18.11.2020  –  Lausitzer Rundschau

Warum ein Stück von Papst Johannes Paul II. in der Lausitz liegt

Es sind die Überreste längst verstorbener Heiliger und Märtyrer. Und doch findet man sie bis heute in vielen katholischen Kirchen: Reliquien. Was hat es damit auf sich? Und warum liegt sogar ein Stück des verstorbenen Papstes in der Region?

18. November 2020, 18:30 Uhr•Cottbus/Spremberg
Von Bodo Baumert

In diesem versiegelten Kästchen ist ein Rippenstück des Heiligen Benno.© Foto: Marcel Laggai

Es ist ein Relikt vergangener Zeiten – und doch bis heute Praxis in vielen katholischen Kirchen der Welt. Im Altar oder an anderer Stelle liegt ein Reliquie, ein Stück eines toten Menschen, dem einst besondere Taten im Geiste Gottes zugeschrieben wurden.

Reliquien als Wallfahrtsziele im Mittelalter

Im Mittelalter, der Hoch-Zeit des Reliquienkultes, waren diese Reste verstorbener Heiliger kostbar und wurden streng gehütet. Städte wie Köln, wo neben den Gebeinen der Heiligen drei Könige Hunderte weiterer Reliquien aufbewahrt und gezeigt wurden, machte das zu beliebten Wallfahrtsorten und damit vermögenden Zielen früherer Formen des Tourismus.Die Lausitz, weit ab der mächtigen Zentren des christlichen Mittelalters in Europa, hat nicht solche „Prominenz“ wie Köln zu bieten. Zumal die Reformation in der Folge Martin Luthers mit dem Reliquienkult und einigen anderen mittelalterlichen Glaubenspraktiken der katholischen Kirche aufräumen wollte. In evangelisch geprägten Regionen – zu denen ja auch die Mark Brandenburg und später Preußen gehörten – haben entsprechend weniger Reliquien die Zeit überdauert.

Spremberg bekommt im Jahr 2020 eine Reliquie des Heiligen Benno

Und doch gibt es sie. Eine ist sogar gerade erst hinzu gekommen. In Spremberg befindet sich seit Kurzem ein Stück der Rippe des Heiligen Benno. Benno (1010 –1106) ist ein früherer Bischof von Meißen. Auch Teile der Lausitz gehörten einst zu seinem Bistum. In der Zeit des Sachsensaufstandes und im Streit des deutschen Kaisers mit dem Papst spielte er eine historische Rolle.Der Heilige Benno – als Figur in der Spremberger Kirche.Der Heilige Benno – als Figur in der Spremberger Kirche.
© Foto: Marcel Laggai

Zum Heiligen wurde er allerdings erst später erklärt. Informationen dazu finden sich in der Legende des heiligen Benno. Jeder Heilige brauchte im Mittelalter eine – modern ausgedrückt – Vermarktungs-Kampagne. Wunder waren dabei unerlässlich. Entweder solche, die der Heilige zu Lebzeiten begangen hatte oder solche, die seine Knochen nach dem Tod bei zu ihm pilgernden Menschen bewirkt hatten.

Der Heilige Benno und das Wunder von Meißen

Die Legende des Heiligen Benno geht so: Als Benno 1085 von Kaiser Heinrich IV. abgesetzt wurde, soll er bei seinem Abzug aus Meißen die Kirchenschlüssel in die Elbe geworfen haben, damit der Kaiser die Kirche nicht betreten könne. Als er 1088 zurückkehrte, brachte ihm ein Fischer einen Fisch, an dessen Flossen just diese Schlüssel hingen. Ein andermal soll er mit seinem Bischofsstab in die Erde gestoßen haben. Dort entsprang daraufhin eine Quelle. Deshalb gilt er bis heute als Schutzheiliger gegen Überschwemmungen und für ausreichend Regen.Am Fisch erkennt man den Heiligen Benno.Am Fisch erkennt man den Heiligen Benno.
© Foto: Marcel LaggaiAm Grab des Heiligen Benno soll es zu einem weiteren Wunder gekommen sein. Eine Fünfjährige, die leblos an das Grab gebracht wurde, erwachte wieder zum Leben. Als Benno daraufhin 1524 zum Heiligen erhoben werden sollte, verfasste Martin Luther dagegen eigens eine Schrift „Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden“.In der Folge von Luthers Wirken und der anschließenden Reformation wurden auch in Meißen die Kirchen „gereinigt“. Die Knochen des Heiligen Benno kamen nach München, wo er zum Patron des Bistums ernannt wurde.

Reliquie des Heiligen Benno kommt aus München nach Spremberg

Und wie kommt nun einer dieser Knochen – ein Stück einer Rippe – nach Spremberg? Er habe einen Brief an den Bischof in München geschrieben, erklärt Sprembergs Pfarrer Daniel Laske. Spremberg ist eine von 14 Pfarreien in Deutschland, die den Namen des Heiligen tragen. Anlass des Schreibens war die Sanierung der Kirche und die Weihe eines neuen Altars.Übergabe der Reliquie des Heiligen Benno im Liebfrauendom in München. Eine Delegation um Pfarrer Daniel Laske (3.v.l.) nimmt die Reliquie aus den Händen von Erzbischof Kardinal Reinhard Marx entgegen.Übergabe der Reliquie des Heiligen Benno im Liebfrauendom in München. Eine Delegation um Pfarrer Daniel Laske (3.v.l.) nimmt die Reliquie aus den Händen von Erzbischof Kardinal Reinhard Marx entgegen.
© Foto: Daniel LaskeIn diesen soll das Kästchen, in dem die Reliquie liegt, nun eingelassen werden und der Heilige seinen Segen und seine Fürsprache bei Gott über der Gemeinde walten lassen. Anfang Oktober war eine Delegation der Pfarrgemeinde in München und nahm die Reliquie samt Echtheitszertifikat entgegen. Am 22. November soll nun die Weihe des Altars folgen.

Görlitz bewahrt Reliquie der Heiligen Hedwig

Doch nicht nur Teile des Heiligen Benno ruhen in der Lausitz. In Görlitz gibt es Reliquien der Heiligen Hedwig, die zugleich Bistumsheilige für weite Teile der katholischen Lausitz ist. Die heilige Hedwig von Andechs (1173 – 1243) hatte ähnlich wie Benno großen Anteil an der Verbreitung des Christentums in den östlichen Gebieten. Als Gattin des Herzogs von Schlesien stiftete sie Klöster, unterstützte Kirchen und half den Armen. Sie selbst soll dabei so bescheiden gewesen sein, dass sie nicht mal Schuhe trug. Erst als ihr Beichtvater sie dazu aufforderte, trug sie dann doch Schuhe – allerdings nur in der Hand. Deshalb wird die Heilige Hedwig häufig mit Schuhen in den Händen auf Bildern dargestellt.Die Heilige Hedwig als Figur im Büro des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt.Die Heilige Hedwig als Figur im Büro des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt.
© Foto: Christine Keilholz

Haar von Papst Johannes Paul II. liegt in Neuzelle

Noch prominenter, aus heutiger Sicht, ist die Reliquie die im Kloster Neuzelle aufbewahrt wird. Es handelt sich um ein Haar des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. (1920 – 2005). 2013 wurde der Papst offiziell heilig gesprochen. Die zwei dafür nötigen Wunder wurden vom Vatikan anerkannt und bestätigt.Die Reliquie des Papstes ist eingelassen in den neuen Altar, der 2014 geweiht wurde. „Als Christen treten wir immer ein in eine Glaubensgeschichte, zu der vor allem die Heiligen gehören“, sagte der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt anlässlich des Festgottesdienstes damals.Kapsel mit Reliquie des Papstes Johannes Paul II. im Altar des Klosters Neuzelle.Kapsel mit Reliquie des Papstes Johannes Paul II. im Altar des Klosters Neuzelle.
© Foto: Raphael Schmidt

Katakombenheilige in Lausitzer Kirchen

Es sind aber noch wesentlich mehr Reliquien, die in der Lausitz zu finden sind. Wie gesagt, in fast jedem Altar einer geweihten Kirche steckt eine. Doch handelt es sich dabei meist um sogenannte „Katakombenheilige“. Das sind frühchristliche Märtyrer, über deren Geschichte ebenso wenig wie über ihre belegte Herkunft bekannt ist. Mit Billigung der Kirche wurden diese aus den Katakomben – den unterirdischen Kammern und Grabstätten – in Rom entnommen und in kleinsten Teilchen über die Alpen gebracht, um auch Kirchen und Klöstern an entlegenen Orten ein „heiliges Knöchelchen“ zukommen zu lassen.Papst Franziskus in Neapel 2015 mit der Ampulle, die das Blut des Heiligen Januarius enthalten soll. Papst Franziskus in Neapel 2015 mit der Ampulle, die das Blut des Heiligen Januarius enthalten soll. 
© Foto: Ciro Fusco/dpa

In Spremberg übrigens gab es im Altar bisher eine Reliquie des heiligen Januarius, über den historisch kaum etwas bekannt ist, dessen getrocknetes Blut aber bis heute in Neapel aufbewahrt wird. Es soll sich verflüssigen, wenn es an bestimmten Tagen an das Haupt des Heiligen gehalten wird.Alles Aberglaube? Der Kirchenhistoriker Hubertus Lutterbach ist da anderer Ansicht. Naturwissenschaftlich könne man das eher skeptisch beurteilen. „Aus religiösen Perspektiven erfreut sich die von Heiligen und Reliquien verkörperte Hoffnung auf ein überirdisches Fortleben aber weiterhin eines deutlichen Zuspruchs.“ Dabei gehe es nicht darum, Reliquien anzubeten, sondern darum, durch sie dem Beispiel des Heiligen und damit dem Glauben näher zu sein.

Lausitzer Rundschau, 18.11.2020
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