14.08.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Golm: Zwei Kirchen in einem Dorf

Im Potsdamer Ortsteil Golm stehen zwei Kirchen nebeneinander: eine aus dem 15. und eine aus dem 18. Jahrhundert. Das Mittelalterbauwerk ist stark sanierungsbedürftig.

Die Alte Kirche in Golm stammt aus dem 15. Jahrhundert, was Gräber belegen. Aber Unterlagen dazu gibt es nicht.Quelle: Varvara Smirnova

Klein und schäbig neben groß und schick: So steht die alte Golmer Kirche neben der neuen. Auf mindestens 550 Jahre schätzen Experten das Alter der kleinen, grauen Grabkirche mitten im Friedhof, denn zum Begräbnis des Klaus von Schönow im Jahre 1449 und dem seiner Gattin Margaretha von der Göben 1469 gab es den Kirchteil mit der halbrunden Altar-Apis schon. 

Ein Fachwerkbau dürfte es damals noch gewesen sein mit einem hölzernen Glockenturm auf dem Dach. Dessen Stützkonstruktion sieht man noch im Gebälk, doch das ist mit einer Bretterschalung verdeckt, das man zu Zeiten Karl Friedrich Schinkels (1781-1841) einzog. Den Besuchern am Tag des offenen Denkmals am 8. September bleibt der beeindruckende Blick ins Dach leider verwehrt: Aus Sicherheitsgründen lässt man außer Bauexperten niemanden die Leitern in die Höhe steigen.

Bauvereinschef Johannes Gräbner im maroden Dachstuhl der Kirche. Quelle: Varvara Smirnova

Die Tragbalken sind zum Teil morsch; laufen darf auch der Fachmann nur über Bretter, die auf den Balken liegen, um nicht durch die alte Holzdecke zu stürzen. 

650.000 Euro braucht der Verein

Bauvereinschef Johannes Gräbner (66), Ex-Kladower und seit zehn Jahren Golmer mit Wohnsitz ganz in Kirchennähe, wird der Gästen beredt erklären, worunter das unscheinbare, aber sehr alte Kirchlein leidet und wie man es kurieren kann. Weil das von öffentlichen Förderungen und Spenden abhängt und in Eigenarbeit fachlich versierter Vereinsmitglieder passiert – Gräbner selbst war Bauingenieur – legt niemand einen Zeitplan fest, wohl aber eine Mindestsumme: 650.000 Euro. „Wenn wir pro Jahr 200.000 bekommen und verbauen müssen, schaffen wir auch das“, versicherte Gräbner am Dienstag bei einem Presserundgang durch das schlichte, an vielen Stellen falsch geflickte Bauwerk. 

Eilige Sicherung nach dem Krieg

Frühere Türen und Fenster wurden nach dem Zweiten Weltkriegzugemauert, das Dach mit Balken versteift, die auf ihre Länge viel zu dünn sind. Der Putz fällt ab; bei Starkregen wälzt sich Schwemmsand aus dem Friedhof auf das betagte Gebäude zu, das „Löcher in den Socken“ hat: In Kniehöhe ist das Mauerwerk aus Feldsteinen und Ziegeln winddurchlässig.

Der Sockel des Mauerwerks hat Löcher. Quelle: Varvara Smirnova

Das Fundament muss untergraben und befestigt werden, und die Wassermassen will man abhalten, indem man sie in einem kleinen Graben um die Kirche sammelt und von dort weg leitet. Zur Gebäudewand hin wird man Erdreich etwa einen halben Meter aufschütten, sodass Regenfluten die Kirche gar nicht erst erreichen. 

Alte Turmbalken müssen raus

Saniert werden muss auch der heute an der Westseite stehende, steinerne Glockenturm, dessen Wände ein durch Ziegel und Lehmfüllung deutlich verdicktes Mauerwerk sind. In ihm aber sind die Balken längst zu morsch, um irgendetwas zu tragen; Glocken gibt es deshalb längst nicht mehr. Diese Balken, die einst die Glockenschwingungen dämpfen sollten, aber schon wenig nach der Bauzeit vom Anfang des 18. Jahrhunderts als bauphysikalischer Unsinn galten, müssen nun aus den Wänden geschält werden – „rausoperieren“ nennt Gräbner das. Neue Balken wird es nicht geben. 

Bretterdecke wird erhalten

Erhalten will man die Bretterdecke im Kirchenschiff und sie wieder mit den quadratischen Ornamenten versehen, die in schinkelscher Manier so aufgemalt wurden, dass sie plastisch wirkten; Reste davon sieht man an der Apsis und im Vorraum, der heute der Haupteingang ist. Von diesem Eingang im Westen des einstigen Gotteshauses kam man durch eine eigentlich viel zu niedrige Tür in eine Empore, deren Aufhängungen man noch in der Mauer sieht; die Tür liegt quer an der Vorraumwand. 

Der wahrscheinlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg teils bruchstückhaft und unregelmäßig verlegte Ziegelboden bleibt zwar bestehen, soll aber mit einem Holzboden belegt werden, um verschiedenste profane und kirchliche Veranstaltungen sturzgefahrlos zu machen. „Alles soll hier drin in einer Art Begegnungszentrum möglich sein“, sagt Gräbner, „alles, was keinen Krach macht, denn wir sind auf einem Friedhof.“ 

Kirchenbesonderheit für Potsdam

Dass es zwei Kirchen nebeneinander in einem Ort gibt, macht Golm zu etwas ganz Besonderem in Potsdam: In dem 1289 erstmals urkundlich erwähnten Dorf steht am Fuße des Reiherberges die kleinere und ältere der beiden inmitten des historischen Friedhofs. Die größere und neuere Kaiser-Friedrich-Kirche löste die Alte Kirche vor 135 Jahren in ihrer Funktion als Dorfkirche ab.

Alte und neue Kirche in Golm Quelle: Rainer Schüler

Die Alte Kirche Golm gehört auch zu den ältesten Kirchengebäuden Potsdams. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der einschiffige, verputzte Backsteinbau mit barocken Gestaltungselementen ausgestattet und durch den quadratischen Westturm mit Zeltdach erweitert. Der noch erhaltene Altaraufsatz aus dem 18. Jahrhundert enthält eine Widmung des Königs Friedrich Wilhelm I.; der Aufsatz musste ins Potsdam-Museum ausgelagert werden und ist inzwischen restauriert. Dabei drehte man die beiden „Schraubensäulen“ links und rechts des Verschwunden Kreuzigungsgemäldes um: Ihre „Gewinde“, die sich auf beiden Seiten jeweils von innen nach außen in die Höhe schraubten wie die „Segnungsgeste“ eines Pfarrers mit erhobenen Armen, steigen nun von außen nach innen an und weisen damit ins Zentrum zu Gott, sagt Restauratorin Grit Jehmlich. 

Sind die Säulen jetzt richtig?

Irgendwann bei einer früheren Restaurierung des Altars, den man dafür auseinandernahm, muss jemand die Säulen falsch herum eingebaut haben. Das Gemälde, eine sehr beliebte und oft abgewandelte Version eines Rubens-Gemäldes von Jesus am Kreuz, ist Gräbner zufolge kurz nach der Wende verschwunden, als die Kirche geplündert wurde. Ein Filmkulissenmaler der Defa-Studios ersetzte es durch eine wenig passende Version.

Der Werdegang der Kirche und ihres Altars: Links unten die älteste Ansicht des Altars mit dem ursprünglichen Bild und den falsch gedrehten Säulen. In der Mitte die nach dem Gemäldediebstahl neu geschaffene Version aus den Defa-Studios und rechts der restaurierte Altar ohne Bild, aber mit richtig herum gedrehten Säulen. Quelle: Varvara Smirnova

Der Kirchbauverein würde sich riesig freuen, wenn das ursprüngliche Bild aus irgendeinem Privatbesitz wieder auftaucht und restaurierte werden könnte. 

Die alte Kirche war schon 1778 so baufällig, dass eine lange Kette von Reparaturen einsetzte. Die stetig wachsende Bevölkerung von Golmmachte einen Neubau erforderlich. Die Kaiser-Friedrich-Kirche wurde 1886 geweiht; die Alte Kirche war von da an nur noch Begräbniskapelle. Der neue Backsteinbau in neugotischen Formen wurde nach seinem Förderer Kronprinz Friedrich Wilhelm benannt. 

Alte Kirche war zu klein

Am 16. November 1882 überzeugte sich dieser zunächst allein und sechs Tage später im Beisein seiner Gattin vom schlechten Zustand der Alten Kirche in Golm. Friedrich Wilhelm und seine Frau Victoria, Prinzessin von Großbritannien, wollten mit dem Bau der Neuen Golmer Kirche eine bleibende Erinnerung an ihre Silberhochzeit schaffen. Dies zeigte sich auch in Teilen der originalen Ausstattung der Kirche. Ursprünglich hingen im Turm drei Glocken, die auf unterschiedliche Bibelverse verwiesen. Diese sollten einerseits an den Gunstbeweis des Kaisers und andererseits an die Silberhochzeit des Kronprinzenpaares erinnern. Eine mittelalterliche Grabplatte im Eingangsbereich und die historische Orgel der Firma Gesell zählen noch heute zur besonderen Ausstattung der Kirche. 

Was ist zu sehen am Tag des offenen Denkmals?

Der Tag des offenen Denkmals besteht aus zwei Tagen, dem 7. und dem 8. September. 

Am Samstag, dem 7. September, sind das ehemalige Offizierskasino Krampnitz, der alte Bornstedter Friedhof und das Wohnhaus nebst Garten von Karl Foerster in Bornim zu sehen.

Der Sonntag, 8. August, wartet als Haupttag mit 51 Angeboten auf. Darunter sind wirklich seltene Besichtigungsmöglichkeiten:

Die Miniaturfregatte „Royal Louise“ liegt an der Schwanenallee.

Der Lindner-Motorwagen des Vereins Historische Straßenbahn verkehrt zwischen Wilhelmgalerie und Campus Jungfernsee.

Die Villa Arnim steht an der Weinbergstraße 20, die Villa Francke an der Gregor-Mendel-Straße 23, der Winzerberg an der Schopenhauer-/Ecke Weinbergstraße.

Die Hofgärtnerei im Park Babelsberg und die Villa Carlshagen am Luftschiffhafen sind Raritäten. 

Weitere Informationen noch noch mehr Termine in Potsdam unter: www.potsdam.de/event/tag-des-offenen-denkmals und www.tag-des-offenen-denkmals.de.

Die ursprünglich von Carl Eduard Gesell gebaute Orgel wurde zusammen mit der Kirche 1886 eingeweiht und ist fast komplett original erhalten. Lediglich die 1917 beschlagnahmten Zinn-Prospektpfeifen wurden in den 1920er Jahren in Zink ersetzt. Nach dem Tod Carl Eduard Gesells übernahm sein Schüler Alexander Schuke die Firma. Zum hundertjährigen Bestehen der Firma Schuke wurde die Orgel 1998 aufwendig restauriert. 

Granattreffer im Krieg

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gehörte Golm zum Kampfgebiet um Berlin, und beide Kirchen erlitten durch Beschuss schwere Schäden; die Einschüsse erkennt man deutlich anhand der Flickstellen im Mauerwerk. Erst 1962 konnte die Neue Kirche durch Eigeninitiative der Kirchenmitglieder notdürftig gesichert werden. Der beschädigte Dachreiter musste 1971 jedoch aus Sicherheitsgründen entfernt werden. 

Es ist vor allem dem 2002 gegründeten Kirchbauverein Golm zu verdanken, dass die Sanierung der evangelischen Dorfkirche vorangetrieben werden konnte. So erhielt der Kirchturm 2006 einen neuen, spitzen Dachreiter, und im Folgejahr konnte die Turmuhr wieder in Betrieb genommen werden. Auch die bis dahin sicherheitsbedingt stillgelegte Glocke konnte ab 2013 wieder genutzt werden. 

Von Rainer Schüler

Märkische Allgemeine Zeitung, 14.08.2019
Zur Kirche
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