Gotteshaus wird Konzertsaal

Umbau der Strehlower Kirche zum Begegnungszentrum beginnt Ende des Monats - Gemeinden mit Sanierungskosten überfordert

Von Dieter Weirauch

Viele Kirchen im Land sind marode. Auf 250 Millionen Euro schätzen Experten den Sanierungsbedarf. Zahlreiche Gemeinden sind mit den Kosten überfordert und erwägen den Verkauf oder eine neue Nutzung ihrer Kirchen.

 Kirchenruine Strehlow

Potsdam - Ende des Monats sollen die Bauarbeiten an der Ruine der Strehlower Kirche (Uckermark) beginnen. Das berichtet Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Die örtliche Agrargesellschaft mbH kaufte jetzt das Gotteshaus und baut es zu einem Begegnungszentrum um. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und weitere Helfer engagieren sich für den Wiederaufbau.

Der mittelalterliche Sakralabau soll zur "guten Stube" des Dorfes werden, in der man Feste feiert und sich zu Konzertabenden trifft oder zum Tanz. Die in Teilen aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammende und mehrmals umgebaute Kirche wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges nur leicht beschädigt, aber später vom Bürgermeister des Ortes zur Gewinnung von Baumaterial freigegeben.

Dabei wurden Dachdeckung und Dachstuhl abgetragen sowie große Teile der behauenen Feldsteine aus dem Kirchenschiff herausgebrochen. Der mit Schiefer gedeckte und holzverschalte Turm galt einst mit seiner komplizierten Fachwerkskonstruktion als der schönste Barockturm der Region. Ulrich Blumendeller, Geschäftsführer der Agrargesellschaft, sagte, seine Firma verfolge keine wirtschaftlichen Interessen mit dem Kauf der Ruine. Vielmehr möchte der Betrieb seinen Beitrag dazu leisten, den baulichen Mittelpunkt des Dorfes wiederherzustellen.

Auch in Rieben, einem Ortsteil von Beelitz (Potsdam-Mittelmark), wird die Kirche saniert. Dort ist ebenfalls eine sakrale und weltliche Nutzung vorgesehen. Der Ortsbeirat wird seine Veranstaltungen künftig dort ebenso abhalten wie die Feuerwehr. 90 000 Euro investierten die Einwohner, bevor das Land mit Fördermitteln half.

Etwas exotisch nimmt sich die neue Nutzung der einstigen Kirche Milow (Havelland) aus. Wo früher der Altar stand, steht heute ein Geldautomat, unter der Orgelempore befindet sich der verglaste Kundenschalter. Vor fünf Jahren bestanden nur die Alternativen Abriß oder neue Nutzung.

Längst ist auch in Brandenburg der Verkauf oder die Zweckentfremdung von Kirchen kein Tabu mehr. Viele Gemeinden leiden seit Jahren unter sinkenden Einnahmen aus der Kirchensteuer, der Unterhalt ihrer Immobilien kostet Millionen. Weil die Zahl der Gläubigen schrumpft, bleiben auch die Kirchenbänke leer - und somit wird manches Gotteshaus überflüssig. Auf 250 Millionen Euro beziffern Experten wie Mathias Hoffmann-Tauschwitz, Leiter des kirchlichen Bauamtes, die Sanierungskosten für Brandenburgs Kirchen.

Der Verkauf einer Kirche stößt häufig auf Widerstand, selbst bei denjenigen, die seit Jahren nicht mehr in die Kirche gehen. "Gerade auf den Dörfern erfährt die Privatisierung große Ablehnung. Das Kirchengebäude ist eben immer noch etwas ganz Besonderes", so Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Die Alternative wäre Privatisierung, wie in Briest bei Brandenburg, wo sich eine Künstlerin gerade ihr Atelier in der Kirche einrichtet.

180 Vereine engagieren sich im Land um den Erhalt der Kirchen. Zu den Sorgenkindern gehören unter anderem die Kirche von Gnewikow bei Neuruppin, die spätmittelalterliche Backsteinkirche von Alt-Krüssow (Prignitz), auch in Stegelitz in der Uckermark ist die Kirche akut bedroht.

Aber nicht überall schrumpfen die Gemeinden. In Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow etwa sind die Gotteshäuser durch die vielen Zuzügler zu klein. 200 neue Mitglieder nahm die evangelische Gemeinde Kleinmachnow allein im vergangenen Jahr auf, sie verzeichnet derzeit 5100. Kirchenneubauten sind in Kleinmachnow und Stahnsdorf im Gespräch.

© Berliner Morgenpost 2006

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