Alle Pfeifen vor Jahren gestohlen

Orgelbauer Heerwagen errichtete auch das Instrument in der Kirche in Brügge / Lose Teile vorerst gesichert

BEATE VOGEL

BRÜGGE/STEPENITZ Obwohl seit Jahren der Wind durch die Kirche in Brügge (Amt Meyenburg) pfeift, weil die Fenster fehlen, ist die Orgel in einem relativ guten Zustand - oder vielleicht gerade deshalb. Der Hobby-Orgelbauer Herbert Brügge aus Mettingen in Westfalen ist überzeugt, dass die permanente Zugluft die Teile davor geschützt hat, dass sich der Holzwurm ansiedelt. Allerdings haben sich an der Orgel offenbar andere "Schädlinge" zu schaffen gemacht: Sämtliche Metallpfeifen fehlen, während Holzpfeifen und anderes Holzwerk relativ unangetastet sind.

Herbert Brügge hatte nach einem zehnstündigen Besuch der Kirche in dem Dorf, das zufällig seinen Namen trägt, im Sommer eine detailgenaue Beschreibung über den Zustand und die Geschichte des Instrumentes verfasst. Während die kleine Feldsteinkirche bereits 1864 errichtet wurde, stellte die Firma Wilhelm Heerwagen aus Klosterhäseler bei Naumburg die Orgel erst 1870 fertig, fand Herbert Brügge heraus. Ursprünglich sollte wohl der Wittstocker Orgelbaumeister Friedrich Hermann Lütkemüller den Auftrag übernehmen, aber der war - wohl wegen seines Renommees - zu teuer. Heerwagen baute für Brügge eine Orgel mit acht Registern, sechs fürs Manual und zwei fürs Pedal. Im ersten Weltkrieg wurden die Prospektpfeifen für Rüstungszwecke ausgebaut. Erst 1933 ersetzte sie ein Orgelbauer aus Wittenberge durch Pfeifen aus Zink. So steht es auf einer Inschrift hinter einem Vorsatzbrett.

Herausgefunden hat der Westfale bei seinen Recherchen auch, dass es ganz in der Nähe des Halenbeck-Rohlsdorfer Ortsteiles eine weitere Heerwagenorgel gibt - und zwar eine, die sich sehen lassen kann: In der Stiftskirche des Kloster Stiftes Marienfließ in Stepenitz hat der Orgelbauer sein zweitgrößtes Instrument in Brandenburg errichtet. Herbert Brügge hat nicht nur deshalb zu Stiftsleiter Bernd Menze Kontakt aufgenommen. Denn diesem ist das Problem in der Kirche in Brügge selbst nur zu bekannt: "Ich bin schon vor Jahren auf dem Turm gewesen, weil ich mich für die Glocke interessiert habe." Damals hatte der Turm kein Dach, war völlig offen, erinnert sich Menze. An einem Tausch - Glocke gegen Sanierung des Turmdaches - sei aber die Kirchengemeinde damals nicht interessiert gewesen. Immerhin konnte Menze dem Hobby-Orgelbauer in Westfalen einige Daten zur Sanierung der Marienfließer Orgel zukommen lassen. Diese wurde nur zwei Jahre vor der in Brügge errichtet, 1868. Sie löste damals ein Instrument des Orgelbauers Anton Heinrich Gansen ab. Die Orgel hat eine besondere, seltene Tastenmechanik. Hinter der Pedallade finden sich zwei originale große Keilbälge, die übereinander liegen. Ein elektrischer Winderzeuger wurde später angeschlossen. Der Spieltisch befindet sich mittig unter dem Prospekt, die Registerzüge sitzen seitlich davon in senkrechten Reihen. Alle Klaviaturen sind im Original erhalten.

Restauriert wurde die Orgel Mitte der 90er Jahre, mit Zuwendungen des Kulturministeriums und des Förderkreises Stift Marienfließ. Insgesamt wurden gut 70 000 Mark für die Arbeiten abgerechnet, schrieb Menze an Herbert Brügge. Zum Jubiläum 775 Jahre Stift Marienfließ in diesem Jahr hatte ein Fotograf schöne Fotos von der Heerwagenorgel in der Stiftskirche gemacht.

Herbert Brügge hat sich nun dem Erhalt der kleinen Dorfkirche mitsamt ihrer Orgel verschrieben. So wird es ihn gefreut haben, dass der Arbeitseinsatz am vergangenen Wochenende viel Zuspruch fand. Dabei wurden auch die losen Teile der Orgel gesichert.

Märkische Allgemeine vom 16. Dezember 2006

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