Schätze von ganz oben

Spezialisten bargen Wetterfahne und Kugel von Wusterhausener Kirche

GERHARD FENSKE

 Lothar Drummer untersucht die demontierten Teile von der Spitze des 36 Meter hohen Turmes
Fachmann Lothar Drummer (r.) untersucht mit Wusterhausens Pfarrer Alexander Bothe die demontierten Teile von der Spitze des 36 Meter hohen Turmes. Bothes Sohnemann schaut interessiert zu.
Foto: Gerhard Fenske

WUSTERHAUSEN Das war schon ein aufregender Tag, dieser Montag, der 28. August. Zwar sah man in jüngster Zeit immer mal wieder Handwerker an der Wusterhausener St. Peter und Paul-Kirche - mal wurden schadhafte Dachsteine ausgewechselt, mal die brüchige Westseite des Turms mit Sicherheitsnetzen versehen - diesmal musste es aber etwas Besonderes sein. Schließlich wurde der höchste Punkt des Gotteshauses erklommen, der 36 Meter hohe Kirchturm. Drei Spezialisten mit Bergsteigerqualitäten nahmen die Wetterfahne, die Kugel, die Tülle sowie die handgeschmiedete Lanze, auf der alles steckte, in dieser Reihenfolge ab. Der nächste Sturm hätte sie herunterreißen können. Nach fachgerechtem Abbau wurden die Einzelteile abgeseilt. Beauftragt damit war die Firma TSP Spezialbau aus Drechow bei Triebse in Vorpommern. Dessen Chef Dirk Tanneberg und sein Mitarbeiter Martin Schwenk schickten die Teile nach unten, wo sie Henry Mannekeller abnahm. Lothar Drummer, Seniorchef von TSP, erläuterte die bedeutsame Handarbeit der Jahrhunderte. Er war begeistert vom Erhaltungsgrad der Original-Wetterfahne aus dem Jahr 1686 sowie der Kugel, die im wahrsten Sinne des Wortes so manchen Feuersturm erlebt haben.

Auf der kupfernen Wetterfahne ist vorn der halbe arnsteinsche Adler herausgearbeitet, hinten die plothosche Lilie. Auch die Jahreszahl 1686 ist besonders herausgestellt. Auf der verbliebenen, mit Patina beschichteten Fläche steht eingeritzt: "Michel Holm, sen. - Vorsteher". Die Altrichter'sche Chronik von 1888 bestätigt, dass er in diesem Jahr Kirchenvorsteher war. Eine weitere Inschrift darunter heißt: "P. J. Lieberkühn - Vorsteher - 1765". Auch diesen Namen nennt Altrichter zur damaligen Zeit als Kirchenvorsteher.

Lothar Drummer holte die beiden in der Kugel befindlichen Kartuschen heraus. Das Exemplar aus Blei war schon offen. Durch irgendein Ereignis hatte sich der Deckel geöffnet. Zusammengerollt, leider aufgequollen, befinden sich etliche Schriftstücke darin, u. a. ein ledernes, mit Goldschnitt versehenes Heft. Das hat auch Altrichter bereits in der Wusterhausen-Chronik beschrieben. Die zweite, leichtere Kapsel aus Kupfer ist verschlossen und lässt sich nicht gutwillig öffnen. Wusterhausens Pfarrer Alexander Bothe will einem Papierrestaurator das Fachliche überlassen. Neugier und Spannung bleiben so noch etwas erhalten.

Auf jeden Fall steht fest, dass die alte Bleikapsel von 1686 bereits 1844 genannt wird. Auch das mit Goldschnitt versehene Heft stammt aus dieser Zeit. Es enthält nach Aussagen Altrichters die danach gemachten Eintragungen von der anderen Reparatur 1750 sowie des Neuaufsetzens der Kugel mit Wetterfahne auf das nach 1764 viel niedrigere Kirchendach. Die Rede ist von 1765, dem Jahr nach dem verheerenden Blitzschlag. Wie durch Gottes Fügung wurden Wetterfahne und Kugel dabei in hohem Bogen vom Dach katapultiert, waren zwar verbeult, aber erhalten. So konnten die Originale wieder hinaufgeschafft werden.

Die zweite Kapsel dürfte jene Dokumente enthalten, die 1844 bei der genannten Reparatur des Turmdaches hineinkamen. In der Bleikapsel soll auch eine Zeichnerliste von über 50 Namen stecken, mit der Spendensumme. Der entsprechende Inhalt wird zu gegebener Zeit ausgewertet. Sollte er mit den Abschriften der genannten Jahre übereinstimmen, dann kennen wir die Dokumente bereits. So steht darin u. a., dass 1758 eine große Feuersbrunst zwei Drittel der Stadt einäscherte. Kirche und Turm blieben verschont. Dann brachte am 17. Mai 1764, abends um sechs Uhr, ein schweres Gewitter wieder Unglück über Wusterhausen. Der achteckige Spitzhelm des Turmes fiel einem Blitzschlag zum Opfer.

Spezialist Drummer erkannte nun am Montag an der Spitze der Wetterfahne, "dass da etwas war, das der Sturm der Zeit abgerissen hatte". Drummer war sich nicht sicher, ob es sich um ein Kreuz oder einen Stern gehandelt hatte. Auch diese Frage beantwortet Karl Altrichter. "Die Wetterfahne und der Stern wurden durch den Maler Pinkert (1844) hierselbst neu vergoldet, der Knopf grün gestrichen und die Helmstange mit Kupfer beschlagen. Das Aufsetzen des Knopfes ist durch den Schieferdecker Erdmann aus Wittstock ausgeführt worden. Wusterhausen a. D., den 12. Juni 1844."

Die am Montag geborgenen Teile des Turmkopfes gehen nun zur Restaurierung zu Peter Balina, Kunst-Metallhandwerker in Waren an der Müritz. Der größte Teil der historischen Substanz an der Wetterfahne und der Kugel, die aus Kupfer sind, soll erhalten bleiben. Das außergewöhnliche Projekt verursacht zusätzliche Kosten, die Spender möglichst mittragen sollen. (Ostprignitz-Ruppin)

Märkische Allgemeine vom 30. August 2006

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