Bingo im Betraum

Zur Rettung ihrer Gotteshäuser öffnet sich die Kirche weltlichem Leben

ULRICH CRÜWELL

POTSDAM Ein Jahr lang stand die kleine Dorfkirche in Briest (Potsdam-Mittelmark) zum Verkauf. Nun hat eine Künstlerin für 10 000 Euro zugegriffen. Sie will das Gotteshaus in dem 250-Seelen-Dorf als Atelier nutzen. Wenige Kilometer entfernt hat die Sparkasse eine Dorfkirche zum Schnäppchenpreis gekauft. Die Rede ist von Milow (Havelland), der Ort mit der vielleicht berühmtesten Bankfiliale der Republik. Statt christlichem Kreuz leuchtet das rote "S". Im Altarraum brummt ein Geldautomat vor sich hin.

Die evangelische Landeskirche ist der mit Abstand größte Immobilienbesitzer des Landes. Das Problem: 20 Prozent der Kirchen werden nicht mehr benötigt und viele der 2000 Kirchen sind dringend sanierungsbedürftig, doch der Landeskirche fehlt das Geld. Selbst ein Verkauf des Tafelsilbers würde kaum Geld in die Kassen spülen. Ein historisches Pfarrhaus in der Uckermark oder eben auch die Kirche in Briest seien praktisch nicht zu verkaufen, sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz, der Leiter des Bauamtes der evangelischen Kirche. Die Mehrfachnutzung könne das Modell der Zukunft sein. Danach bleibt die Kirche ein Gotteshaus, wird aber auch als Veranstaltungsort genutzt. Ein Verkauf oder gar ein Abriss sollen Ausnahme sein.

In Rieben (Potsdam-Mittelmark), einem Ortsteil von Beelitz, wird derzeit die Dorfkirche umgebaut. Diese Sanierung könnte laut Hoffmann-Tauschwitz beispielhaft sein für andere Kirchen. Das Gotteshaus wird nicht mehr nur Kirche sein. Eine Faltwand wird den sakralen vom weltlichen Raum trennen. Der Ortsbeirat soll in der Kirche tagen, der Rentner-Klub seinen monatlichen Bingo-Abend veranstalten und die Feuerwehr ihre Feste feiern, so Bürgermeister Armin Hilgers. Im ersten, bereits abgeschlossenen Bauabschnitt wurden 90 000 Euro und viel Muskelkraft der Bürger investiert. Damit ist die Hülle des Gebäudes konserviert worden. In den kommenden Jahren sollen weitere Bauabschnitte folgen und Fördermittel vor allem vom Land fließen - insgesamt 700 000 Euro. Da die 200 Jahre alte Kirche in Zukunft ein kommunaler Ort sein wird, könnte das Land die Sanierung stärker fördern als sonst üblich. Mit bis zu 75 Prozent beteiligt sich das Land an solchen Kirchenumbauten, sagt Harald Hoppe, Referatsleiter für ländliche Entwicklung im Agrarministerium. Würde die Kirche in Rieben weiterhin nur ein Gotteshaus bleiben, so beschränke sich der Anteil an Förderung auf 40 Prozent.

Die Entscheidung, was gefördert wird, liege bei den Landkreisen, aber die Mittel werden immer knapper, sagt Hoppe. Der Bund hat vor zwei Jahren seine Zuschüsse für die Sanierung von Kirchen rigoros gestrichen. Das Land allein kann die Aufgabe kaum bewältigen. 250 Millionen Euro sind für grundlegende Arbeiten erforderlich. Fünf bis zehn Millionen werden aber jährlich nur aufgewendet - gemeinsam von Land und Kirche. "Wir schieben eine Bugwelle nicht erledigter Sanierung vor uns her. Und diese Welle wächst", sagt Hoffmann-Tauschwitz.

Land und Kirche haben im Sommer 2005 die Erstellung einer Prioritätenliste vereinbart. Bislang gab es zwei unterschiedliche Interessen. Das Land, genauer das Kulturministerium, will Gotteshäuser als Kulturgut erhalten - unabhängig vom christlichen Gemeindeleben. Um das christliche Leben geht es hingegen der Landeskirche.

Ein wenig zwischen den Fronten steht der Förderverein "Alte Kirchen Berlin-Brandenburg" mit 170 lokalen Organisationen. Der Verein kämpfe für den Erhalt jeder Kirche, sagt Geschäftsführer Bernd Janowski. Er verhinderte den einst bereits genehmigten Abbruch der heutigen Sparkassen-Kirche von Milow in letzter Minute. "Seit 1989 wurde dank unserer Arbeit in Brandenburg keine Kirche mehr abgerissen", sagt Janowski.

In der evangelischen Kirche selbst hat ein Umdenkprozess über den Umgang mit Kirchenbauten begonnen. Wolfgang Huber, Bischof der evangelisch Landeskirche, hat sich in einer Grundsatzrede beim Kirchenbautag in Stuttgart Ende September 2005 gegen die Nutzung von Kirchen durch Banken und Supermärkte und vor allem gegen den Abriss ausgesprochen: "Lieber Kirchenruinen als ,Tabula rasa'"!

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