Unterm einigenden Dach Gottes

Kirchengeschichten im Havelland: Geburtstagsvorbereitung in Finkenkrug

HILTRUD MÜLLER

FALKENSEE Gut, sagt sich Felicitas von Wietersheim, die Arbeit ist getan. Der Kirchbauverein hat seinen Zweck erfüllt. Nun will ich mich anderen Aufgaben zuwenden.

Vier Jahre stand die Politologin - sie stammt aus dem Hamburger Raum und zog 1998 mit ihrer Familie nach Finkenkrug - dem Kirchbauförderverein vor. Der hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Sanierung des Gotteshauses zu organisieren und dafür das notwendige Geld aufzutreiben. Denn die Finkenkruger Kirche war in den acht Jahrzehnten ihres Daseins krumm wie ein greises Weiblein geworden: Das Dach drückte die Außenmauer des Kirchenschiffs zur Seite, also mussten stählerne Zugbänder in die Konstruktion eingezogen werden. Ansonsten wäre der Bau baupolizeilich gesperrt worden.

Die Kirche als Ort der Annäherung

So weit wollte es die Gemeinde auf keinen Fall kommen lassen, die - genau wie vor 80 Jahren - durch den Zuzug rasant gewachsen war und sich als Anlaufpunkt für die vielen Fremden im Kiez erweisen sollte. Auch für Felicitas von Wietersheim, die sich ihren drei Söhnen zuliebe - heute acht, zehn und zwölf Jahre alt - eine berufliche Auszeit gönnte. Sie zählt sich nicht zu den klassischen Kirchgängern, doch die Kirche, der Glaube hat in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Sie spürte sehr schnell, welch spannende Prozesse sich in diesem deutsch-deutschen Zusammenfinden vollzogen, auch im Mikrokosmos Finkenkrug. Wie die geschlossene Gesellschaft plötzlich aus dem Gleichgewicht geriet durch den Ansturm "von drüben". Wie die unterschiedlichen Lebensmuster aufeinander prallten. "Ich dachte, auch über diesen Bau lässt sich etwas zur Annäherung beitragen", sagt die Politologin. Und sollte Recht behalten. Viele brachten sich ein, Menschen mit Ost- und mit Westbiografie. Fast 40 000 Euro sammelte der Kirchbauförderverein innerhalb von vier Jahren - durch Kollekten, Verkäufe von Selbstgefertigtem und Selbstgebackenem, durch Benefizkonzerte und Weihnachtsbasare, durch Eigenleistungen im Vorfeld und auch während der Sanierung.

Die Sparkasse legte eine größere Summe dazu, private Spender auch, "doch einen Versandhaus-Otto haben wir hier natürlich nicht", sagt die Vereinschefin mit Blick auf die Segnungen, die die Stadt Potsdam durch jenen Millionär erfuhr. Die Kirchengemeinde Neufinkenkrug war folglich genötigt, einen Kredit aufzunehmen, der sie noch auf Jahre hinaus belasten wird.

Die Taube, die sich nicht vertreiben ließ

Doch nun konnte man endlich zu Werke gehen: Nachdem in den Jahren 2003 und 2004 Dach, Außenfassade sowie einige Fenster erneuert und die farbigen Bleiglasfenster repariert wurden, nahm man sich nun im Vorjahr des Innenraums an. Er war nur ein einziges Mal, und zwar in den sechziger Jahren, renoviert worden, wo einige der ursprünglichen Farbgebungen überdeckt worden waren, auch Strahlenkranz und Taube - Symbol des Heiligen Geistes - über dem Apsisbogen. Doch die Taube schlug immer wieder durch. Nun wurde sie erneut überstrichen. Die Gemeindemitglieder wollten es so. Wird sie unsichtbar bleiben?

Zweimal gründete sich ein Kirchbauverein

Unter dem gestreng-wachsamen Auge der Denkmalpfleger erhielt nun der Altarraum seine ursprüngliche Farbigkeit zurück. Das Grau der Wände im Kirchenschiff - die Farbe aus den Sechzigern hatte sich bereits in ganzen Bahnen gelöst - wurde durch ein warmes Beige ersetzt. Statt über alte Dielen schreitet man nun auf Steinfliesen, worunter sich eine praktische Erdgasheizung verbirgt. Als die Bauleute den Boden aufnahmen, stießen sie in geringer Tiefe bereits auf märkischen Sand. Für kostspielige Fundamente hatten die Gründer in den zwanziger Jahren kein Geld. Denn auch damals war es ein Kirchbauverein, der in mühseligen Schritten und mit beispiellosem Einfallsreichtum das Geld zusammentrieb, um den zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Finkenkrug und Waldheim siedelnden Zuzüglern ein eigenes Gotteshaus zu bauen.

Initiator war der im Mai 1924 zum Hilfsprediger in Finkenkrug bestellte 28-jährige Otto Voigt, der wenige Wochen später den Kirchbauverein aus der Taufe hob. Der Bau des Gotteshauses für diese explosionsartig wachsende Siedlung im Dunstkreis des Molochs Berlin war gewissermaßen Voigts Gesellenstück. Am Reformationstag 1926 wurde die Kirche Neufinkenkrug geweiht, am ersten Advent Otto Voigt zum Pfarrer bestellt - ein Amt, das er 42 Jahre lang ausüben sollte. Er wich auch dann nicht, als ihn die Gestapo aus Finkenkrug auswies und mit Berufsverbot belegte. Denn Voigt war ein Mann der Bekennenden Kirche.

Warten auf den Otto-Voigt-Platz

Der Platz, auf dem das frisch restaurierte Gotteshaus thront, ist der Mittelpunkt eines Sterns. Hier kreuzen sich drei Straßen, so dass sechs Wege direkt auf die Kirche zulaufen: Hier ist die Mitte, der Ruhepol. Der Platz soll nun bis zum Kirchenjubiläum im Oktober ebenfalls neu gestaltet werden. Er wird den Namen des Kirchengründers Otto Voigt tragen. Noch streitet man sich ein wenig darum, wo die Schilder stehen sollen - auf kommunalem oder auf Kirchenland. Vielleicht entscheidet es letztlich der Bürgerverein Finkenkrug. Felicitas von Wietersheim ist übrigens jetzt dessen neue Vorsitzende. Denn der Kirchbauförderverein hat schließlich seine Schuldigkeit getan.

Märkische Allgemeine vom 20. Juli 2006

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