05.03.2021  –  Märkische Oderzeitung

Wie geht es mit der Marienkirche in Frankfurt (Oder) weiter?

Sie ist mehr als eine „Ruine mit Dach“, die Marienkirche in Frankfurt (Oder). Wie sie künftig genutzt wird und welche Bauarbeiten anstehen, steht im Konzept der „Bürgerkirche“.

05. März 2021, 06:00 Uhr•Frankfurt (Oder)
Von Lisa Mahlke

Sabine Wenzke, Leiterin des Eigenbetriebs Kulturbetriebe in Frankfurt (Oder), hat das Konzept für die Zukunft der Marienkirche vorgestellt.
1 / 3Sabine Wenzke, Leiterin des Eigenbetriebs Kulturbetriebe in Frankfurt (Oder), hat das Konzept für die Zukunft der Marienkirche vorgestellt.
© Foto: René Matschkowiak
Verschiedene Baumaßnahmen sollen in den kommenden Jahren bis 2050 in St. Marien umgesetzt werden. Zum Beispiel an den ausgetretenen Stellen am Eingang zum Turm.
1 / 3Verschiedene Baumaßnahmen sollen in den kommenden Jahren bis 2050 in St. Marien umgesetzt werden. Zum Beispiel an den ausgetretenen Stellen am Eingang zum Turm.
© Foto: René Matschkowiak

Sie ist ein Schatz inmitten des Stadtzentrums von Frankfurt (Oder): die Marienkirche. Genutzt von der Kirchengemeinde, Touristen, Musikern und vor allem – allen Frankfurterinnen und Frankfurtern, egal ob gläubig oder nicht. Und genau das ist das Besondere. „Hier geht jeder rein“, sagt auch Sabine Wenzke, Werkleiterin des Eigenbetriebs Kulturbetriebe der Stadt. Es gebe offenkundig keine Hemmschwelle, auch Menschen, die sich sonst scheuen, in eine Kirche oder ein Museum zu gehen, besuchen St. Marien. Die Kirche sei akzeptiert in der Bürgerschaft.Deshalb nennt sich die Arbeitsgruppe auch „Bürgerkirche“, die sich vor gut drei Jahren gebildet hat, um alle Akteure unter einen Hut zu bringen und ein Konzept für Baumaßnahmen und die Nutzung der Marienkirche zu entwickeln. Die besondere Konstellation ist, dass die Kirchengemeinde St. Marien 1974 kostenlos für 100 Jahre an die Stadt verpachtet hat. Das bedeutet, viele Akteure mischen bei der Marienkirche mit: evangelische Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) – Lebus, evangelischer Kirchenkreis Oderland-Spree, evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Förderverein, außerdem aber auch Fachämter der Stadtverwaltung, Eigenbetrieb Kulturbetriebe, Messe und Veranstaltungs GmbH, Landesamt für Denkmalpflege, Viadrina.

Konzept bringt alle unter einen Hut und sorgt für Struktur

Dem Ganzen Struktur zu geben, ist nicht immer leicht. Deshalb war ein solches Konzept notwendig. 2017, bei den Vorbereitungen für ein Projekt zum 500. Reformationsjubiläum, war eine gute Kommunikationsstruktur entstanden, die dann für das Marienkirchenkonzept weiter genutzt wurde – um Kommunikationsprobleme zu vermeiden und effizienter zu arbeiten. Denn alle haben am Ende das gleiche Interesse, betont Sabine Wenzke.

Das Konzept beinhaltet Maßnahmen, die bis 2030 und darüber hinaus umgesetzt werden sollen. Manche laufen schon, andere sollen, je nach Mitteln, in den kommenden fünf Jahren umgesetzt werden. Als Beispiele nennt Wenzke die ausgetretenen Stellen im Eingangsbereich des Turmes, die eine Unfallgefahr darstellen, oder kaputte Fugen im Fußboden. Zu Baumaßnahmen, die zwischen 2025 und 2030 umgesetzt werden sollen, gehört unter anderem, im Langhaus Senkungen im Fußboden zu beseitigen und Verfugungen zu erneuern (schätzungsweise 15.000 Euro) und die Errichtung von einem oder zwei Glockenstühlen. Zu den langfristigen Maßnahmen, also bis zum Jahr 2050, gehört zum Beispiel die Sanierung der Betondecken im Nordturm.

Messgeräte überwachen die bekannten Bleiglasfenster

In dem Konzept sind aber nicht nur Bauvorhaben festgehalten. Es geht auch um Kunstwerke, Veranstaltungen und Marketing. Bis 2030 sollen zum Beispiel für rund 22.000 Euro Ausstellungsstelen und ein Überblicksfilm zur Kirche entstehen. Auch Monitoring gehört dazu, erklärt Wenzke. „An den Bleiglasfenstern sind zum Beispiel Messgeräte angebracht, mit denen sich Umwelteinflüsse, Erschütterungen und Ähnliches beobachten und auswerten lassen.“ Um die 18.000 Euro sind für das Monitoring eingeplant. Einige kurzfristige Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten sind mit rund 370.000 Euro angesetzt.

Besucher sollen Marienkirche entdecken, die „gar nicht so leer ist“

Veranstaltungen tauchen mit 40.000 Euro im Konzept auf, ein Großteil davon für Ton- und Lichttechnik. Beim Marketing – ein Aspekt, das den kirchlichen Vertretern in dem Prozess erst einmal befremdlich schien – geht es zum Beispiel um die Bildung der Marke „Bürgerkirche“, um digitalen Kartenverkauf, Onlineangebote, Beschilderungen. Man denkt, die Kirche sei leer, sagt Sabine Wenzke. „Aber so leer ist sie gar nicht.“ Mit Schildern könne man die Aufmerksamkeit der Besucher auf das lenken, was es in der Marienkirche zu entdecken gibt. Knapp 45.000 Euro sind bislang für das Marketing eingeplant.Die Kosten wurden vor allem für die kurzfristigen Maßnahmen geschätzt und auch ins Integrierte Stadtentwicklungskonzept eingearbeitet. „Die 5,5 Millionen haben wir hier trotzdem erst einmal eingetragen. Inwiefern man dann alles realisieren kann, muss man gucken“, sagte Wenzke im Kulturausschuss am Dienstag, in dem die Beschlussvorlage vorgestellt wurde.

AfD sorgt mit Aussagen zur Kirche für Irritationen

Die Ausschussmitglieder nahmen sie einstimmig an, am 25. März entscheiden die Stadtverordneten. Für Irritationen hatte die AfD in der Ausschusssitzung gesorgt. Jürgen Fritsch bezeichnete die Bleiglasfenster der Marienkirche als „illegales Raubgut“ und sprach von „plündernden Russen und Polen“, die am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Frankfurt gezogen seien.Tatsächlich waren die Bleiglasfenster während des Zweiten Weltkriegs in Potsdam eingelagert worden, um sie vor Kriegsschäden zu schützen. 1946 kamen sie als Beutekunst nach Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Sie galten lange Zeit als verschollen.Superintendent Frank-Schürer Behrmann plädierte daraufhin für eine saubere Wortwahl. Solche Aussagen seien nicht unter dem Aspekt, unterschiedliche Meinungen zu haben, vertretbar, „sondern bestimmte Formulierungen sind so nicht tragbar“, betonte er. „Als Bürger und als Christ“ setze er sich für die Wiederherstellung und Weiterentwicklung der Marienkirche ein. Die Kirche, die im Jahr zirka 58.000 Menschen besuchen, habe auch eine überregionale Bedeutung und sei die einzige fünfschiffige Kirche in Brandenburg. Und die Stadtmitte sei nicht dauerhaft mit „einer überdachten Ruine“ gut ausgestattet.

Märkische Oderzeitung, 05.03.2021
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