11.01.2021  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Orgel ist das Instrument des Jahres 2021

Fast 1500 Orgeln gibt es im Land Brandenburg, damit ist die Mark im Bundesvergleich sehr gut versorgt – Orgelbauer wie Schuke in Werder/Havel und Sauer in Frankfurt (Oder) haben den Ruf des Instruments in Brandenburg begründet

In die Sanierung der Kirchenorgel in Gottberg (Ostprignitz-Ruppin) sind 40.000 Euro an Landesgeldern geflossen.

In die Sanierung der Kirchenorgel in Gottberg (Ostprignitz-Ruppin) sind 40.000 Euro an Landesgeldern geflossen. Quelle: Henry Mundt

Es wird kein Zufall sein, dass in Brandenburg die Orgeln und der Spargel gedeihen. Sie ähneln sich, rein von der Bauart her. Wer sich ein Pfund Spargel greift, hat – wenn man die Ähnlichkeiten dieser Stangen mit den Orgelpfeifen ernst nimmt – eine Tonleiter in der Hand. Der märkische Boden ist fruchtbar. Für den Spargel gilt das in der Gegend um Beelitz. Für die Orgeln vor allem in Werder bei der Firma Schuke und in Frankfurt (Oder) bei den Orgelbauern des Hauses Sauer.

Die Orgel ist in diesem Jahr das Instrument des Jahres, ausgewählt vom Deutschen Musikrat. Sie passt in diese Pandemie, denn die Orgel ist ein Instrument der Extreme, fast möchte man sagen, die Orgel sei immun gegen Corona. Sie ist wehrhaft, fein, robust, integer. Das Virus scheint sich am Kaliber einer Orgel zu verheben. Sie gilt als Königin in der Musikwelt, sie ist das größte aller Instrumente, das tiefste und höchste, das lauteste und leiseste. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

In der Summe klingt das imposant, vernachlässigt aber das Wichtigste: Die soziale Dimension der Orgel ist immens. Wer Bachs „Toccata und Fuge“ hört, der spürt, „was die Orgel in uns anrichten kann“, wie es Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) an diesem Montag bei der Vorstellung des Instruments des Jahres ausgedrückt hat. Linke leben weltlich, eher auf Erden als im Himmel, doch wenn sie Bach und seine Orgelstücke hören, glauben sie an Gott. Für die Dauer eines Kirchennachmittags.

6000 Pfeifen in der Kirche St. Katharinen

Brandenburgs Kulturstaatssekretär Tobias Dünow erwähnte, „in Brandenburg gibt es fast 1500 Orgeln, in den zurückliegenden Jahren hat die Landesregierung mehr als 700.000 Euro Fördermittel für ihre Restaurierung und Anschaffung bereitgestellt.“ Dazu gehören beispielsweise die Hollenbach-Orgel der Dorfkirche in Gottberg (Ostprignitz-Ruppin, 40.000 Euro), die Baer-Orgel in Niemegk (Potsdam-Mittelmark, 15.000 Euro) oder die Orgel in der Kirche von Hohennauen (Havelland, 26.000 Euro).

Die größte Orgel des Landes Brandenburg fehlt jedoch in dieser Liste. 96 Register auf fünf Manualen und Pedal, mehr als 6000 Pfeifen, so üppig ist die Stadtkirche St. Katharinen in Brandenburg/Havel nach ihrer Erweiterung ausgestattet – und damit die märkische Nummer 1 seit ihrer Fertigstellung im Sommer 2020. Das Weihekonzert mit dem berühmten Notre-Dame-Organisten Olivier Latry musste wegen der Corona-Pandemie jedoch auf den 13. Juni 2021 verschoben werden.

Die St.-Katharinen-Kirche wäre ein absoluter Touristenmagnet, wenn sie in Rostock oder Flensburg stünde. Ein stattlich-norddeutscher Sakralbau der Backsteingotik, eine Kirche aus dem Bilderbuch. In der Stadt Brandenburg steht sie allerdings als Gotteshaus der Bürgerschaft seit jeher im Schatten des Domes, der als Wiege des Landes Brandenburg gilt. Der Dom besitzt zudem die bedeutendste Denkmalorgel im Land, geschaffen vom wichtigsten Orgelbauer des märkischen Barock, Joachim Wagner. Doch St. Katharinen hat nun, dies ist mehr als ein Trost, das größte Instrument der Mark.

Orgelbauer in Brandenburg

Die „Alexander Schuke PotsdamOrgelbau GmbH“ wurde vom Orgelbauer Gottlieb Heise 1820 in Potsdam gründet, er ließ auf einem Innenhof im Holländerviertel eine Werkstatt errichten. Noch heute schätzen Musikwissenschaftler den „romantischen und symphonischen Klang“ der Schukeorgeln.

Die Firma „W. Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder)“ ist 1857 von Wilhelm Sauer gegründet wurde. Sie ging 1917 in Besitz der Firma Walcker aus Ludwigsburg über, bewahrte jedoch ihre Eigenständigkeit. Sie gehörte im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den größten Orgelbauunternehmen in Deutschland. 1996 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH mit Sitz in Müllrose (Oder-Spree) und im Jahr 2000 eine Neugründung.

Die Macht oder das klangliche Volumen einer Orgel spürt man, wenn der Musikrat dieses Instrument des Jahres per Videokonferenz vorstellt. Wenn dort jemand in die Tasten greift, um die Wucht der Orgel mit zwei kurzen Hieben nachzuweisen. Dann platzt der Laptop. Orgeln überschreiten die Potenz von kleinen, in Computer eingebaute Lautsprecher um einen irrwitzigen Faktor.

Darum sind die Orgeln auch Signalhörner der Kirchen während der Corona-Zeit. Die Kirchenschiffe sind wie leergefegt, es dürfen kaum noch Menschen auf die Bänke, es braucht nun reichlich Abstand. Auch das Singen ist fast überall verboten. Darum ist so eine Orgel nahezu der letzte Anker einer Botschaft, die sich durch Kirchenfenster weit verbreitet, denn die Fenster sind jetzt immer offen. Um zu lüften. Und um Bach in die Welt zu tragen.

Ja, es gibt herrliche Stücke, um nicht zu sagen: musikalische, barocke Gottesbeweise von Johann Sebastian Bach, die er für Klavier und Cello schrieb. Doch wenn er für die Orgel komponierte, griff er nach der Seele. Das war kein kleines Karo mehr. Hier stellte er die Welt auf den Kopf.

Von Lars Grote

Märkische Allgemeine Zeitung, 11.01.2021
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