das ist toll.“ Handwerklich ist eine völlig neue Aufgabe.

Ferdinand von Quast hat damals im 19. Jahrhundert die mittelalterlichen Fenster verändern lassen. Die Kirche wirkt dabei heller als ursprünglich vorgesehen. Die Laibungen der Fenster ließ er mit Ornamenten bemalen, die die Fensterfläche optisch vergrößern sollten.

Unter der Decke zog sich ein florales Fließ um das gesamte Kirchenschiff. Unterhalb der Fenster bedeckte eine sogenannte Vorhangmalerei die Wände. Dabei haben Maler mit Farbe den Eindruck zu erwecken versucht, als wären die Wände ringsum mit bedrucktem Stoff behangen.

Oliver Helle fertigt nach den Vorstellungen der Restauratoren eine Mustertafel an, um die Wirkung der Malereien überprüfen zu können, bevor die auf den Putz gemalt werden.

Oliver Helle fertigt nach den Vorstellungen der Restauratoren eine Mustertafel an, um die Wirkung der Malereien überprüfen zu können, bevor die auf den Putz gemalt werden. Quelle: Henry Mundt

Den Stoff sieht man nicht mehr, auch die Muster sind allenfalls zu erahnen. Nur Teile der Konturen existieren noch. In mühevoller Kleinarbeit haben die Restauratorinnen sie mit Filzstiften auf Folien abgemalt, eingescannt und im Computer bearbeitet, um überhaupt erkennen zu können, was für ein Muster sie da vor sich haben.

„Das Schöne ist, dass wir in privatem Besitz ein Aquarell aus der Zeit kurz nach der Einweihung gefunden haben“, sagt Sandra Bothe. Auf dem Bild sind Einzelheiten zu erkennen, die auf den Wänden heute nicht mehr zu sehen sind.

Dazu kommen ein paar alte Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Inneren der Kirche. Auch die zeigen Ornamente, nur nicht die Farben. Bei denen helfen Abbildungen aus der Kirche Gernrode, die einst von Quast ganz ähnlich gestaltet wurde wie die in Radensleben.

Auch das haben die Restauratoren entdeckt: eines von mehreren sogenannten Weihekreuzen aus dem Mittelalter. Sie bleiben sichtbar und werden in die neue Bemalung einbezogen.

Auch das haben die Restauratoren entdeckt: eines von mehreren sogenannten Weihekreuzen aus dem Mittelalter. Sie bleiben sichtbar und werden in die neue Bemalung einbezogen. Quelle: Henry Mundt

Aus all diesen Vorlagen haben die Restauratoren Detailzeichnungen der Ornamente angefertigt, die sie von Papier Stück für Stück auf die Wände übertragen müssen, um sie danach farbig auszumalen.

Während Ulrike Tahl noch dabei ist, mit dem Skalpell die einstige Patronatsloge von der alten Latexfarbe zu befreien, legt Oliver Helle auf großen Tafeln Farbmuster an, damit alle einen Eindruck bekommen, wie die Wände später einmal aussehen könnten.

Die Ornamente werden zuerst auf Papier gemalt. Sandra Bothe und ihre Kollegen zeichnen dann jede Linie mit Nadelstichen nach. Mithilfe von Kohlenstaub lassen sich die Linien so durch das aufgelegte Papier hindurch auf die Wände übertragen, und können später ausgemalt werden.

Die Ornamente werden zuerst auf Papier gemalt. Sandra Bothe und ihre Kollegen zeichnen dann jede Linie mit Nadelstichen nach. Mithilfe von Kohlenstaub lassen sich die Linien so durch das aufgelegte Papier hindurch auf die Wände übertragen, und können später ausgemalt werden. Quelle: Henry Mundt

Rund 350.000 Euro hat die evangelische Kirchengemeinde mit viel Hilfe von Förderern, Stiftungen, Vereinen und privaten Unterstützern zusammengetragen. Einige Anträge laufen noch, sagt Pfarrerin Ute Feuerstack.

Im Mai hat die Restaurierung der Kirche begonnen und sollte eigentlich bis November beendet sein. „Aber das ist nicht zu schaffen“ sagt Sandra Bothe. Wegen der Pandemie hat sich auch die Arbeit der Restauratoren extrem verzögert. Ziel ist es jetzt, vor dem 3. Oktober 2021 alles beendet zu haben.

Von Reyk Grunow

Märkische Allgemeine Zeitung, 15.10.2020
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