SONNTAG IST REISETAG

Ein Pfarrer für elf Kirchdörfer: In der Uckermark fährt Thomas Dietz 700 Kilometer im Monat

Von Erik Heier

Schönfeld. Pfarrer Thomas Dietz tritt das Gaspedal durch, als wäre der Teufel hinter ihm her. Der Motor seines grünen Opel Zafira heult auf, kommt schnell auf Hochtouren. Dietz' Puls wahrscheinlich auch. Er atmet durch.

Sonntagmorgen. Die Straße von Carmzow nach Kleptow gräbt zwischen nackten Feldern einen schnurgeraden Asphaltstreifen in das scheibenflache Land. Knochige Bäume, einige Scheunen und viele Windräder rasen am Fenster vorbei. Die Uckermark.

Dietz' Blick streift die Uhr. Zehn Uhr. Schon. Jetzt wollte er eigentlich in der Kleptower Dorfkirche den Gottesdienst abhalten. Den zweiten dieses Sonntags, von dreien; zwei weitere hatte er noch am Tag zuvor. In der Regel kommt er an den Wochenenden auf drei derartige Überlandfahrten, Beerdigungen nicht mit eingerechnet. Diesmal wird zudem das Abendmahl gefeiert. Da hat der Gottesdienst in Carmzow eben länger gedauert. "Die Leute wissen das", sagt Dietz. "Die warten." Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig?

Die Uckermark ist die windreichste Region Brandenburgs, das durchschnittliche Lüftchen weht mit vier Metern pro Sekunde. Deshalb gibt es dort reichlich Windräder. Pfarrer hingegen nicht. Ganz und gar nicht. Thomas Dietz aus Schönfeld hat insgesamt 14 Orte zu beackern, davon elf Kirchdörfer. Pro Monat verfährt er 700 Kilometer. Im Pfarrsprengel gäbe es keine Blitzerkästen, sagt Dietz.

Denn nirgends in Brandenburg sitzen die Pfarrer derart oft im Auto wie in der Uckermark. Um 8.20 Uhr hatte Dietz vor dem Pfarrhaus eine große Sporttasche und zwei kleinere Taschen im Kofferraum verstaut, dazu einen Korb mit Utensilien für das Abendmahl: Silberkelch, Oblaten, ein Tetrapack Traubensaft die alkoholfreie Variante des Messweins. Fast könnte man meinen, er sei auf dem Sprung in den Urlaub. Nach Skandinavien vielleicht, da zieht es ihn mit Gattin, Tochter und Sohn am liebsten hin. Aber nicht einmal ein Pfarrer packt für die Ferien eine Abendmahl-Ausstattung ein.

Weitere Ausdünnung wäre verheerend

Dietz betreut jetzt 850 Gläubige. Nominell liegt er damit noch weit unter der von der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg festgelegten Richtgröße von 1250 "Gemeindegliedern pro Pfarrer", wie es in ihrer Diktion heißt.

Diese Richtzahl, sagt Dietz, hänge "wie ein Damoklesschwert" über ihm. "Eine weitere Ausdünnung wäre ein verheerender Verlust. Sowohl für die Kirchengemeinde selbst als auch für die Lebenskultur, die Lebenswertigkeit und die Würde in diesem Landstrich.

In seinem Pfarrsprengel sind die Gotteshäuser die einzigen Orte, wo überhaupt noch Konzerte oder Lesungen stattfinden. Zudem beschäftigt die Kirche vornehmlich über ABM-Maßnahmen knapp 20 Menschen in einer dünn besiedelten Gegend, wo jeder Vierte arbeitslos gemeldet ist. Daher, sagt Dietz, wolle er nicht übermäßig lamentieren: "Ich habe ja die Sicherheit einer Beamtenstellung. Da kann man auch einiges von mir erwarten." Die Zeit für Gespräche, für Geburtstagsglückwünsche oder zum Überreichen eines Geschenkkorbes an einen langjährigen Glöckner nimmt er sich. Ohne das geht es einfach nicht.

Seinen Job hatte der gebürtige Kleinmachnower, der in Berlin-Pankow aufwuchs, im August 1989 nach zwei Vikar-Jahren angetreten. Die stelle war jahrelang unbesetzt geblieben, das christliche Leben lag jahrelang brach, das Pfarrhaus war eine bessere Ruine.

Er habe dorthin gewollt, sagt er, wo Pfarrer dringend gebraucht würden. Zudem lebte seine Großmutter in der Uckermark. Damals war Dietz für 250 Gemeindemitglieder zuständig in vier Kirchdörfern. Schon 1992 kamen drei dazu, 1998 und 2002 noch mal jeweils zwei. Langsam reicht es jetzt, findet Dietz. "Man hat immer weniger Zeit für Besuche", sagt er leise, während er am Ortseingangsschild von Kleptow das Tempo drosselt. "Das Persönliche droht verloren zu gehen."

Unter der Woche beginnt sein Arbeitstag morgens um halb sechs am Schreibtisch, noch vor dem Frühstück. "Ich versuche mir Freiräume zu schaffen", sagt Dietz. Eine Dreiviertelstunde Mittagsschlaf gehört dazu, und das Verteilen von Aufgaben auf die Mitarbeiter und zahlreiche ehrenamtliche Helfer: "Sonst hält man das nicht durch." Im Winter fährt er gern Ski, im Sommer reitet er. Es kommt schon mal vor, dass er Hausbesuche auf seinem eigenen Pferd erledigt.

Die evangelische Kirche muss sparen

Seit Jahren muss die evangelische Landeskirche Pfarrsprengel zusammenlegen, von 1500 Pfarrstellen vor zehn Jahren sind aktuell noch 1000 übrig geblieben. 1,24 Millionen Mitglieder hat sie, davon 430.000 in Brandenburg, sagt ihr Sprecher Markus Bräuer. Tendenz sinkend. Das gilt auch für die Einnahmen. Nur ein Drittel dieser Mitglieder zahlt überhaupt Kirchensteuer, weil diese noch einen Job haben. 50 Prozent aller Mitglieder seien über 50 Jahre, 27 Prozent über 65.

Bei seiner Arbeit muss sich der 40-jährige Dietz denn auch fast jugendlich vorkommen. Sein volles braunes Haar würde wahrscheinlich zu krausen Locken herunterfallen, wäre es nicht so kurz frisiert. Kaum eine Grausträhne. Von den Menschen, die vor ihm sitzen, kann man das nicht behaupten. Die Gottesdienste sind ein Spiegelbild der taumelnden Alterspyramide. Betagte Damen bleiben in der Überzahl. "Unser nächstes Lied ist die Nummer 361", sagt Dietz. Seine sonore Stimme vibriert, als er langsam wiederholt: "Dreihundert-ein-undsechzig." Zielgruppenkompatibles Sprachtempo.

Von den knapp 100 Konfirmanden, die er seit 1991 hatte, seien 80 Prozent weggezogen, schätzt er. "Und die meisten davon in die alten Bundesländer". Wenige Ausbildungsplätze, wenige Jobs. Zu wenige.

Um Viertel nach zehn parkt Dietz recht sportlich vor der 750 Jahre alten Kirche in Kleptow ein. Sie wurde vor drei Jahren restauriert, ist aber innen trotzdem kalt wie der Abendhauch. "Ich bitte um Verständnis, dass ich später kam", ruft Dietz zehn bibbernden Besuchern auf den immerhin beheizten Holzbänken zu. Kernig zugiger Wind zerstäubt die Atemfetzen vor seinem Mund.

Er hält dieselbe Predigt wie zuvor in Carmzow; am Nachmittag wird er sie in Schönfeld noch einmal darbieten. Das nennt man wohl Synergieeffekt. Nach einer Stunde drückt Dietz jedem Besucher die Hand. Im Kelch ist noch Saft vom Abendmahl übrig. Den trinkt er selbst aus. Findet sich doch darin der Lehre nach Jesus Christus wieder. So ein Getränk kann man schließlich nicht in den Ausguss schütten.

Gut jedenfalls, dass dies kein echter Wein ist. Denn Pfarrer Thomas Dietz wird sich gleich wieder hinter das Steuer setzen. Er muss ja weiter, zum nächsten Gottesdienst. Dem dritten.

   Zur Artikelübersicht