Ein Besuch in der Dorfkirche von Lennewitz

Der Besuch fand schon im vergangenen Jahr statt, im September war Lennewitz unsere Dorfkirche des Monats. Aber aktuell ist er auch jetzt, weil die Tage wieder länger und wärmer werden und man sich noch öfter fragen darf: Welchen Ort im schönen Brandenburg besuchen wir an diesem Wochenende ?

 Dorfkirche Lennewitz
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Das winzige Lennewitz liegt in der Prignitz, südlich von Bad Wilsnack, nicht weit entfernt fließt die Elbe. Die Gestalt des Dorfes ist leicht zu beschreiben: ein ovaler Rundling, gebildet aus acht oder zehn Bauernhäusern. Vom Ortsein- zum -ausgang werden es kaum mehr als einhundert Meter sein. In der Mitte liegt der etwas angewachsene Friedhof mit der Kirche, dann ist gerade noch Platz für das alte Schulhaus.

Wir sind mit Frau Anneliese Schultz verabredet. Sie gehört zu einem der alten Lennewitzer Bauerngeschlechter - die altertümelnde Bezeichnung ist hier angebracht; ihre Familie ist seit dem 16. Jahrhundert in Lennewitz nachweisbar. Das ganze winzige Dorf spricht von alter bäuerlicher Tradition; das muss hier, bevor wir in die Kirche gehen, noch rasch beschrieben werden. Die ansehnlichen Wohnhäuser aus der Zeit vor 1900 stehen dicht an dicht. Die Scheunen und Ställe liegen dahinter. Die Gräber auf dem Friedhof sind in Reihen angeordnet, derart, dass jede einer Familie und einem Hof zugeordnet ist und sich auf diesen hin ausrichtet. Jeder Hof ist ein Bauerngut, welches sich über Jahrhunderte in Familienbesitz befand. (Heute ist diese Kontinuität abgebrochen, zwar wohnen noch die Familien hier, Bauernwirtschaften gibt es jedoch keine mehr.) Als die bäuerliche Landwirtschaft vor dem Ersten Weltkrieg florierte, bauten sich die Lennewitzer Bauern eine neue Kirche. Der alte Fachwerkbau war ihnen zu bescheiden geworden. 1909/10 entstand nach einem Entwurf des bekannten Kirchenbaumeisters Georg Büttner der Kirchbau in Formen des so genannten "Heimatstils" ein hoher Turm und ein Schiff, welches ziemlich deutlich in Gemeindesaal und Altarraum geschieden ist; an der Grenze ragt seitlich eine kleine Taufkapelle vor. Hier im Innenraum besticht die vollständig erhaltene Innenausstattung mit der ebenfalls noch ursprünglichen (aber arg desolaten) Ausmalung. Frau Schulz berichtet, dass die Kirche auf Wunsch des damaligen Pfarrers in Anlehnung an tiroler Bauten und deren Ausstattung gestaltet wurde. Das mag sein. Vielleicht entstand die Überlieferung auch einfach daraus, dass solche bäuerlichen Kunst- und Handwerksformen im Alpenländischen bis heute lebendig sind und in der Mark Brandenburg fremd wirken. Passende Vorbilder aus dem 17. und 18. Jahrhundert gibt es auch bei uns.

Dorfkirche Lennewitz - Fenster 
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Vollständig erhalten blieben die Glasfenster. Bei den Kirchenbänken sind die Namenspatrone der ansässigen Familien (jeweils bezogen auf die "Stammväter" des 17. und 18. Jahrhunderts) dargestellt. Für die Mark Brandenburg ist dies ein seltenes Beispiel bäulichen Traditionsstolzes. Die dekorativen Wandmalereien, ebenfalls vollständig von 1910, wirken nicht so "bäuerlich". Hier entfaltet sich der wunderbare Reichtum jugendstiliger Dekorationskunst. Die Farben sind verblasst, an vielen Stellen ganz verloren, aber der Besucher ahnt noch, in was für eine Farbstimmung der Kirchenraum einmal getaucht gewesen sein muss. Farben und Ornamente waren auf das Wechselspiel hellerer und dunklerer Raumteile bezogen, sie werden eine starke, vielleicht sogar etwas mystische Raumwirkung geschaffen haben.

Unsere vitale Gastgeberin, freilich schon im Rentenalter, schildert uns die Kirche, wie sie einmal war und wie sie nach ihrem festen Wollen wieder werden soll. Es muss eine Art Sendungsbewusstsein sein, welches sie antreibt. Ein Elektriker, der in Angelegenheiten ihres Hauses während der Führung kommt, wird charmant und unmissverständlich um Unterstützung angegangen. Als Frau Schulz nach zehn Minuten wieder zu uns zurückkehrt, bringt sie die Zusage für einen kostenlosen neuen Hauptanschluss für die Kirche mit. In ähnlicher Weise kämpft sie wohl auch sonst für ihre Kirche. Anfang der Neunzigerjahre war das Bauwerk baufällig. (Gerade die Bauerdörfer hatten durch die Zwangskollektivierung 1960 ihre Sozialstruktur eingebüßt.) Bald nach der Einheit hatte der damalige Superintendent Mitglieder des Berliner Rotary-Club um Hilfe gebeten, und Frau Schulz konnte als "gute Seele" der Kirche die Spender zu ihrem guten Tun mit bewegen. Gerne führt Frau Schulz Besucher durch die Kirche, spielt ihnen auch auf der Orgel vor. Ihr Redefluss dabei speist sich aus Wissen um die Kirche, aus Religiosität und Lebenserfahrung; nun, es kommt da einiges zusammen, so dass der Gesprächspartner schon Mühe hat, diesen Schwall aus Geschichten und Empfindungen zu unterbrechen. Frau Schulz hat eine besondere, persönliche Beziehung zu dem Gebäude entwickelt und sich dessen weitere Instandsetzung zu einer Lebensaufgabe gemacht. Es ist eine Beziehung, die der Besucher natürlich nicht in gleichem Maße teilen kann. Aber mit ihrer Dorfkirche, die ja auch ein Dokument ihrer Familie ist, pflegt Anneliese Schulz ein kostbares Denkmal. Dafür hat sie gelernt, mit Behörden und Denkmalpflegern zu verhandeln.

Nachdem die Kirche von außen mit Hilfe des Rotary-Clubs gesichert wurde, betreibt Frau Schulz nun die Instandsetzung des Inneren. Im nächsten Jahr sollen die Holzdecke und die besonders stark geschädigte Taufnische restauriert werden. Dafür hat Frau Schulz das Geld fast beisammen. Und dann wird es weitergehen. Da ist sie ganz sicher.

Zum Besuch der Lennewitzer Kirche wird herzlich eingeladen. Der Ort liegt zwischen Quitzöbel und Legde, telefonische Anmeldung ist möglich: 03 87 91 / 69 50 (Frau Schulz).

Die Kirche Lennewitz finden Sie im Internet unter www.kirche-lennewitz.de.


 
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