Eine offene und einladende Kirche

Besuch bei Pfarrer Sven Tiepner, der Regionalgottesdienste anbietet und sich Gedanken ums "Mittelalter" macht

ANDREA V. FOURNIER

FRIEDERSDORF Pfarrer Sven Tiepner ist immer auf dem Sprung. Hier wartet eine Frau auf individuelle Zuwendung, dort muss Handwerkliches abgesprochen werden, dann klingelt noch das Telefon und in ein paar Minuten kommt der Gemeindekirchenrat zusammen.

Sein Pfarrbezirk umfasst 14 Orte und 1500 Seelen. Er ist für die beiden Kirchengemeinden Reichenwalde-Wendisch Rietz und Friedersdorf-Kablow zuständig. Da bräuchte man einen 26 Stunden-Tag, wollte man alles gleich gut bedenken. So versucht der 39-jährige Pfarrer sein Möglichstes - als Seelsorger, Prediger, Verwaltungsangestellter, Organisator.

Der Veranstaltungskalender ist voll. Da ist der Pfarrer dankbar für das ehrenamtliche Engagement vieler Gemeindemitglieder. In Friedersdorf gibt es eine besonders starke Christenlehre-Gruppe von 40 Kindern, dazu die Konfirmandengruppe und die Junge Gemeinde. Regelmäßig treffen sich junge Mütter zu einem Klönabend. Neben dem Frauenkreis existiert auch ein Familienkreis. Da sind außerdem noch der Chor, die Posaunenbläser und ein Flötenkreis. Außerdem kann man unter dem Dach des Friedersdorfer Pfarrhauses basteln und töpfern. Wer mag, geht zu einem Leseabend.

Sven Tiepner beschäftigt die Frage, wie das "Mittelalter" in die Gemeindearbeit zu integrieren ist. Leute um die 40, meist im Beruf stehend, mit Verantwortung für die Kinder- und Elterngeneration, die durch den Alltag hetzen und vieles haben, nur keine Zeit. Was kann man tun, um ihnen ein Angebot zu machen, sie zu "locken". Dieses Wort mag Tiepner gar nicht, aber gemeint ist es schon so. Besonders stolz ist der Pfarrer auf die Regionalgottesdienste. Zusammen mit den Gemeinden Storkower Land und Reichenwalde werden sie an jedem fünften Sonntag im Monat, und davon gibt es ja nicht so viele, in einer Kirche im Pfarrsprengel abgehalten. Da kommt dann immer eine große Gemeinde zusammen. Manchmal musizieren vier Chöre und alle Posaunen unter einer Leitung. Diese Gottesdienste finden viel Anklang. Man lernt andere Gotteshäuser kennen.

Die Bau- und Reparaturarbeiten an vier Kirchen liegen Sven Tiepner auf der Seele. Die Turmrestauration in Kablow steht noch immer aus und die Einwohner träumen davon, dass sie die alte Turmspitze wieder bekommen. Die Friedersdorfer Kirche, deren Größe den Besucher fasziniert, bräuchte endlich eine Innentoilette. Viele Konzerte und Lesungen finden hier statt, doch die einzige Toilette ist im Pfarrhaus. Für einen Neubau ist kein Geld da. Die nächste Veranstaltung hier ist heute. Das Konzert des Jugendsinfonieorchesters Schmölln Thüringen spielt ab 19 Uhr.

Pfarrer Tiepner erträumt sich eine Kirche, die sich nicht nur um sich selbst dreht. Sie soll offen und einladend sein für alle, eine Kirche, in die man gern und regelmäßig kommt - und das nicht nur zu Weihnachten.

Märkische Allgemeine vom 24. Juni 2006

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