"Armut konserviert zuweilen"

Gottfried Winter referiert über Erhalt der Dorfkirchen und die zwei Seiten der knappen Mittel zu DDR-Zeiten

DOROTHEA VON DAHLEN

BAD WILSNACK Im Zeichen allgemeiner Sparpolitik droht auch der Erhalt kulturhistorisch bedeutsamer Gebäude ins Wanken zu geraten. Grund genug für den Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, offensiver an die Öffentlichkeit zu treten und vor dem Verfall vieler Sakralbauten zu warnen. Auch beim Neujahrsempfang der Interessenvereinigung am 12. Januar in Berlin soll die Pflege des kulturellen Erbes im Mittelpunkt stehen. Als Gastredner hat der Förderkreis einen Prignitzer auserkoren. Gottfried Winter, Pfarrer im Ruhestand, wird zum Thema "Dorfkirchen in der Prignitz - Gabe und Aufgabe" sprechen.

Als ehemaliger Leiter des Bauausschusses im Kirchenkreis Perleberg-Wittenberge ist Gottfried Winter mehr als prädestiniert für dieses Referat. Denn damals war er für gut 70 Kirchen - von Mödlich bis Uenze und von Neuhausen bis Groß Breese - zuständig. Aus eigener Anschauung kann er deshalb berichten, in welchem Spannungsfeld die Kirchenvertreter während der DDR-Zeit standen, wenn es darum ging, notwendige Reparaturen an den Gotteshäusern vornehmen zu lassen.

"Wir haben über den Staat so gut wie keine Unterstützung bekommen", sagte Gottfried Winter in einem MAZ-Gespräch. Der Perleberger Kirchenkreis sei damals ein besonderes Stiefkind gewesen. Während es den Kirchen im Bezirk Potsdam besser ging, hätten die Obersten aus Schwerin sich nicht im Geringsten für sakrale Bauten interessiert. Zwei Kirchen in der Prignitz seien gänzlich von der Bildfläche verschwunden. So auch das Gotteshaus in Hülsebeck. Wie Winter erzählt, war der Fachwerkbau sehr marode. Die Gemeinde stellte 1962 einen Abrissantrag in der Hoffnung, später Ersatz schaffen zu können. Doch als das Gebäude weg war, warteten die Hülsebecker vergeblich auf eine Baugenehmigung. Ähnlich erging es der Kirche in Wolfshagen. Sie sei dem Erdboden ebenso gleich gemacht worden, sagt Winter. Auch zwei Kirchtürme fielen der damaligen Finanzpolitik zum Opfer. In Mellen und Rosenhagen stürzten die Spitzdächer wegen Baufälligkeit ein. Die Gutskapellen in Stavenow und Klein Linde machten keine Ausnahme. Von ihnen stehen heute nur noch Ruinen. Als Besonderheit im Landkreis erwähnt Winter aber auch die Kirche in Tangendorf. Die dortige Gemeinde wollte einen eigenen Versammlungsort haben und beantragte beim Land einen Neubau. Die Zusage kam und so entstand zwischen 1953 und 1954 die einzige moderne Kirche in der Prignitz.

Im Gegensatz zu heute habe vor der Wende an den Kirchen nur das Notwendigste repariert werden können, weiß Winter zu berichten. In einigen Fällen habe dies den Denkmälern sicherlich nicht zum Nachteil gereicht. "Armut konserviert auch zuweilen", sagt der Pfarrer im Ruhestand. Die knappen Kassen hätten verhindert, dass manches stilistisch wertvolle Gebäude einer allzu gründlichen Modernisierung zum Opfer gefallen sei. Hilfe habe es oftmals von Kirchengemeinden aus dem Westen Deutschlands gegeben. Im Januar 1985 sei dem Kirchenkreis etwa ein komplett neues Baugerüst zur Verfügung gestellt worden, so dass es ab da möglich war, Kirchen bis in die Turmspitze hinauf einzurüsten. Auch Bleche für die Dachklempnerei stiftete die West-Kirche. Sie mussten aber vom kirchlichen Bauhof in Berlin abgeholt werden. Nicht selten machte sich Winter deshalb persönlich mit dem Hänger in die Hauptstadt auf.

Eine Lieblingskirche mag der pensionierte Pfarrer allerdings nicht benennen. "Jede Kirche ist eine Nummer für sich und hat ihren individuellen Charakter", sagt er. Ihm gefallen selbst die historistischen Bauten, die früheren Zeiten stets "als schnöde Kopien älterer Baustile abqualifiziert wurden".

Winters Vortrag ist am 12. Januar um 19 Uhr in der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität im Berliner Dom zu hören. Später wird er das Referat auch in Perleberg halten.

   Zur Artikelübersicht