10.08.2019  –  Märkische Oderzeitung

Über Heidelberg zurück ins Oderland nach Neuhardenberg

Seine wichtigste Predigtstelle: In der Schinkelkirche Neuhardenberg ist Pfarrer Thomas Krüger seit 1997 im Amt.© Foto: Doris Steinkraus

Doris Steinkraus/ 09.08.2019, 06:45 UhrNeuhardenberg (MOZ) Man sieht sich immer zweimal im Leben, heißt es. Thomas Krüger lernte einst in der Seelower Polytechnischen Oberschule, die damals Räume in der benachbarten Erweiterten Oberschule (EOS) nutzte. „Niemals hätte ich selbst in meinen kühnsten Träumen geahnt, dass ich an dieser Schule einmal als Religionslehrer arbeiten werde.“

Er habe eine gute Schulzeit gehabt, blickt er zurück. „Mit Fußball, Angelverein, Mopedschrauben und Freunden in Lietzen“, erzählt der 51-Jährige. Sicher, er kam aus einem christlichen Elternhaus, sein Vater war Pfarrer, Mutter Barbara ist bis heute Kirchenkantorin. Er war weder bei den Pionieren noch in der FDJ, doch er fühlte sich vor allem von seinen Freunden nie ausgegrenzt. Zu jener Zeit dachte er noch, er würde vielleicht etwas Handwerkliches lernen. Es habe dann aber immer kleine Schlüsselerlebnisse gegeben, wie die Sache mit dem Wehrkundeunterricht. „Die Opposition dagegen kam nicht von mir, andere in der Klasse haben diskutiert“, erzählt er. Ihm sei da aber klar geworden, dass er die Variante – das eine sagen, das andere denken – nicht auf Dauer mitmachen wollte. Er bewarb sich für eine Schule in Hermannswerder (Potsdam), wo Jugendliche das Kirchenabitur ablegen konnte. „Ein Abitur, mit dem man entweder in den Kirchendienst eintrat oder einen Ausreiseantrag stellte“, so Krüger. Nach dem Abitur folgte das Theologie-Studium in Berlin.

Proteste gegen Wahlfälschung

In jener Zeit kam der Mauerfall. Für Krüger und seine Freunde war schon den ganzen Sommer 1989 über klar, dass irgendetwas passieren wird. Im Juni beteiligten sie sich an einer Protestaktion der Kirche gegen die Wahlfälschung im Mai 1989. Nur knapp entging er mit seinem Bruder, der ebenfalls Theologie studierte, der Festnahme. Was ihn nicht davon abhielt, weiter überall dort dabei zu sein, wo sich Protest regte. Er erlebte 1989 als Ungarn-Urlauber die Öffnung der Grenze nach Österreich, wollte aber mit seinen Freunden auf keinen Fall über diesen Weg das Land verlassen. Sie fuhren zu Demos nach Leipzig und waren überall in Berlin dabei. Trotz der vielen Anzeichen einer Umwälzung verpassten Thomas Krüger und drei seiner Freunde dann beinahe das Jahrhundertereignis. „Wir waren am 9. November zu viert im Kino, sind mit dem Trabi dorthin gefahren. Als wir zurück fuhren, hörten wir im Radio etwas von Grenzöffnung, konnten das nicht glauben.“ An der Invalidenstraße sei alles ganz ruhig gewesen. Er fragte dennoch einen Grenzbeamten und der erklärte ihm, dass er am nächsten Morgen ein Besuchsvisa beantragen könne. „Das haben wir dann in unserer Studentenbude mit Sekt gefeiert.“ Bis ein weiterer Freund kam und erklärte, dass er gerade vom Kuhdamm komme. Da gab es kein Halten mehr. Bis zum frühen Morgen habe man in einer Kneipe in West-Berlin gefeiert und auch die nächsten Tage sei nicht an lernen zu denken gewesen.

Nie werde er die Massen auf der Mauer vergessen, die sich an Feuerwehrschläuchen hochzogen. Er gehörte auch zu ihnen. Ein Patenonkel in Wiesbaden überredete ihn schließlich, in Mainz ein Semester anzuhängen. Auch nach Heidelberg sollte er doch noch gehen. Aus einem Semester wurden zwei Jahre, Schwerpunkt Religionspädagogik und jüdische Fakultät. Denn der Lehrerberuf habe ihn schon immer gereizt, sagt er. 1994 machte Krüger sein Examen, trat ein Vikariat in West-Berlin an. Er hätte auch in Heidelberg bleiben können. Aber da sei alles schon so herausgeputzt und fertig gewesen. „Ich wollte einfach dabei sein, wenn im Osten aufgebaut wird und so viel geschieht.“

1997 bot ihm die Landeskirche an, in Seelow am Gymnasium den Religionsunterricht aufzubauen. Eine Pfarrstelle war damals nirgends frei. Für ihn, inzwischen Familienvater, war es der erste Schritt, wieder in die Heimat zurück zu kommen. Dann wurde die Pfarrstelle in Neuhardenberg frei. Die Kichenleitung machte es möglich, dass Thomas Krüger eine halbe Stelle als Pfarrer und eine halbe Stelle als Religionslehrer besetzen konnte. Und so diskutiert er heute mit Jugendlichen an der Schule, in der einst Pfarrkinder benachteiligt wurden, freies Denken nicht erwünscht war. Krüger denkt ohne Groll an jene Zeit zurück. Dafür freue er sich viel zu sehr darüber, seit 30 Jahren in totaler Freiheit leben zu können und  darüber, dass Kirche heute nicht mehr am Rande der Gesellschaft geduldet wird, sondern dazu gehört. Mitunter treibt ihn jedoch Sorge um. All das werde als selbstverständlich hingenommen, gerade von der jungen Generation. Auch Ältere klagen mitunter auf hohem Niveau, sind unzufrieden, obwohl es ihnen beim genauen Hinsehen recht gut geht. Er erzählt ihnen von der Situation in anderen Staaten des einstigen Ostblocks, wo der Alltag für die Bürger um ein Vielfaches schwerer sei. Mit Jugendlichen fährt er zu Sommercamps und an historische Stätten, um ihren Horizont zu weiten.

Die halbe Pfarrstelle sieht Thomas Krüger als besonderes Geschenk. Fünf Predigtstellen gehören zu seinem Bereich, die wichtigste ist die Schinkelkirche in Neuhardenberg. In der gebe es immer wieder interessante Begegnungen, lerne er viele Menschen kennen.

Märkische Oderzeitung, 10.08.2019
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