Der Turmhelm darf nicht fallen

Immer mehr Dörfer machen sich für ihre Kirchen stark – ein Engagement, das verbindet

Frank Peter Jäger

PRENZLAU. Über steile Stiegen klettert Dorothea Krohn auf den Turm der Gandenitzer Kirche, die seit siebenhundert Jahren in der Mitte des Dorfangers steht. In dem hölzernen Turmaufsatz befindet sich der ganze Stolz der Kirchengemeinde, die Glocke aus dem Jahre 1564. "Es ist die zweitälteste der Uckermark", sagt die 49-jährige Frau mit leuchtenden Augen. Vor drei Jahren machte sie sich die Rettung der alten Kirche zur Aufgabe, jetzt ist das Ziel in Sicht: In ein paar Tagen rücken die Handwerker an, um die Feldsteinkirche des 314-Einwohner Dorfs bei Templin (Uckermark) von Grund auf zu sanieren.

Dorothea Krohn wohnt in einem der Häuser neben und um die Kirche, sie ist im Dorf aufgewachsen. Trotz aller Vertrautheit hat sie einen wachen Blick für den ursprünglichen Charme des Dorfes. "Nichts davon soll verloren gehen, weder die alten Linden noch die zwei Seen am Rand des Dorfs, und auch nicht die Kirche", sagt die Frau mit gewinnendem Temperament. Als die Schäden an dem alten Gemäuer immer unübersehbarer wurden, riefen Krohn, ihr Sohn Andreas und 18 weitere Gandenitzer den "Verein Freundeskreis Feldsteinkirche Peter und Paul Gandenitz" ins Leben.

Das Dorf rückt wieder zusammen

Der Einsatz für die Kirche verwischt alte Berührungsängste, erzählt Krohn, das Dorf rücke wieder zusammen: Mitglieder des Gemeindekirchenrates, frühere SED-Kader, die dörfliche Feuerwehr-Jugend ebenso wie ehemalige Gandenitzer aus den Alt-Bundesländern. Inzwischen hat der Verein die für die erste Phase benötigten 150 000 Mark zusammen.

Er ist eine von mittlerweile fast 60 meist dörflichen Initiativen, die sich für den Erhalt ihrer Kirche einsetzen. Einen Schwerpunkt bildet die Uckermark, wo fast zwanzig der Vereine aktiv sind. Von den etwa 1300 Dorfkirchen der Mark gelten nach Einschätzung der Landeskirche Berlin-Brandenburg gut 300 als akut baufällig. "Wir stehen bei vielen Gebäuden im Wettlauf mit dem Verfall", sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz von der landeskirchlichen Bauabteilung. Doch die Fördervereine kämpfen nicht nur gegen den Verfall, sondern auch gegen schwindende finanzielle Unterstützung der Politik an: So reduzierte die Uckermark ihre Bauausgaben für Denkmäler von 500 000 Mark im Jahr 1995 auf 100 000 Mark im Jahr 2000.

Einigen uckermärkischen Denkmalfreunden platzte der Kragen, als sie von dem Mini-Etat erfuhren. Die Vereine trafen sich und protestierten im Kreistag. Mit Erfolg: Der Etat wurde noch einmal um knapp 150 000 Mark erhöht. "Es ist gut, dass die Initiativen nicht mehr jede für sich alleine kämpfen", sagt Axel Kempert, Leiter der Kreisdenkmalbehörde. Er muss jeden Pfennig seines Etats dreimal umdrehen: "In diesem Jahr fördern wir mit 131 000 Mark Arbeiten an 14 Kirchen."

Meist reichen die Mittel kaum für den Eigenanteil des Kreises, der Voraussetzung für eine Kofinanzierung durch Bund und Länder ist. Dabei komme jede Mark, die in Denkmale fließe, der regionalen Wirtschaft zugute: "Denkmalförderung ist pure Arbeitsförderung", erklärt Kempert. "Beim Renovieren von Denkmalen gehen 80 Prozent der Mittel in die Arbeitsleistung." Bei Neubauten seien es nur die Hälfte." Und wenn die Gebäude wieder hergerichtet sind, ziehen sie Touristen an."

Auch Brandenburgs Landeskonservator Detlef Karg betrübt das geringe Interesse der Kommunen an der Denkmalerhaltung. "Künftig sollten die Landesmittel wieder verstärkt zweckgebunden an die Kommunen vergeben werden", meint Karg. Andererseits hält er es für falsch, beim Engagement für Denkmale "immer nur auf das Füllhorn des Staates" zu warten. "Das Gemeinwesen ist gefordert", meint der streitbare Denkmalschützer. Sponsoren und Stiftungen würden für die Bewahrung von Denkmälern immer unverzichtbarer – vor allem wenn es darum gehe, für akut gefährdete Bauten in die Bresche zu springen.

So geschah es in Jakobshagen, einem 220-Einwohner-Dorf, das 12 Kilometer buckeliger Waldwege von Gandenitz entfernt liegt. Seit zwei Jahren setzt sich Hans-Christian Johannsen für die Rettung der Jakobshagener Dorfkirche ein: kurz vor Kriegsende wurde der Turmhelm durch Panzerbeschuss beschädigt. Seitdem sitzt die Spitze bedenklich schief auf dem Turm, Wasser drang ins Mauerwerk. Johannsen, der bis zu seiner Abwicklung Produktionsleiter bei der Defa in Potsdam war, sandte Bittbriefe in alle Himmelsrichtungen, sogar an Helmut Kohl. Ein Bielefelder Lebensmittelkonzern stiftete schließlich 30 000 Mark. Weitere 20 000 kamen, quasi als Belohnung für die erfolgreiche Sponsorenwerbung, von Land und Bund. Johannsen will den Turm am liebsten noch vor dem Winter sichern lassen. Die Spitze sei laut Statiker so marode, "dass sie dem nächsten Sturm vielleicht nicht mehr widersteht."

Ein Rieseneuter in der Winterkirche

Die Kirche hat er in diesem Sommer in eine Galerie verwandelt. Künstler aus fünf europäischen Ländern stellen dort Fotos, Zeichnungen und Installationen zum Thema "Zeit" aus. An der Brüstung der Empore lehnt eine Foto-Sequenz, in der Winterkirche hängt ein großer roter Euter aus Kunststofffolie, der von innen leuchtet. Der Vereinsvorsitzende lädt Musiker und Chöre zu Gastspielen ein, je namhafter, desto besser. Im Mai war Barbara Thalheim da, Ende August kommt Eva Maria Hagen. Für Johannsen ist die kulturelle Nutzung des Kirchleins auch ein Mittel zum Zweck: Die Erlöse der Veranstaltungen sollen wieder in das Gebäude investiert werden, mindestens 500 000 Mark werden in den nächsten Jahren benötigt.

"Die Wende von 1989 nahm dem Land über Nacht seine jahrhundertealte Aufgabe als Nahrungsmittelproduzent", sagt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, einem Dachverband der Kirchenbauvereine. Arbeitslosigkeit und Abwanderung fransten nach dem Umbruch das soziale Gefüge aus. "Nach der LPG machte meist auch der Konsum und die Kneipe dicht – danach gab es in den Orten keinen Ort mehr, wo man sich treffen kann, Sprachlosigkeit machte sich breit", sagt Janowski.

Das Engagement für das bröckelnde Gotteshaus sei nach Jahren oft der erste zaghafte Schritt hin zurück zu dörflichem Gemeinsinn. "Den Leuten wird bewusst, dass die Kirche einfach zum Dorf gehört – eine Landmarke, die schon von weitem zeigt, wo die Mitte des Dorfes ist."

(Märkische Allgemeine vom 15. August 2001)

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und natürlich berichtete der Förderverein Alte Kirchen auch in seinem Mitteilungsblatt vom bürgerschaftlichen Engagement in der Uckermark:


 
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