12.12.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Grabsteine erzählen Dorfgeschichten in Semlin

Auf dem Semliner Weihnachtsmarkt – der auch „Weihnachtswunder“ heißt – stellten Autorin Heike Brett und Herausgeber Eugen Gliege das neue Buch „Die Kirche und der Friedhof in Semlin“ vor.

Heike Brett kennt sich aus mit der Literatur zum Friedhof in Semlin: „Meinen jährlichen heimatgeschichtlichen Vortrag hatte ich dieses Jahr dem Thema Kirche und Friedhof in Semlin gewidmet. 2012 erschien dazu bereits das Heft Nummer 9 der ‚Semliner Hefte’ zu diesem Thema“, erzählt Heike Brett, die in Rathenow lebt, und ein Wochenendgrundstück am Semliner See hat.

Die Kirche als Lagerraum

Grabsteine erzählen auch die Geschichte der Menschen, die einst im Ort lebten. So gab es noch einige Geschichten zu erzählen und auch die Geschichte der Kirche näher zu beleuchten. Dazu gehört, dass die Kirche im letzten Kriegsjahr als Lagerraum für optische Erzeugnisse der Rathenower Emil Busch AG diente.

Erfolgreich restauriert

Oder dass die Dorfkirche im kleinen Ort Semlin bei Rathenow 1893 eine Orgel der angesehenen Werkstatt von Friedrich Hermann Lütkemüller(1815 bis 1897) erhielt. 1928 wurden die im Ersten Weltkriegeingeschmolzenen Zinnpfeifen ersetzt. Nachdem die Orgel seit 1960 spielbar war, wurde sie 1999 erfolgreich restauriert.

Die Kirche und der Friedhof. Quelle: Uwe Hoffmann

Und Eugen Gliege weiß noch mehr: „Noch interessanter ist die Geschichte einer der zwei Kirchenglocken, die nicht nur das Schicksal vieler im Ersten und später im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzenen Kirchenglocken teilte“, erzählt Gliege. „Nachdem die größere, mittelalterliche Glocke, auf Grund eines Sprungs 1892 nachgegossen wurde, schmolz man die 1881 gegossene, kleinere Glocke 1918 für die Rüstungsproduktion ein.“

Jetzt in Neuglobsow

Zum Erntedankfest 1933 läutete wieder eine neue, zweite Glocke, die allerdings dem Einschmelzen im Zweiten Weltkrieg geopfert werden musste. 1948 kam Ersatz für diese Glocke aus Hohenkränig in der Neumark (heute Krajnik Gorny). Diese Glocke harmonisierte aber nicht mit dem Klang der 1892 neu gegossenen Glocke. So entschied man sich die Glocke von 1892 abzugeben und die aus Hohenkränig zu behalten. So läutet die 1882 für Semlin neu gegossene, zweite Kirchenglocke seit 1952 in der Kirche in Neuglobsow am Stechlin.

Die Grabstätte von Martin Keune (1959-2017), Autor der Reihe „Semlimer Hefte“. Quelle: Uwe Hoffmann

Aber auch die Grabstein erzählen viele Geschichten. So enthalten manche Grabplatten oder Grabsteine Inschriften. Auch ein fehlender Grabstein erzählt eine interessante Geschichte. „Im Zuge von Recherchen konnte unter einer Grasnarbe das Fundament eines Findlings wieder entdeckt werden“, erzählt Heike Brett. „Dieser wurde als Grabstein für die 1928 und 1935 verstorbenen Eltern des in Semlin lebenden O. Schacht aufgestellt. Sein älterer Bruder Hjalmar Schachtwar 1933 bis 1939 Reichsbankpräsident und 1934 bis 1937 auch Reichswirtschaftsminister.“

Eine Familiengeschichte

Eine Semliner Familiengeschichte erzählt der Grabstein von Otto Schulze (1909 bis 1983), einem Semliner Original, und seiner Ehefrau Martha (1909 bis 1998). „Der auf dem Rosenkranz in Semlin-Ausbau ansässige Tischlermeister Otto Schulze fertigte auch für viele SemlinerHochzeitspaare die Möbel-Erstausstattung. Auch wir hatten unsere Möbel von ihm. Als weiteres Standbein entdeckte er die Sargfertigung“, so Heike Brett weiter. „Auch Ottos gleichnamiger ältester Sohn halt in der Werkstatt mit. Er starb 2019 und erhielt eine Grabstelle in einer modernen Gemeinschaftsurnengrabanlage.“

Im Buchhandel

Das Buch „Die Kirche und der Friedhof in Semlin“, 76 Seiten, ergänzt durch viele Informationen und Abbildungen, gestaltet und herausgegeben von Eugen und Constanze Gliege ist im Buchhandel erhältlich.

Von Uwe Hoffmann

Märkische Allgemeine Zeitung, 12.12.2019