09.06.2020  –  Lausitzer Rundschau

Wer war der stolze Soldat im Wittmannsdorfer Grab?

Wie kommt eine preußische Auszeichnung für die Teilnahme am Befreiungskrieg gegen Napoleon in ein Grab eines ursprünglich sächsischen Dorfes? In Kirchenbüchern finden sich Puzzleteile, die eine Erklärung liefern.

09. Juni 2020, 15:42 Uhr•Wittmannsdorf
Von Katrin Kunipatz

Dieses Fundstück stammt aus einem der Gräber. Es handelt sich um eine Kriegsdenkmünze, die an preußische Soldaten in den Befreiungskriegen gegen Napoleon ausgegeben wurden.
Diese Urkunde belegt das Johann Gottlieb Schüler als preußischer Soldat 1814 in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gekämpft hat und dafür eine „Denkmünze“ erhielt.
Beistellungen in Gräbern, wie diese Glasflasche, kamen erst im 18. Jahrhundert auf.
Dieser Teil der Dorfstraße in Wittmannsdorf ist bereits fertig gestellt.
Im Bereich der künftigen Kanaltrasse müssen alle Gräber erfasst und archäologisch dokumentiert werden.

Knochen, ganze Skelette und manchmal auch nur der Anschein davon umgeben von den Resten eines hölzernen Sarges – dies ist der Alltag des Archäologenteams der ABBU (Archäologische Baubegleitende Untersuchung GmbH) in Wittmannsdorf. Sie untersuchen hier seit März den Boden nahe der Kirche. Ein Gelände, das bis vor rund 150 Jahren Kirchhof war und als Friedhof genutzt wurde.

Teilweise drei, vier oder sogar fünffach liegen die Gräber übereinander. Die jüngsten oben, die ältesten unten. ABBU-Geschäftsführer René Methner schätzt, dass rund 250 Gräber im Verlauf der künftigen Kanaltrasse durch die archäologische Grabung erfasst werden. Alle anderen bleiben unberührt. Gefunden werden aber nicht nur Knochen der Toten, sondern auch „Beistellungen“ – kleine Glasfläschchen oder Teller. Eine Tradition, die erst im 18. Jahrhundert aufkam. Außergewöhnlich ist eine kleine Medaille, die ebenfalls in einem der Gräber gefunden wurde.

Verwitterte Münze für Kämpfer im Jahr 1814

Die ursprünglich bronzene Münze ist stark verwittert. Doch trotz der gleichmäßig grünen Patina sind die preußische Krone und – wenn auch sehr undeutlich – die Buchstaben FW für Friedrich Wilhelm zuerkennen. Das Band, das durch den oberen Ring der Münze gezogen ist, hat sich braun verfärbt.„Größe und Gewicht der Münze sowie die Prägung mit Krone und umlaufendem Spruch lassen vermuten, dass es sich um eine Kriegsdenkmünze handelt“, schlussfolgert Methner. Ohne Restaurierung nicht erkennbar ist dagegen die Jahreszahl auf der Rückseite.Denkmünzen dieser Art wurden nach dem Ende der napoleonischen Befreiungskriege vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. an die mitkämpfenden Soldaten verliehen. Über 300 000 Stück, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Ordenskunde, sind an die Kombattanten verteilt worden. Aber wie kommt dieser Orden in ein Wittmannsdorfer Grab? Der Ort gehörte zum wettinischen Herrschaftsgebiet und damit zu Sachsen. Erst nach dem Wiener Kongress 1815 wurde die Niederlausitz und damit auch Wittmannsdorf preußisch. Der Verstorbene mit dem Orden auf der Brust könnte also zugewandert sein, so vermutet es jedenfalls Christoph Sehmsdorf. Der geschichtlich interessierte Pfarrer im Ruhestand hat sich ausführlich mit dem Ort und der Kirche beschäftigt. Bei der Durchsicht der Kirchenbücher, die jetzt in Groß Leuthen im Gemeindebüro aufbewahrt werden, fiel ihm eine Urkunde auf, die so gar nichts mit Kirche zu tun hat.

Kirchenbücher werfen Schlaglichter auf Leben des Soldaten

Das Dokument benennt einen Johann Gottlieb Schüler aus Giesensdorf bei Frankfurt (Oder), der 1814 in der 7. Kompanie des 8. Reserve Infanterie Regiments der preußischen Armee gekämpft hat und die „gegebene Denkmünze“ tragen dürfe. „Es könnte sein, dass es sich bei dem Toten, in dessen Grab die Medaille gefunden wurde, um diesen Gottlieb Schüler handelt“, vermutet Sehmsdorf. In den Tauf- und Totenregistern aus Wittmannsdorf hofft er, Antworten zu finden.Das Kirchspiel zu dem Wittmannsdorf gehörte, war klein. Knapp 1000 Einwohner betreute der Pfarrer. Etwa 45 wurden in den Jahren nach 1815 jährlich bestattet, darunter viele Kinder. Auch der erste Sohn von Gottlieb Schüler ist darunter. Im Mai 1834 stirbt er im Alter von einem Jahr und drei Monaten.

Kirchenbuch gibt Familiengeschichte preis

Der Eintrag im Kirchenbuch verrät auch: Sein Vater lebte zu diesem Zeitpunkt noch und war verheiratet. Tatsächlich entdeckt Sehmsdorf bei den Trauungen wieder den Namen Johann Gottlieb Schüler, dessen Vater aus Giesensdorf stammt. Seine Braut heißt Charlotte Neisch aus Kossenblatt. Eingetragen wurde die Trauung ohne Datum aber als fünfte im Jahr 1833. Da war Sohn Karl schon unterwegs. „Möglicherweise musste es schnell gehen und Schüler hat sich mit der Urkunde ausgewiesen, weil es zu lange gedauert hätte aus seiner Heimatgemeinde den Taufschein zu holen“, vermutet Christoph Sehmsdorf. Die Urkunde blieb beim Pfarrer und landete zwischen den Kirchenbüchern. Dem preußischen Soldaten Schüler blieb schließlich die Denkmünze. Methner nimmt an, dass er sehr stolz darauf gewesen sein muss, und sich deshalb mit ihr bestatten ließ – vielleicht auch in der Uniform.

Als Soldat war Gottlieb Schüler 22 Jahre alt

Bleibt noch die Frage, wann der Mann mit dem Orden bestattet wurde. Laut Totenregister wird am 29. März 1851 ein Gottlieb Schüler, gebürtig aus Giesensdorf, im Alter von 59 Jahren beigesetzt. Als Hinterbliebene wird unter anderem seine Ehefrau Charlotte geborene Neisch benannt. Demnach wäre Schüler 1792 geboren und hätte mit 22 Jahren in der preußischen Armee gegen Napoleon gekämpft. Nach seiner Rückkehr habe er einige Jahre gebraucht und Sicherheiten erarbeitet, um eine Familie zu gründen. Bei seiner Hochzeit wird er als Meister mit dem Beruf „Bornnev.“ vermerkt. Laut Sehmsdorf steht der Begriff Meister für einen Handwerker. Später kommt der Zusatz herrschaftlicher dazu. Schüler arbeitete vermutlich für den Gutsherrn und war als Brunnenaufseher dafür verantwortlich, dass die Brunnen sauber waren und sauberes Wasser zur Verfügung stand, so Sehmsdorf.

Wo fand die Bestattung statt?

Leider hat der damalige Pfarrer im Totenregister nicht vermerkt, ob die Bestattung auf dem alten oder neuen Friedhof in Wittmannsdorf stattfand. Laut Totenregister ist der erste Tote bereits im September 1847 auf dem neuen Friedhof am Rand des Ortes bestattet worden. Ziemlich sicher waren beide Friedhöfe parallel in Betrieb.In den dörflichen Überlieferungen des Ortschronisten Herbert Wenzel ist vermerkt, dass es auf dem Friedhof an der Kirche noch 1860 gepflegte Gräber gab. Niedergeschrieben ist auch, dass der Gutsbesitzer Oekonomierat Schwitzke 1880 die Dorfstraße über den Friedhof verlegen lies, um ohne Umweg vom westlichen in den östlichen Teil des Dorfes zu gelangen.

Letzte Gewissheit, ob der Tote mit der Kriegsdenkmünze jener Schüler aus Giesendorf war, gibt es nicht. Aber die gefundenen Puzzlestücke scheinen zu passen zusammen.

Neuer Termin für Fertigstellung

Die archäologischen Grabungen verzögern die Bauarbeiten an der Kreisstraße in Wittmannsdorf. Ursprünglich sollte die Ortsdurchfahrt im Sommer wieder befahrbar sein. Voraussichtlich noch bis Mitte Juli werden die Archäologen in Wittmannsdorf zu tun haben, teilt eine Sprecherin des Landkreises mit. Momentan rechnet die Kreisverwaltung damit, dass die Baumaßnahme an der K 6117 bis zum Ende des dritten Quartals 2020 fertiggestellt wird.

Lausitzer Rundschau, 09.06.2020