31.03.2019  –  Märkische Oderzeitung

Nassenheide – Turmuhr – Herr über die Zeit

Gerhard Prochnio mit einem alten Ziffernblatt. Es wurde durch ein neues, mit schwarzer Farbe ersetzt, damit die Zeit besser abzulesen ist.© Foto: Volkmar Ernst
Die Minutenscheibe muss zur Zeitumstellung nur gelöst und einmal vor- beziehungsweise zurückgedreht werden.© Foto: Volkmar Ernst
Blick auf das mechanische Räderwerk der Uhr im Turm, mit dem die Zeiger in Gang gehalten werden.© Foto: Volkmar Ernst
Die Anleitung der Herstellerfirma zum Aufziehen der Uhr© Foto: Volkmar Ernst

Volkmar Ernst/ 31.03.2019, 19:34 Uhr Nassenheide (MOZ)

Sollten sich die Zeiger an der Nassenheider Kirchturmuhr nicht mehr drehen, dann ist Gerhard Prochnio entweder krank oder in Urlaub. Denn er ist im Ort der Herr über die Zeit.

Doch das sei in den vergangenen fast 44 Jahren, in denen er sich um Lauf der Zeiger auf dem Ziffernblatt des Turms der Kirche kümmert, noch nicht passiert, wie er erzählt. Nun ist es nicht so, dass er noch nie in Urlaub gefahren ist. Aber eben nicht länger als zwei Wochen, denn mit einer exakten Planung versagt das mechanische Uhrwerk erst nach zwei Wochen seinen Dienst, weil dann das Gewicht, das auf dem Boden aufsetzt, das Räderwerk nicht mehr in Gang halten kann, wie Prochnio erklärt.

Immer sonnabends macht sich der Nassenheider auf den Weg zur Kirche, um dort an der Kurbel der Uhr zu drehen. Über Seilwinden wird ein Gewicht fast bis in die Spitze des Turms gezogen. Durch die Schwerkraft sinkt das Gewicht dann wieder nach unten und setzt das komplizierte mechanische Räderwerk  in Gang, mit dem auf dem Zifferblatt am Turm der Minuten- und Stundenzeiger den Nassenheidern anzeigen, was die Stunde geschlagen hat. Geschlagen ist allerdings nicht mehr ganz richtig, wie Gerhard Prochnio ergänzt. Denn das früher einmal vorhandenen Schlagwerk ist schon lange nicht mehr mit dem Räderwerk der Uhr verbunden.

Gut fünf Tage braucht das Gewicht, bis es auf dem Boden neben dem Gerätekasten aufsetzt. Dann bleiben noch zwei Tage, bis die Zeiger tatsächlich nicht mehr weiterrücken. Aber, wie gesagt, das ist noch nicht vorgekommen. Dass die Zeit nicht immer ganz korrekt angezeigt wird, liegt in der Natur der Sache. Denn Räderwerk und Pendel bestehen aus Metall, und das dehnt sich im Sommer bei hohen Temperaturen aus oder zieht sich im Winter zusammen. Dann setzt Prochnio den Schraubenschlüssel am Gestänge an, damit die Zeit richtig angezeigt wird. Insofern ist auch die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst für ihn kein Problem. „Ich muss nur das Zahnrad, das für die Zeigerstellung verantwortlich ist, lösen und neu justieren“, erklärt der gelernte Kfz-Mechaniker.  „Eine Umdrehung vor beziehungsweise zurück und schon schon stimmt die Zeit wieder.“

Wie viele Mal er den Turm bis zur Uhr erklommen hat, das weiß Prochnio nicht. „Da habe ich längst den Überblick verloren. Aber es klappt auch heute mit 68 Jahren noch gut“, stellt er klar. Er wird auch noch so lange, wie es möglich ist, weiter über die Zeit in Nassenheide wachen. Wünschen würde er sich jedoch, dass ihm in nächster Zeit mal jemand über die Schulter schaut, um später einmal den Dienst zu übernehmen.

DORFKIRCHE

Die evangelische Dorfkirche entstand 1589. Bei einem Großbrand 1772 wurden ein Großteil des Dorfes und auch der Kirchturm vernichtet. Vier Jahre später erfolgte der Wiederaufbau mit einer Höhe von 25,8 Metern. Seit mehreren Jahren laufen in der Nassenheider Kirche Sanierungsarbeiten. Begonnen wurde mit dem Turm. Ende des Jahres soll auch das Kirchenschiff wieder nutzbar sein. ⇥(veb)

Märkische Oderzeitung, 31.03.2019
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