SEEBURG (POTSDAM-MITTELMARK) LEBTE 57 JAHRE LANG MIT EINEM TORSO / NUN IST DER WIEDERAUFBAU VOLLENDET

Ein Ort hat seine Mitte gefunden

HILTRUD MÜLLER

Nur die Alten hatten noch eine Vorstellung, wie die Seeburger Kirche einst aussah, die in einer Aprilnacht des Jahres 1945 in Flammen aufging. Die nach dem Krieg Geborenen waren mit der Ruine aufgewachsen, die diesem Dorf nördlich von Potsdam das Gepräge gab. Einer akribisch gepflegten Ruine, denn siebenundfünfzig Jahre lang blieb das auf einen Torso von Chor und Apsis geschrumpfte Gotteshaus trotz allem eine lebendige Stätte der Gläubigen.

Dabei hatte schon zu Beginn der Sechziger Jahre der in Seeburg aufgewachsene Architekt Gerhard Köhne die Idee, Turm und Kirchenschiff nach altem Vorbild wieder aufzubauen. Doch ein anderes, weitaus gigantischeres Bauvorhaben kam ihm zuvor: Berlin wurde eingemauert. Und so starb der Plan, denn Köhne lebte in Westberlin - gestern noch einen Steinwurf weit von Seeburg entfernt, nach jenem 13. August 1961 mit einem Male auf Lichtjahre entrückt.

Doch irdische Bauten taugen nicht für die Ewigkeit. Als keine drei Jahrzehnte später die Mauer gefallen und Seeburg aus seiner Isolation getreten war, zog es Berliner zuhauf in das beschauliche Dörfchen. Es wuchs nahezu explosiv von 400 auf 1200 Seelen, und mit dem Zuzug wuchs die Kirchengemeinde. Sie zählt heute 320 Mitglieder.

Dieser Art gestärkt wuchs auch ihr Zutrauen, den Wiederaufbau nun doch in Angriff zu nehmen. Zunächst kam die Idee auf, etwas Modernistisches um den Kirchenrumpf herum zu bauen. Doch der Gemeindekirchenrat blieb skeptisch: Zu lange hatte man den alten Kirchturm wieder herbei gesehnt, als dass man nun, da seine Wiederkehr endlich möglich schien, darauf verzichten wollte. Als sich dann durch einen Zufall die Wege des Architekten Köhne mit denen von Otto Boltz und Erich Pfuhl vom Gemeindekirchenrat kreuzten, bekam die Sache Hand und Fuß. Köhne, heute 64, schlug vor, gemeinsam mit seinem Sohn Uwe die Architektenleistung gratis zu erstellen - doch nur dann, wenn die Seeburger an einem originalgetreuen Wiederaufbau interessiert wären.

Sie waren. Und so begann das Planen und Werben. Denn Geld musste beschafft werden (Gesamtkosten: 809 100 Mark). Es gründete sich ein Förderverein mit dem sinnstiftenden Namen "Tectum Dei" (Dach Gottes). Spenden wurden gesammelt, Landeskirche und Kulturministerium, Kirchenkreis und Kommune, das Amt für Flurneuordnung und potenzielle Stifter mobilisiert. Und als die wichtigsten Gelder eingetrieben waren, begannen vor Jahresfrist unter dem wachsamen Auge der Denkmalpfleger die Bauarbeiten. Das Kirchenschiff, von dem nur noch die Mauern aus dem Jahr 1210 standen, wurde ausgebaut, die Wände von Chor und Halbrundapsis - dem ältesten, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Teil - trocken gelegt und saniert, der Turm mit Glockenstuhl, Turmzimmer und Turmuhr aufgerichtet. Und weil sich die Dorfkirche in den letzten Jahren zu einem Ort der Begegnung für Jung und Alt, Alteingesessene und Neuzugezogene, Gläubige und Nichtgläubige etabliert hat, wird sie auch künftig nicht nur der Kirchengemeinde, sondern dem ganzen Dorf als Kulturstätte dienen. Das haben die Planer wohl bedacht. Und so kann das Kirchenschiff vom Altarraum durch eine gläserne Wand getrennt werden, womit sich eine intimere Stätte für kulturelle Veranstaltungen oder Gesprächskreise ergibt, ohne den Blick auf die Schönheit des ganzen Kirchenraumes zu verlieren.

Wiedergeboren auch die Altarfenster, die vor rund zweihundert Jahren zugemauert worden waren. Nun sind sie wieder freigelegt und mit farbenprächtigen Bleiglasmotiven nach Entwürfen des Potsdamer Künstlers Herbert Sander versehen: Vor dem Kreuz Christi eine weiße Taube - Sinnbild des Lebens, des Überlebens, des Friedens. Am kommenden Sonntag wird die Kirche - unsere Dorfkirche des Monats Mai - wieder geweiht.

 

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