Verfall der Wahrzeichen

Fast alle Kirchen sind marode, aber zum Sanieren fehlt das Geld

ALEXANDER ENGELS

LUCKENWALDE Die Wahrzeichen in vielen Gemeinden stehen vor der Verwahrlosung. An den rund 80 evangelischen Kirchen im Kirchenkreis Niederer Fläming nagt der Zahn der Zeit, doch die Kirche kann sich ihre Kirchen nicht mehr leisten.

Superintendent Matthias Fichtmüller gibt sich zwar unerschütterlich optimistisch: "Wir wollen in allen Orten die Kirchen erhalten." Aber auch er blickt relativ ratlos, wenn er nach dem Wie gefragt wird. Die ökonomischen Zahlen lassen zweifeln. "Wenn wir alle notwendigen Bauvorhaben grob zusammenrechnen, brauchen wir mindestens 20 Millionen Euro", sagt er.

Die sind über die Kirchensteuer nicht aufzutreiben. Im Kirchenkreisgebiet von Liebätz bis Zellendorf und von Kemlitz bis Kemnitz leben rund 14 000 Gemeindeglieder. Sie werden von elf Pfarreien betreut. Aus dem Staatskirchenvertrag mit dem Land Brandenburg erhält der gesamte Kirchenkreis jährlich etwa 100 000 Euro an Baumitteln für drängende Reparaturen und einige Projekte.

Aber aus Fichtmüllers Sicht darf man die Kirche mit dem Problem nicht allein lassen. "Die Bauwerke sind ortsbildprägend und stiften Identifikation", sagt er, "die gesamte Gesellschaft muss Verantwortung zeigen. Unsere Vorfahren haben uns dieses kulturelle Erbe hinterlassen - egal ob wir heute Christen sind oder nicht." Dorfgemeinschaften sollten zum Beispiel Fördervereine gründen, so ein Aufruf des Superintendenten: "Diese können einerseits die Gebäude retten und andererseits zusammen mit den Gemeinden die Kirchen mit Leben füllen." Bislang gibt es nur einen Förderverein im Kirchenkreis.

Seit das Land den Denkmalschutz kaum noch fördert, sind auch diese Mittel für die Kirchen de facto verloren gegangen. Das Geld wird innerhalb einer frei verwendbaren Summe an die Kommunen ausgeschüttet, die dem Denkmalschutz meist weniger würdigen als etwa den Straßenbau.

Fichtmüller sieht zudem die Kirchengemeinden selbst in der Pflicht, neue Wege zu gehen, insbesondere wenn es um die Nutzung der Gotteshäuser geht. Er lobt, dass dort immer öfter kulturelle Ereignisse, vor allem Konzerte, stattfinden. Allerdings werde diese Idee schon etwas "inflationär" gebraucht, so Fichtmüller. Er verlangt neue Ideen: "Zum Beispiel eine Modenschau, wie es in Berlin schon gemacht wurde. Möglich ist, was nicht der Würde oder dem Zweck des Gebäudes widerspricht und was religiöse Gefühle nicht verletzt."

Er hatte selbst vor Jahren vorgeschlagen, die Stadt- und Kreisbibliothek in der Luckenwalder Jakobikirche unterzubringen. Leider erfolglos. Der stark sanierungsbedürftige Bau steht zum Verkauf. Andere Sorgenkinder sind die Kirche in Kloster Zinna, wo große Stuckverzierungen abzustürzen drohen, die Sankt-Johannis-Kirche in Luckenwalde und der Kirchturm in Dahme.

Derzeit wird diskutiert, ob man Schwerpunktkirchen als "geistliche Zentren" auswählen soll. Diese würden vorrangig hergerichtet und für Veranstaltungen genutzt. Für die anderen Gotteshäuser könnte das bedeuten, dass sie dem Verfall preisgegeben werden.

Märkische Allgemeine vom 30. Juni 2006

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