20.07.2020  –  Märkische Oderzeitung

Mit Theorbe und Ganassi-Flöte die Granseer Sommermusiken eröffnet

Beeindruckend: Christian Stahl spielte auf seiner langhalsigen Theorbe. Die sieben Saiten der langgezogenen Laute sind wie eine Tonleiter gestimmt. © Foto: Wolfgang Gumprich
Die perfekte Ergänzung zur Laute : Theresia Stahl interpretierte mit ihrer Ganassi-Flöte Musik des Barock. © Foto: Wolfgang Gumprich

Wolfgang Gumprich / 20.07.2020, 20:30 Uhr Gransee

Große Kirche, leere Bänke. Mit weniger als zehn Besuchern begann am Sonnabend die bereits 58. Auflage der Granseer Sommermusiken. Dieses Mal hatte die evangelische Kirchengemeinde das Duo La Vigna aus Radebeul eingeladen, das sich der Pflege der Barockmusik verschrieben hat. Theresia Stahl hatte eine große Auswahl ihrer Barocken-Flöten mitgebracht, darunter eine Ganassi-Flöte.

Ursprung liegt in Italien

Dieses Instrument, so erklärte sie, gehe auf eine der ältesten Blockflötenschulen von Sivestro di Ganassi um 1535 zurück. „Um größere Unterschiede zwischen lauten und leisen Passagen machen zu können, wurde die Flöte an Kopfteil, der Innenbohrung und an den Grifflöchern verändert,“ erläuterte die Musikerin dem Publikum. Dadurch entstehe ein vollerer und farbigerer Klang. Christian Stahl hatte mehrere Lauten dabei, darunter eine Theorbe, die wegen ihres langen Halses schon fast an einen Kontrabass erinnerte. Dessen sieben lange Saiten seien als Tonleiter gestimmt, die übrigen sieben in Quarten, erläuterte der aus Pforzheim im Schwarzwald stammende Musiker, der, genau wie Theresia Stahl, unter anderem an der Universität der Künste in Berlin studierte.

Der Name des Duos, La Vigna (der Weinberg) lasse viele Interpretationen zu, sagte Christian Stahl auf Nachfrage. Dabei ist die Erklärung einfach: Das Paar blickt zuhause in Radebeul auf einen Weinberg. Das Duo interpretierte Musik aus der Zeit des Barocks, wie sie in den – modern ausgedrückt – Hotspots der Barockmusik gespielt wurden: Paris, also am Hof Ludwigs XIV., und in Venedig, in dem es damals mehr als 20 Theater gab. Kein Bach, kein Händel, dafür drei französische und vier italienische Komponisten.

Christian Stahl erläuterte, dass die Musik des Barock sich zunächst dem Gesang unterwarf; und er verglich dies mit einem Bibelzitat zur Ankündigung Jesus Geburt an die Hirten. Bei Luther heißt es: „Der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll…“; im Italienischen ist es kürzer und klingt, ja, singt es: „l‘angelo disse loro:Non temete, ecco vi annunzio una grande gioia, che sarà di tutto il popolo…“ Dem Klang der Sprache, bedingt durch zwingende Kongruenz zwischen den Wortarten, folge die Musik. Dies kam deutlich beim Flötensolo von Theresia Stahl zum Ausdruck, die das Ricercata Quarta von Giovanni Bassano interpretierte: Ihre Solopassagen nahmen schon die Arien der späteren italienischen Oper vorweg. Es trillerte bis in die höchsten Tonlagen. Zu Beginn hatte die neue, junge Kantorin Maraike Schäfer das Publikum begrüßte, das ein hochkarätiges Duo mit einer Musik erlebte, die man sonst nur noch im Radio auf Spartensendern hört. Die sensationell zu nennende Akustik der Marienkirche tat ihr Übriges, um den „Sound“ eines ganzen Zeitalters zu transportieren.

Die Sommermusiken 2020 in Sankt Marien in Gransee werden am Sonnabend, 29. August mit einem Konzert für Orgel, Cembalo und Querflöte fortgeführt. „Alte Meister treffen Filmmusik“ heißt es ab 18 Uhr. Es musizieren Sanko Ogon (Orgel und Cembalo) und Arne Berg (Querflöte). Am 13. September gibt es ab 16 Uhr ein Orgelkonzert mit Knut Lennart Schulz. Am 27. September erklingen die Werke der Jubilare 2020: Organistin Maraike Schäfer spielt Beethoven, Hindemith, Muffat und Vierne.

Märkische Oderzeitung, 20.07.2020
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