EIN BISSCHEN AM ENDE DER WELT: IM ORTSTEIL NATTWERDER WURDE EIN ALTER SCHWEIZER FRIEDHOF RESTAURIERT UND ZUM SCHMUCKSTÜCK

Wie die Kirche einst ins Dorf kam

Irgendwas ist anders in Nattwerder, diesem winzigen Potsdamer Ortsteil zwischen Golm und Töplitz. Ein bisschen fühlt man sich wie am Ende der Welt, wenn man die lange Pappelallee entlang in dieses Fleckchen Erde kommt.

Gerade mal dreißig Menschen wohnen dort zwischen jeder Menge Weideland. Mitten im Dorf gibt es einen Friedhof und eine Kirche - und das ist es, was stutzig macht.

Die Sache mit der Kirche werde sie oft gefragt, erzählt Annemarie Haardt. Und es sei ja wirklich etwas eigenartig: Woher hat so eine kleine Siedlung eine eigene Kirche? Annemarie Haardt ist in Nattwerder geboren, 80 Jahre ist das jetzt her. Und sie hat die Geschichte schon oft erzählt: Nattwerder war ja einmal ein Schweizer Kolonistendorf. Der Große Kurfürst hatte nach dem 30jährigen Krieg Ackerbauer und Viehzüchter aus der Schweiz in die Mark Brandenburg eingeladen, um hier zu leben und zu wirtschaften. Und so kamen 14 Familien aus Bern per Schiff über Rhein, Elbe und Havel bis ins Golmische Bruch. Sie siedelten in Golm, Töplitz und in Nattwerder. Ihren Pfarrer brachten sie gleich mit, und der Große Kurfürst ließ für die Schweizer eine eigene Kirche bauen. Zwar war Nattwerder die kleinste der Schweizer Siedlungen, aber es lag genau in der Mitte, und deshalb kam das Gotteshaus dorthin.

Neben der Kirche entstand mit der Zeit auch ein Friedhof, und der hat im Leben der Einwohner von Nattwerder eine wichtige Rolle gespielt. Jede Menge Arbeit haben sie dort hineingesteckt. Doch jetzt ist er ein Schmuckstück. Etwa 40 alte Grabmale haben die Dorfbewohner restaurieren lassen und so für Nattwerder eine richtige Sehenswürdigkeit geschaffen, wo über Jahre nur noch eine große Wildnis war.

Kein Weg habe dort mehr durchgeführt, die meisten Grabmale lagen am Boden. "Ein trauriger Anblick war das. Da musste einfach was passieren", erzählt Annemarie Haardt.

Schon in den 60er Jahren begannen die Einwohner damit, das Gelände aufzuräumen. Die Grabmale konnten aber nicht wieder aufgestellt werden. Technisch war das damals kaum möglich. Erst als vor ein paar Jahren ein Steinbildhauer nach Nattwerder zog, kam die Sache letztlich wieder ins Rollen.

Hauptproblem war nun das Geld. Mehr als 30 000 Euro mussten aufgebracht werden - fast alles über Spenden. Fördergelder kamen von der Denkmalpflege und auch einige Nachkommen der Schweizer Siedler beteiligten sich.

Schließlich hat auch die Mittelbrandenburgische Sparkasse einen Teil der Kosten übernommen. "Damals kamen Einwanderer aus vielen Ländern. Sie führten neue Gewerke ein und entwickelten Gewerbe und Kultur. Die Schweizer Siedlungen sind ein Teil unserer brandenburgischen Geschichte", sagt Sabine Groh, Leiterin der MBS-Geschäftsstelle Potsdam-West.

Mittlerweile sind fast alle Grabmale wieder aufgerichtet. Riesige Kreuze prägen jetzt das Bild des Friedhofs. Und auf den Grabsteinen sind die Namen der Schweizer Familien zu lesen: Garmatter, Dortschy oder Schweingruber. "Ich wollte es anfangs gar nicht glauben, dass wir es je schaffen würden", gibt Annemarie Haardt zu. "Das ist ein kleines Wunder." bb

 

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