Wenzlower Taufengel abgeseilt

Patenkind wird in Dessau für große Sonderausstellung fein gemacht

CLAUDIA NACK

WENZLOW Das große Ereignis hat gestern früh nur fünf Minuten gedauert: Der Wenzlower Taufengel, der im schlichten Gotteshaus sechs Meter über dem frühmittelalterlichen Taufbecken hing, schwebt am Seil behutsam auf die Erde. Zentimeter für Zentimeter. "Hebammen" sind zwei Männer: Eckhard Schindler, Ehemann der Kirchenältesten, und Schwiegersohn Diego Scholtka. Rentner Karl Lüdicke und Jana Büttner assistieren am Boden. Die Pfarrerin ist froh: "Alles war gut vorbereitet und wohl durchdacht."

Freude und Spannung empfinden Barbara und Uwe Hübner. Mit der Kamera halten sie das Wesen mit dem Geisha-Gesicht in allen Lebenslagen fest. Denn die gebürtige Brandenburgerin, die kurz vor dem Mauerbau 1961 die DDR verließ und heute in der Nähe von Hamburg lebt, und ihr Mann sind Paten des Wenzlower Taufengels. Es ist ihr einziges Patenkind. Die Hübners übernehmen die Restaurierungskosten, die noch nicht ganz feststehen. Sie rechnen mit ein paar tausend Euro. Die aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammende Holzfigur ist für die große Ausstellung "Tausend Jahre Taufen in Mitteldeutschland" auserkoren, die ab 20. August im Magdeburger Dom gezeigt wird.

Obwohl durch ein kaputtes Kirchenfenster eingedrungene Vögel das zum Zopf gebundene Haar und das mit Blüten verzierte rostrote Gewand stark beschmutzt haben und der linke Flügel abgebrochen ist, schwärmt Barbara Hübner vom guten Zustand ihres Patens. Mehr als 180 Taufengel aus evangelischen Kirchen in Deutschland und Polen lernte die 66-Jährige kennen. Eine große Besonderheit des Wenzlowers sei die Taufschale: eine Taube, die aus einer Muschelschale trinkt. "So etwas habe ich noch nie gesehen", schwärmt die frühere Arztsekretärin, die sich seit acht Jahren aus kunsthistorischer Sicht mit Taufengeln in evangelischen Kirchen beschäftigt. Was als Hobby anfing, ist längst eine Leidenschaft. Wenn die Hübners Urlaubsreisen machen, dann meist in die "jungen" Bundesländer. Gezielt von Dorfkirche zu Dorfkirche, in denen es Engel gibt. "Weil es eine interessante Sonderform der Taufe in der Barockzeit ist, die es zu erhalten gilt." Dass der Wenzlower ihr Patenkind geworden ist, habe etwas mit ihrer Herkunft zu tun, sagt Barbara Hübner. Denn ihrer Heimatstadt und der Region, ist die 66-Jährige, deren Mutter in der Steinstraße früher der "Bunte Laden" gehörte, nach wie vor sehr verbunden. Wenn sie nach Brandenburg kommt, sagt sie: "ich fahre nach Hause". Ihr Pate sei ein "Zwitter", der "politisch" zur Kirchenprovinz Sachsen gehöre, aber in Brandenburg hänge. Jetzt müssen die Wenzlower, für die es gestern ein berührendes Gefühl war, bis November auf ihn verzichten. In Noppenfolie und Schaumstoff eingepackt hat die Dessauer Restauratorin Andrea Günther den Engel in ihre Werkstatt gebracht. Dort wird er gereinigt und konserviert. Und der abgebrochene Flügel, der aufbewahrt wurde, angesetzt. Aus dem Wolliner Pfarrbereich harren auch das ebenfalls für die Ausstellung ausgewählte barocke Taufbecken aus Hohenlobbese und der anmutige Dahlener Engel ihrer Schönheitskur. Er fand auch eine Patin, die ungenannt bleiben möchte.

Märkische Allgemeine vom 21. Februar 2006

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