09.01.2021  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Verdrehte Geschichte: So brandmarkte man die Quitzows als Raubritter

Die Hohenzollern begründeten vor 600 Jahren ihren Ruhm im Märkischen auch auf dem Rücken adeliger Familien. Ein Historiker zeigt, wer alles die damaligen Ereignisse geschickt umgemünzt hat.

Der 75-Pfennig-Notgeldschein der Stadt Friesack (Havelland) von 1921 zeigt die Zerstörung der Friesacker Burg des Dietrich von Quitzow 1414 durch Markgraf Friedrich I. 

Wie wäre es, wenn jemand für das Rotkäppchen-Märchen einfach die Täter-Opfer-Rollen vertauscht hätte – nur um Rotkäppchen aufzuwerten und den Wolf zu diskreditieren? Das glaubt niemand, weil die Geschichte passt. Punkt. 

Bei Markgraf Friedrich und den Quitzow-Ritter verhält es sich ähnlich. Hier die finsteren Raubritter, dort der friedensstiftende Landesherr – so wird seit vielen Zeiten vermittelt, taucht auch in wissenschaftlich ernstzunehmenden Büchern auf und muss also wahrste Wirklichkeit sein. Wer sich diese Episode in der Brandenburgischen Landesgeschichte genau so bewahren will, liest jetzt nicht weiter. Die anderen erleben eine Überraschung oder ahnen, was kommt. 

Clemens Bergstedt, promovierter Historiker und Leiter des Ziesaraner Burgmuseums, befasst sich seit Jahren mit den Quitzows und ihrer Rolle in der Landesgeschichte. In der historischen Quartals-Zeitschrift „Die Mark“ schildert Bergstedt den Konflikt zwischen dem ersten Brandenburger Markgrafen aus dem Hause der Hohenzollern und den märkischen Adelsfamilien anschaulich. Das aktuelle Heft „Rebellion und Revolution“ widmet sich dem Thema auf vielfältige Weise.

Der Kurfürstenbrunnen zu Ehren des Markgrafen Friedrich I. von Hohenzollern ist am 30. Mai 1912 auf dem Altstädtischen Markt in Brandenburg an der Havel enthüllt worden.

Der Kurfürstenbrunnen zu Ehren des Markgrafen Friedrich I. von Hohenzollern ist am 30. Mai 1912 auf dem Altstädtischen Markt in Brandenburg an der Havel enthüllt worden. Quelle: Sammlung Hesse

Im Jahre 1411 fiel die Mark Brandenburg an König Sigismund zurück. Er gab das Gebiet an Friedrich von Nürnberg, mit allen Rechten und Pflichten. Für den Hohenzoller Friedrich „bot sich dadurch die einmalige Gelegenheit, ein Kurfürstentum zu erwerben und damit in den illustren Kreis der Königswähler aufzusteigen“, schreibt Bergstedt. Dass die bisherigen Statthalter die landesherrschaftliche Besitzungen und Einkünfte an vermögende Familien verpfändet hatten, interessierte den neuen Markgrafen erst einmal nicht.

Die betreffenden Familien interessierte es sehr wohl. Laut Bergstedtwar der Adel bereit, die verpfändeten Burgen herauszugeben – aber bitte schön nicht für lau, wie es Friedrich verlangte. Dass es Krach gibt, wenn jemand in eine Pfandleihe marschiert und seine verpfändete Uhr umsonst wiederhaben will, kann man sich gut ausmalen. Der Pfandleiher, also der Adel, pochte auf sein Recht – und Friedrich brach es mit Waffengewalt. 

Ritterburg mit großer Kanone beschossen

Im Frühjahr 1414 hat es ordentlich gekracht. Friedrich und seine Verbündeten – oder müsste mit Mittäter sagen? – machten zuerst Burg Friesack im Havelland platt. Dietrich von Quitzow konnte fliehen. Dann kam Burg Plaue an der Havel an die Reihe. Burgherr Johann von Quitzow beugte sich nach den ersten Einschlägen aus der großen Kanone der Gewalt und ließ sich gefangen nehmen. 

Bei Wichard von Rochow auf Golzow reichte schließlich das Säbelrasseln der Angreifer. Rochow musste nicht nur die Burg im Planetal herausrücken. Wenige Jahre zuvor hatte der Ritter den da noch unbedeutenden Flecken Potsdam für viel Geld erworben. Dieses Gebiet war er nun auch los. 

Joseph Scheurenberg malte „Markgraf Friedrich I. von Hohenzollern wirft die Quitzows und Genossen nieder". Das Gemälde wurde 1890 in der Vorhalle des Magistratssaales des Berliner Rathauses auf die Wand gebracht – hier als Sammelbild.

Joseph Scheurenberg malte „Markgraf Friedrich I. von Hohenzollern wirft die Quitzows und Genossen nieder“. Das Gemälde wurde 1890 in der Vorhalle des Magistratssaales des Berliner Rathauses auf die Wand gebracht – hier als Sammelbild. Quelle: Sammlung Hesse

Doch zum wirtschaftlichen Schaden für die Quitzows, Rochows, Putlitze und anderen Familien kam noch der Spott. Die Geschichtsschreibung brandmarkte die Adelsfamilien als Raubritter und glorifizierte Friedrich als Heilsbringer und Ordnungsmann. 

Chronist Engelbert Wusterwitz als einzige Quelle

Als schriftliche Quelle taucht nämlich immer wieder einer auf, der gegen die Quitzows vor Gericht saß und der den Hohenzoller verehrte: Engelbert Wusterwitz aus der Neustadt Brandenburg. Dass Wusterwitznicht gewogen war, ein ehrliches Bild auf das Geschehen zu zeichnen, liegt auf der Hand. 

Richtig Fahrt nahm die Täter-Opfer-Rollenverkehrung aber erst im 19. Jahrhundert auf. Preußens Herrscherhaus war auf dem Sprung, den ganzen deutschen Laden zu übernehmen. Die Hohenzollern saßen jetzt nicht mehr am Tisch mit den anderen Königswählern, sie thronten am Kopfende, bereit, die Kaiserkrone zu tragen. Um zu belegen, dass Wilhelm I. auf eine ganz lange Reihe weiser, friedensstiftender Vorfahren zurückblicken kann, wurde Friedrich von Nürnberg zum Begründer dieses Ruhms ausgebaut. 

Weitere Beiträge über Westbrandenburg

„Rebellion und Revolution“ ist Heft 119 der vierteljährlich erscheinenden historischen Zeitschrift „Die Mark Brandenburg“. Das Heft hat 48 Seiten, kostet 6 Euro und ist über den Buch- und Zeitschriftenhandel erhältlich. Oder über den Verlag unter www.die-mark-brandenburg.de

In dem Heft findet sich auch ein Beitrag von Marius Krohn, Leiter des Industriemuseums, über den „Volksaufstand in der Stahlstadt“ im Jahre 1953 – illustriert mit Fotos vom 17. Juni 1953 von Friedrich-Karl Grasow.

Für die Westbrandenburger Historie ist überdies der Text von Matthias Hardt interessant. Er befasst sich mit dem Slawenaufstand von 983 und seinen Folgen.

Bergstedt listet eine Vielzahl von wissenschaftlichen und literarischen Autoren auf, die sich an diesem Stoff abgearbeitet und das Friedrich-der-Held-Bild nachhaltig verfestigt haben. Damit konnte man gutes Geld verdienen. Kaisertreue war gerade modern. Auch Karl May leistete 1876 mit seinem Fortsetzungsroman „Der beiden Quitzows letzte Fahrten“ seinen nicht unmaßgeblichen Beitrag dazu. 

In Friesack st 1894 ein Denkmal für Markgraf Friedrich I. von Hohenzollern errichtet worden - hier auf einer Ansichtskarte um 1915.

In Friesack st 1894 ein Denkmal für Markgraf Friedrich I. von Hohenzollern errichtet worden – hier auf einer Ansichtskarte um 1915. Quelle: Sammlung Hesse

Der Höhepunkt der Hohenzollern-Verherrlichung war das Jahr 1912, in dem man im Märkischen „500 Jahre Hohenzollern in der Mark“ feierte – in Brandenburg an der Havel mit einem großen, bunten Festumzug, der Übergabe bedeutender Sanierungsobjekte und der Enthüllung des Kurfürstenbrunnens – alles unter den Augen des Kaisers. 

Der Brunnen ist nach dem Zweiten Weltkrieg geschleift worden, auf Grundlage eines Beschlusses des Alliierten Kontrollrates. Als vor gut 20 Jahren Steine dieses Brunnens auf dem früheren Bauhof wieder auftauchten, keimte bei manchem Brandenburger die Idee, das Hohenzollern-Denkmal an seiner alten Stelle neu zu errichten. Auch gab es die Vorstellung, „600 Jahre Hohenzollern in der Mark“ im Jahre 2012 mit allem Brimborium zu feiern. Schließlich lasse sich doch so etwas gut vermarkten. Dieser Krug ging an der Stadt vorbei.

Von Heiko Hesse

Märkische Allgemeine Zeitung, 09.01.2021
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Verdrehte Geschichte: So brandmarkte man die Quitzows als Raubritter 09.01.2021 · Märkische Allgemeine Zeitung
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